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Weltweit Gary Oldman spielt den Maulwurfsjäger
Nachrichten Kultur Weltweit Gary Oldman spielt den Maulwurfsjäger
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12:00 02.02.2012
Von Stefan Stosch
Sieht müde aus, ist aber hellwach, wenn‘s drauf ankommt: George Smiley (Gary Oldman) jagt den Maulwurf. Quelle: dpa
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Berlin

Ach, was müssen das für übersichtliche Zeiten gewesen sein, als Doppelspione noch das größte Problem im Kampf der Systeme waren. Müde Männer in grauen Anzügen spielten tödliche Spiele nach dem Mikado-Prinzip miteinander: Wer zuerst mit den Gesichtsmuskeln zuckte, hatte verloren. Jeder belauerte jeden, keiner traute irgendwem, doch wurden die Spione im Westen von der tiefen Überzeugung getragen, dass sie die Einzigen seien, „die zwischen Moskau und dem Dritten Weltkrieg stehen“, wie es in der Neuverfilmung von John le Carrés Spionageklassiker „Dame, König, As, Spion“ heißt.

Heute sollten angehende Agenten mindestens Arabisch als Grundqualifikation vorweisen können. Aber auch dann wissen sie noch nicht, wo sich der Feind versteckt und ob es momentan empfehlenswert ist, ihn umzubringen.

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In den siebziger Jahren des vorigen Jahrhunderts war das anders. Da fragte der Oberspion in der Zentrale seinen Agenten: „Haben Sie noch Ihre ungarische Identität?“ Das klang zwar ein bisschen so, als hätte sich der Chef danach erkundigt, ob sein Bediensteter noch über die alte Angelausrüstung aus dem vorigen Urlaub verfügt, aber damit war alles Nötige geklärt. Und schon ging es los Richtung Budapest.

Mit dieser Dienstreise beginnt die Neuverfilmung von John le Carrés Buch. Der entsandte Spion soll hinter dem Eisernen Vorhang herausfinden, wer der „Maulwurf“ ganz oben in der Spitze des britischen Secret Service ist. Leider ist der Spion bald tot. Erschossen liegt er auf dem Kopfsteinpflaster in einem kulissenhaft hergerichteten Budapest.

Jetzt muss George Smiley (Gary Oldman) ran. Der ist zwar gerade pensioniert worden, einsam und sieht noch ein wenig grauer aus als all die anderen Agenten, aber er ist immer noch der beste Mann im „Circus“, wie die Geheimbehörde unter Eingeweihten heißt. Smiley will zwar erst nicht, aber irgendwann tut er eben doch, was er am besten kann. Die Schwierigkeit ist bloß: Die Verdächtigen sind seine ehemaligen Kollegen.

Ende der siebziger Jahre wurde Carrés Roman schon einmal als fünfteilige BBC-Serie verfilmt. Damals spielte Alec Guinness die Rolle des Smiley. Er hatte insgesamt beinahe fünf Stunden Zeit, um den Doppelagenten zu entlarven. Gary Oldman bleiben nur gut zwei Stunden. Er zögerte lange, in die Fußstapfen des berühmten Vorgängers zu treten. Doch dann machte er seine Sache so wunderbar, dass er für sein Spiel mit einer Oscar-Nominierung bedacht worden ist. Wie eine weise alte Schildkröte mit riesiger Hornbrille führt er die Ermittlungen in den eigenen Reihen, die so geheim sind, dass er nicht einmal Zugang zu den Akten im eigenen Haus bekommt. Innerlich jedoch, das spürt man, wächst seine Spannung, je enger er dem Gesuchten kommt.

Der schwedische Regisseur Tomas Alfredson hat mit „So finster die Nacht“ (2008) schon einmal eine ungewöhnliche Kinoarbeit abgeliefert: Er versah einen Vampirthriller mit sozialen Akzenten. Nun beschwört er gekonnt die Paranoia des Kalten Krieges. Die Farbe hat er aus seinen Bildern heraussaugen lassen wie das Blut aus den Opfern seines vorherigen Films.

Man muss sich „Dame, König, As, Spion“ wie einen Anti-Bond vorstellen – auch wenn später in den zahlreichen Rückblenden noch ein Ausflug nach Istanbul auf dem Programm steht. Dieser Film ist im besten Sinne altmodisch und traut sich lange Einstellungen auf Gesichter zu. Mit Worten und nicht mit Waffen wird hier getrickst und getäuscht, dass es eine Lust ist. Man muss schon ziemlich ausgebufft sein, um in diesem Intrigantenstadl zu überleben. Zur Verfügung steht dem Regisseur dabei ein hochkarätiges Ensemble von Colin Firth („The King’s Speech“) über John Hurt („Der Elefantenmensch“) bis zu Tom Hardy („Inception“).

Dem großen Meister John le Carré, mittlerweile 80 Jahre alt und einst selbst im „Circus“ tätig, hat die Umsetzung seines Werks nach eigenem Bekunden gefallen. Er hat das Filmteam sogar dazu aufgefordert, sich nicht zu sehr an die Buchvorlage zu klammern. Und: Le Carré tritt sekundenkurz als Agent 009 bei einer Geheimdienst-Weihnachtsfeier auf.

Selbstverständlich erledigt Smiley auch im Kino seinen schwierigen Job mit größter Professionalität. Ein Agent muss tun, was ein Agent eben tun muss. Wie wir heute wissen, haben Smileys Leute zwar den Kalten Krieg gewonnen, die Welt ist aber trotzdem nicht friedlicher geworden.

Manuel Becker 31.01.2012
02.03.2012