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Weltweit Geruchsexperten diskutieren über Düfte im Alltag
Nachrichten Kultur Weltweit Geruchsexperten diskutieren über Düfte im Alltag
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00:15 30.03.2013
Foto: Der Geruchsforscher Hanns Hatt (l.) und der Parfumeur Geza Schön diskutieren am Montag im Literarischen Salon über das Riechen.
Der Geruchsforscher Hanns Hatt (l.) und der Parfumeur Geza Schön diskutieren am Montag im Literarischen Salon über das Riechen. Quelle: Insa Cathérine Hagemann
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Hannover

Jeder Stadtteil riecht anders. In Berlin-Neukölln etwa hat Geza Schön ein Duftgemisch aus Döner Kebab und Waschmittel ausgemacht; in Berlin-Mitte riecht es nach Coffeeshop, Sushi und Leder, während in Reinickendorf eine bittere Duftnote vorherrscht. Das haben Schön und die Duftkünstlerin Sissel Tolaas, die auch schon mal bei den Kunstfestspielen Herrenhausen zu Gast war, herausgefunden. Gemeinsam wanderten die beiden durch die Hauptstadt, schnüffelten ausgiebig herum - und anschließend kreierte Parfumeur Schön für die Bezirke einen jeweils passenden Duft.

Dass jedes Viertel anders aussieht, weiß man. Der Gedanke, dass jeder Stadtteil auch anders riecht, kommt einem vielleicht erst etwas seltsam vor. „Beim Thema Geruch sind wir alle unterbemittelt“, sagt Geza Schön im Literarischen Salon Hannover. Einst hätten sich unsere Vorfahren mit der Nase am Boden fortbewegt, jetzt seien wir hochnäsig, ergänzt der Zellbiologe und Geruchsforscher Hanns Hatt, der „Das kleine Buch vom Riechen und Schmecken“ (Knaus Verlag, 224 Seiten, 14,99 Euro) veröffentlicht hat. Dabei, so Hatt, sollten wir nicht nur mit offenen Augen, sondern auch mit offener Nase durch die Welt gehen.

Wobei wir das zwangsläufig machen, denn nur selten halten wir uns für einen längeren Zeitraum die Nase zu. Und: „Wir riechen bis zum letzten Atemzug“, sagt Hatt. Doch es hapert an der Wahrnehmung dessen, was uns an Gerüchen umgibt, und daran, sie genau benennen zu können. Patrick Süßkind hat das in seinem Bestseller „Das Parfum“ geschafft, wofür der Schriftsteller - nach dem Urteil des Biologen Hatt - den Literaturnobelpreis verdient habe.

Gerüche können uns in gute Stimmung versetzen, können uns entspannen, ja, sie können - sagt der Forscher von der Universität Bochum im Gespräch mit Moderator Matthias Vogel - sogar Krankheiten heilen. Der Laie jedoch müsse das Riechen wieder erlernen und trainieren: „Riechen ist das beste Gehirnjogging, zehn mal besser als ,Sudoku‘, denn Dufttraining aktiviert ein Drittel des Gehirns.“

Parfumeur Schön hantiert in seinem Beruf mit Hunderten von Duftstoffen und hat Düfte wie „Diesel“ oder „Aqua Colonia“ für 4711 kreiert. Dabei ist der gebürtige Kasseler, der seine Ausbildung bei Haarmann & Reimer (jetzt: Symrise) in Holzminden machte, eher ein Freund des Puristischen. Wer morgens das Badezimmer verlasse, rieche meist schon nach Duschgel, Haarshampoo, Conditioner, Bodylotion, Tagescreme ... - eindeutig zu viel der Gerüche, meint der selbstbewusste Schön.

Er hat Furore mit Parfums gemacht, die aus nahezu nur einem Duftstoff bestehen, aus Iso E Super. Klingt zwar nach Benzin, ist aber Bestandteil etwa von Diors „Fahrenheit“. Schöns „Molecule 01“ besteht nur aus Iso E Super. Man könnte denken, dass der Parfumeur sich die Sache sehr einfach gemacht habe, doch man kann es auch anders betrachten: Schön hat die Parfumwelt revolutioniert, so wie Kasimir Malewitsch die Kunstwelt mit seinem „Schwarzen Quadrat“ revolutionierte.

Komplexer ist Geza Schöns Kreation „Paper Passion“, das der Göttinger Steidl Verlag herausgibt. Zum Auftragen sei dieser Duft nach frisch bedrucktem Papier nicht geeignet, meint der Parfumeur. Doch warum nicht? „Paper Passion“ riecht holzig, hat eine leichte Benzinnote, duftet nach Amber und Moschus. In Zeiten des E-Books ein geradezu betörender Duft.