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Weltweit Glauben Sie an Schutzengel, Melissa Etheridge?
Nachrichten Kultur Weltweit Glauben Sie an Schutzengel, Melissa Etheridge?
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10:00 13.04.2019
Musikerin und Aktivistin: Melissa Etheridge im Gespräch über ihr neues Album. Quelle: Rich Fury/Invision/AP
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Ms. Etheridge, Sie feiern gerade mit einer Tournee das 25-jährige Jubiläum Ihres Albums „Yes I Am“. Eine solch späte Ehre gewähren Künstler nur besonderen Alben in ihrem Werk. U2 gingen noch einmal auf eine „Josh­ua Tree“-Tour, Bruce Springsteen feierte sein Doppelalbum „The River“ mit einer Gedächtnistour. Was macht „Yes I Am“ so besonders für Sie?

Ach du liebe Zeit, wo soll ich beginnen? Das war eine ziemlich spezielle Zeit in meinem Leben. Ich hatte mich ja 1993 über meine Sexualität geoutet, das Album war also sehr persönlich. Und es war das erste Album, das in Amerika richtig erfolgreich war. Mit „Yes I Am“ wurde mein „Big Time“-Traum wahr.

Man dachte, der Titelsong „Yes I Am“ sei ein Ausrufungszeichen hinter Ihrem Coming-out gewesen. Aber es gab ihn schon früher.

Den Song hatte ich schon für das Album davor geschrieben. Es ist ein Liebeslied über Leidenschaft und Versprechungen. Dann wurde daraus der nächste Albumtitel, weil es so ein kraftvolles Statement ist. Und nachdem ich mich als lesbisch geoutet hatte, kroch in mir schon der Gedanke hoch, die Leute könnten den Titel in Zusammenhang damit bringen. Genauso war es auch. (lacht)

Plattenfirmen mochten Coming-outs nicht so. Wie war das bei Ihnen?

Na ja, was soll ich sagen, ich wurde in einer Lesbenbar entdeckt. Was ich war, war für alle, die mich kannten und mit mir arbeiteten, schon immer klar. Mein Entdecker Chris Blackwell, der Chef von Island Records und ein wunderbarer Mann, sagte zu mir: „Ich will nicht, dass du jemals etwas sein musst, was du nicht bist.“ Er sagte aber auch: „Solange du keine Fahne schwenkst.“ Ich kapierte damals nicht, was er meinte, und sagte: „Okay! Ich schwenke eigentlich nie Fahnen.“ Als ich mich 1993 outete und der Medientrubel losging, erinnerte ich mich an sein Wort vom „Fahneschwenken“ und begriff. Aber sie haben mich auch dann alle unterstützt. Ich hörte Geschichten von Radiopromotern, die zu den Sendern gingen und sagten: „Wenn ihr die Songs nicht spielt, weil sie lesbisch ist, dann werden die Leute das erfahren.“ Sie standen hinter mir.

Als Sie so weit waren, sich zu outen, hatten Sie da auch Angst?

Ich fühlte mich ja sowieso schon „out“. Ich hatte Partnerinnen, lebte das offen. Ich fühlte mich nicht falsch, seltsam oder anders. Als die Öffentlichkeit immer neugieriger auf mich als Künstlerin wurde und ich mehr Presse bekam – speziell ihr in Deutschland standet ja schon früh auf meine Musik, und eure Interviews waren ziemlich ernsthaft und tiefgründig –, da wollte ich euch gegenüber auch wahrhaftig sein. Sollte da also eine Angst gewesen sein vor einer Gegenreaktion, vor einem Scheitern, dass die Leute meine Platten nicht mehr kaufen würden, so war sie doch viel geringer als das Bedürfnis, ich selbst zu sein und daran zu wachsen.

Seit damals haben sich viele Dinge geändert, verbessert – bis hin zur homosexuellen Liebe in der Kunst. In einem Film wie „Call Me by Your Name“ geht es um die reine Liebe, und dass sie schwul ist, spielt keine Rolle mehr. Das ist auch Ihr Verdienst.

Ist das nicht eine wunderbare Welt, um darin zu leben? (seufzt) Ich war mit meinen Kindern in einem Disneyfilm und da lief der Trailer zu „Love, Simon“, der Geschichte eines schwulen Teenagers. Ich bin in eine Preview gegangen, saß da und weinte. Ich hätte nie gedacht, je so etwas so natürlich dargestellt zu sehen. Ja, ganz klar, ich bin sehr stolz darauf.

Ist dieser Wandel auch in kleineren Orten wie Ihrer Heimatstadt Leavenworth in Kansas spürbar?

Ja. Sie haben mich dort umarmt. Die Stadt wirbt auch mit „Heimat von Melissa Etheridge“. Und bei den letzten Wahlen wurde eine Frau, die in den Neunzigerjahren in meine Highschool ging und auch lesbisch ist, ins Repräsentantenhaus gewählt. Wunderbar. Sie sagt, man habe ihr in der Schule von mir erzählt, und das hat sie in dem Glauben bestärkt, es auch schaffen zu können.

