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Weltweit Zweite Kasse, bitte!
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20:43 25.07.2014
Von Uwe Janssen
Dorsch war gestern: Friedrich Liechtenstein ist unterwegs nach Bad Gastein. Quelle: dpa
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Haben wir wirklich darauf gewartet, dass im Jahr 2014 ein Mann mit einer sabbernd-süßlichen Stimme „Belgique, Belgique, Belgique“ singt, „er kommt nie mehr zurück, Brigitte“, und Brigitte natürlich „Brischiet“ mit weichem „sch“? Das Ganze auf einem noch schwülstigeren Musikbett, das bei der Musikbettauswahl für das RTL-„Männermagazin“ Mitte der Achtziger hinten runtergefallen sein könnte. Synthiebeats mit einem Pornohall auf den Snare-Drum-Schlägen, sodass man die Neonreklame in den Farben von Sonny Crocketts Miami-Vice-Anzügen sofort vor Augen hat?

Nein, darauf haben wir nicht gewartet. Und es wäre vielleicht auch einfach nur ein vortrefflicher Beweis von Bad Taste, wenn es nicht den Interpreten dazu gäbe. Denn der ist ein – ja, was eigentlich? Star? Ja, ist er wohl, dieser Friedrich Liechtenstein. Bis vor Kurzem war er nur einem kleinen Publikum bekannt. Die sogenannte Hipsterszene, vielen Normalos ungefähr so sympathisch wie die Klamotten von Don Johnson, hätte in Liechtenstein eine Galionsfigur, wenn sie so etwas nicht kategorisch ablehnen würde.

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Doch dann kam dieser Spot für die Supermarktkette Edeka, in dem Liechtenstein, dieser graubärtige, ältere, etwas fülligere Dandy mit der Dandybrille und dem Dandyblick, feist durch den Supermarkt tänzelt und dem Wort „supergeil“ mit Brummbärstimme zu einer zweiten Karriere verhalf. Die Internetgemeinde feierte den Mann, klickte und klickte das Video, 20 Millionen Mal, irgendwann vergessend, dass es eigentlich Edeka feierte.

Genau das war Edekas Plan, die Hamburger Jung-von-Matt-Werber setzten es um. Und obwohl es müßig ist, darüber zu spekulieren, ob es einen besseren Protagonisten gegeben hätte als Friedrich Liechtenstein, muss man wohl sagen: Es hätte keinen besseren gegeben. Logisch, dass über kurz oder lang der Hype um Hans-Holger Friedrich, wie er eigentlich heißt, weitergedreht, befeuert, ausgenutzt und umgemünzt wurde. Oder, um im Supermarkt zu bleiben:  Zweite Kasse, bitte! Dass es ein Musikalbum sein wird, war eigentlich auch zu erwarten, zumal der Mann nicht nur brummeln, sondern auch passabel singen kann. Aber darum geht es gar nicht auf „Bad Gastein“, das zunächst zum Download und irgendwann wohl auch auf CD zu haben sein ist. Bei der Umsetzung sind die Produzenten Carl Schilde und Anselm Venezian Nehls behilflich gewesen, sie haben die Songs quasi um Liechtenstein herumgebaut, sodass Songs wie „Kommissar d’amour“, „Das Badeschloss“ oder „Elevator Girl“ in ihrer gemütlichen Gestrigkeit erblühen können. Dass man auf den Supermarktsong oder eine werbefreie Version davon verzichtet hat, ist ein geiler Zug übrigens.

Die Altmännerfantasieironie aus „Belgique, Belgique“, es ist nicht nur wegen der stattlichen zehn Minuten Länge das Herzstück des Albums, vielleicht auch ein bisschen weiter unten. Es ist vermutlich der erste und letzte erotisch angelegte Popsong, der auf der Expo 1958 in Brüssel spielt: „Beim Salzborgen betrat ich dann das erste Mal das Zimmer von Nancy, Louise und Douey / Ich wollt’ schon wieder gehen, da trafen mich die Blicke aus dem Electric Ladyland / Mein Körper versorgte mich mit Drogen. / Nancy war klein, weiß und weich. / Douey war groß, hart und heiß. / Louise war dunkel und warm.“ Das „warm“ klingt nicht wie „warm“, sondern wie „aaaaaaah“, den Rest muss man sich denken, es fällt nicht schwer. Dass Liechtenstein nichts ernst meint, nichts ernst nimmt, weder seine Texte noch seine Hörer noch nicht einmal sich, ist hoffentlich zu befürchten. Andernfalls wäre sein Geheimnis gelüftet, seine Aura weg, seine Kunst tot.

Und Bad Gastein? Das „Monte Carlo der Alpen“, wie es sich selbst bezeichnend bezeichnet, fühlt sich geschmeichelt. Und nicht nur das: Der coole Althipster aus Berlin-Mitte ist quasi ein Freund der Stadt. Ihn „verbindet eine langjährige Freundschaft zu einem Gasteiner Hotelier“, wie es auf der Homepage des österreichischen Kurorts heißt. Zum Dank wird Liechtensteins neues Werk zum „Konzeptalbum“ hochgejazzt, und am heutigen Sonnabend kommt der „selbstrnannte Schmuckeremit“ (basierend auf seiner selbstgewählten Einsiedlerei) höchstpersönlich  in die Berge und stellt ein paar Songs vor. Um 19 Uhr im Merangarten, nur, falls man Zeit hat und der Hubschrauber gerade frei ist.

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