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Weltweit Friedrich Kunath zeigt im Kunstverein Referenzhöhlen und -höllen
Nachrichten Kultur Weltweit Friedrich Kunath zeigt im Kunstverein Referenzhöhlen und -höllen
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22:35 26.11.2009
Von Johanna Di Blasi
Friedrich Kunath und „Die gescheiterte Melancholie“. Quelle: Ralf Decker
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Das Romantische ist immer noch eine der produktivsten ästhetischen Quellen. Und das vom gebürtigen Hannoveraner Friedrich Schlegel formulierte Konzept der romantischen Ironie, bei dem „das Produzierende mit dem Produkt“ in einem „steten Wechsel aus Selbstschöpfung und Selbstvernichtung“ dargestellt ist, erscheint nach wie vor hochmodern. Friedrich Kunath ist dem romantischen Prinzip verpflichtet. Schon äußerlich: Der 1974 in Chemnitz geborene und in Ostberlin aufgewachsene Künstler hat sich auf seine Unterarme einen Wal, ein Schiff mit windgeblähten Segeln und einen Notenschlüssel tätowieren lassen.

Vor ein paar Monaten ist Kunath von Köln nach Los Angeles gezogen. Er beschreibt es als bewussten „Zug nach Westen“. Die erste Etappe habe er bereits 1987 zurückgelegt, als er mit seinen Eltern von Berlin nach Braunschweig übergesiedelt sei. 150 Jahre nach den Goldgräbern und vier Jahrzehnte nach den Hippies spürt Kunath in Kalifornien Sehnsuchtsspuren von Weite, Freiheit und Glück nach. Das kann nur einem Romantiker einfallen. Kunath ist sich der tragischen Verzögerung bewusst. Und schöpft genau daraus die Stimmung seiner Inszenierungen aus Objekten – ein Anker ist in den Boden des Kunstvereins gerammt – und schwelgerischen Traumbildern mit Schiffen auf hoher See und einsamen Figuren in abstrakten Farbnebeln.

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Sein raumfüllendes Werk „Die gescheiterte Melancholie“ ist ein Beispiel dafür, was herauskommen kann, wenn man, wie es bei Kunath der Fall war, seinen Sprösslingen Reproduktionen von Caspar David Friedrichs „Eismeer“ und Albrecht Dürers „Melancholia I“ ins Kinderzimmer hängt. Zerdepperte Möbel, geborstene Scheiben, Spiegelfragmente und zersägte Gitarren sind als komplexes Splittermeer arrangiert und mit schneeartigem Dekopulver überzuckert, mit dem man üblicherweise Tannenbäume garniert. Die Installation sieht aus, als habe eine übermütige Rockband ihr Hotelzimmerinventar zertrümmert – und die geborstenen Teile zu einer Hommage an Caspar David Friedrich aufgeschichtet. Zum Trümmermeer, das sich auch als zeitgenössische Kommentierung kubistischer Werke lesen lässt, hat Kunath einen apokalyptischen Sound gemixt. Pedal-Steel-Guitar-Klänge dominieren. Sie dehnen Zeit wie einen Kaugummi.

Ein anderer Raum ist komplett mit blauem Jeansstoff tapeziert. Kunath nennt es seine „Jeans-Kathedrale“. Es riecht anheimelnd nach Denim, posterartig hängen Bilder an den Wänden. Man fühlt sich wie ins eigene Jugendzimmer zurückgebeamt. Sogar einen Sarg mit goldenen Griffen hat der Künstler in den Cowboystoff verpackt. „Für uns im Osten war die Jeans getragenes Gold“, erklärte der Künstler gestern. Die Hosen seien „wie kostbare Lennon-Platten“ gehandelt worden.

Kunath wäre aber kein romantischer Ironiker, wenn seine Kunst nur zum Träumen verleiten würde. Um Aufwachen geht es in einer zauberhaften kleinen Performance, die am ehesten mit den verschmitzten Interventionen des Polen Cezary Bodzianowski vergleichbar ist: Kunath lauert hinter einer Friedhofsmauer nichts ­ahnenden Passanten auf. Während sie, halb in Gedanken versunken, auf einen Koffer am Weg starren, tupft ihnen Kunath mit einem großen Hammer auf den Kopf. Die Leute blickten sich verdutzt um – doch niemand ist zu sehen.

Zu den Förderern der wundervollen Ausstellung gehört die Sparkassen­finanzgruppe. „Ohne diese liefe in Niedersachsens Kunstlandschaft kaum noch etwas“, sagte Kunstvereinschef René Zechlin am Donnerstag.

Die Ausstellung ist bis zum 24. Januar im Kunstverein Hannover, Sophienstraße 2, zu sehen. Die Eröffnung beginnt am Freitag um 20 Uhr.

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