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Weltweit Renaissance des Sentiments
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14:04 12.04.2014
Glanzvoll: Lisa Batiashvili. Quelle: pr
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Hannover

Sehr viel populärer geht es kaum: Beethovens Violinkonzert und Tschaikowskys „Pathétique“. Entsprechend gut besucht war der hannoversche Kuppelsaal, wo die Pro-Musica-Abonnenten im Altvertrauten neue Seiten entdecken konnten – und entsprechend überrascht, aber auch (meist) überzeugt reagierten.

Es war die Stunde der Jungen, wozu im Klassikgeschäft noch zählt, wer Mitte dreißig ist. Dabei zeigte sich die georgische Geigerin Lisa Batiashvili vorwärtsgewandter als der kanadische Dirigent Yannick Nézet-Séguin, der nicht nur bei der Tschaikowsky-Sinfonie die Gefühligkeit vergangener Zeiten heraufbeschwor.

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Auch das Beethoven-Konzert beginnt er mit dem Rotterdam Philharmonic Orchestra mehr gefühlsbetont als rhythmisch streng. Da werden Temporückungen ausgekostet, kitzelt der Dirigent, mal mit Stab, mal ohne, das Hochromantische im Klassischen heraus. Bis die Solistin die Geige und das musikalische Wort ergreift. Batiashvili erzeugt auf ihrer Guarneri-Geige einen satten, aber nicht zu breiten Ton, sie artikuliert frei, ohne sich zu verlieren. Statt Vibratoseligkeit gibt es beredte Selbst- und Zwiegespräche. Das schließt sich nicht aus, wenn man zu den Kadenzen greift, die der deutsch-russische Komponist Alfred Schnittke für dieses Konzert geschrieben hat. Beethoven selbst hat ja, ungewöhnlich genug, keine Kadenz notiert – nur für seine eigene Klavierversion des Violinkonzerts (diese Kadenz wurde dann vor allem von Wolfgang Schneiderhan zurücktransponiert und leidlich populär gemacht). Die meisten Geiger begnügten sich mit den Kadenzen ihres renommierten Kollegen Fritz Kreisler       oder bastelten sich, wie Jascha Heifetz, eine Chance zur Selbstdarstellung.

Alfred Schnittkes Kadenz, die vor allem von Gidon Kremer vorgetragen wurde, ist da spröder, kantiger und mit ihren Zitaten (Brahms, Berg und unüberhörbar auch Schostakowitsch) Reflexion pur. Lisa Batiashvili hatte für diese Ausflüge in die Musikgeschichte die Noten parat, war aber in dieser Musik ganz zu Hause.

Im Schluss-Rondo kann Batiashvili das Tempo antreiben, was aber nicht verhindert, dass dies wohl eine der langsamsten (aber nicht langweiligen!) Interpretationen des Beethoven-Konzerts war. Doch wenn in der Kadenz in diesem Rondo die Musik pocht wie einst das „verräterische Herz“ in Edgar Allen Poes legendärer Erzählung, dann flirrt die Spannung.

Vor fünf Jahren hatte Lisa Batiashvili bei den Festwochen Herrenhausen ihr Hannover-Debüt mit einem zeitgenössischen Konzert gegeben, das ihr der Finne Magnus Lindberg auf den Leib geschrieben hatte, jetzt bewies sie, dass sie auch im Vergleich mit den unzähligen Interpretationen des Beethoven-Konzerts glanzvoll bestehen kann. Lauter Beifall, für den sie sich mit einem georgischen Lied bedankt.

Nach der Pause hatte Nézet-Séguin dann die Bühne für sich. Sein Handwerk ist stellenweise recht eigenwillig, aber er animiert seine Musiker aus Rotterdam so geschickt, dass man leicht überhört, wenn es im Gleichklang der Celli schon mal hapert. Dafür sind Blech- und Holzbläser markant.

Erstaunlich, wenn auch nicht unerklärlich, ist die Wiederkehr des Sentiments – und manchmal auch der Sentimentalität. Nach den Machern bis Technokraten kommen jetzt offenbar die Gefühlvollen. Auch Nézet-Séguins Altersgefährte Andris Nelsons riskiert da (bei der „Pathétique“ auf CD nachzuhören) einiges, bleibt aber formstrenger. Und beiden möchte man anraten, Altvater Jewgenij Mrawinsky nicht zu vergessen, der einst gezeigt hatte, wie man Tiefe und Strenge vereint.

Nézet-Séguin aber greift tief hinein ins  tragische Menschenleben, manchmal an der Grenze zur Larmoyanz, aber immer mit Gefühl für den Effekt. Das war vielleicht doch zu viel Kino. Aber wenn nach dem alles abwürgenden Ritenuto der Schlusstakte die Musik mit dem vierfachen Piano der Celli und der Kontrabässe im Nichts verklingt, dann kann sich kaum einer dieser Stille verschließen. Lange Pause im Saal, dann lauter Beifall. Und keine Zugabe. Was sollte nach Verstummen noch kommen?

Von Rainer Wagner

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