„Ich fühlte mich nicht falsch, seltsam oder anders“: Melissa Etheridge ist stolz, dass ihr Coming-out ein wichtiges Zeichen für die homosexuelle Community war. Quelle: Rich Fury/Invision/AP

In den Anfängen seiner Wahlkampagne hat Donald Trump sich schwulenfreundlich gezeigt, hat sich gegen den Gouverneur von North Carolina und sein „Waschraum“-Gesetz gestellt. Es gab sogar eine LGBT-Gruppe „Schwule für Trump“. Wie haben Sie ihn gesehen?

Ich kenne ihn schon lange. Ich bin mal bei einer Schwulenhochzeit aufgetreten, wo auch Donald Trump war. Und ich erkenne einen Schauspieler am Gang. Ich weiß, was Ruhm ist, wie er sich anfühlt, dass er wie eine Droge sein kann. Trump war ein Realitystar mit der Serie „The Apprentice“ und wollte mehr vom Ruhm. Und jetzt hat er mehr abgebissen. als er kauen kann. Ich glaube, er dachte nicht ernsthaft, dass er Präsident werden würde. Und, nein, ich habe ihn von Anfang an nicht unterstützt.

In Ihrem neuen Song „Shaking“ erzählen Sie von Ihren Gefühlen, nachdem Trump gewählt wurde. Was ging Ihnen da durch den Kopf?

Ich sage Ihnen, das war eine schwere Nacht für viele. Wir waren alle bereit, eine Party zu feiern für die erste Frau im Präsidentenamt. Und dann zog da plötzlich dieser riesige düstere Schatten über uns auf. Schaue ich aber jetzt auf die letzten zwei Jahre, sind wir inzwischen einen langen Weg gegangen. Mein Land lernt, es wächst an der Situation.

Haben Sie nicht eher Angst nach Trumps Transgenderbann fürs US-Militär, dass alle Errungenschaften gefährdet sein könnten?

Die Gefahr, dass Leute „die anderen“ fürchten, die, die „anders“ sind als sie, besteht immer. Wenn politische Spalterei betrieben wird und den Menschen gesagt wird, ihre Probleme seien von anderen Menschen verursacht, kann das durchaus Feuer fangen. Die Gefahr ist da, und das schreit nach den guten Leuten, die jetzt auch aufgestanden sind und sagen: „Nein! Das sind wir nicht. Dafür steht unser Land nicht.“ Das hat zwei Jahre gebraucht, Demokratie ist echt langsam, aber ich habe den festen Glauben, dass es bei der Wahl 2020 eine gewaltige Erhebung geben wird. Dann wird die Angst vor dem anderen überwunden werden, der Nationalismus, all das irre Zeug. Wir werden ein goldenes Zeitalter betreten. Daran glaube ich von ganzem Herzen.

Bei den „Yes I Am“-Konzerten gab es auch Musik vom neuen Album „The Medicine Show“. Auf dessen Cover ist Ihr Kopf umkränzt von Pflanzen.

(lacht) Das ist aber kein Cannabis. Das wäre zu sehr der Wink mit dem Zaunpfahl gewesen. Aber ich wollte Blätter und Natur haben – denn es geht auf dem Album viel um Gesundheit, Freude, persönliche Veränderung, Heilung.

Der surreale Text des Titelsongs erzählt von „Mama’s Farm“, wo man unbedingt hin soll. Die „Etheridge Farms“ gibt es ja wirklich. Was wächst dort?

Es ist kein Geheimnis, dass ich dort seit einigen Jahren an einer Cannabis-Linie arbeite mit dem Ziel, dass diese Pflanzenmedizin überall in Amerika legalisiert wird. Jedes Jahr kommen weitere Staaten hinzu. Ich glaube fest an Cannabis als Medizin, als Alternative zum pharmazeutischen Albtraum, den viele Kranke erleben. Das neue Album ist meine Fahne, die ich in den Boden ramme: Das ist Medizin, lasst uns darüber reden, überzeugt euch selbst.

Cannabis hat Ihnen bei Ihrem Kampf gegen Brustkrebs geholfen.

2004 ging ich durch eine Chemotherapie – eine schlimme Vergiftung des Körpers. Mein Freund, der Sänger David Crosby, empfahl mir Cannabis. Es war damals in Kalifornien als Medizin schon legal. Und ich fragte meinen Roadie, ob er jemanden kennen würde, der jemanden kennt, der eine Arzneiausgabe hat. Schließlich fand ich jemanden. Als ich damals während meiner Krebserkrankung am eigenen Leib erfuhr, dass man sich damit wieder ganz normal fühlen kann, begriff ich erst, was Cannabis war. Das ist kein Spaßkraut, das ist Medizin.

Melissa Etheridge ist überzeugte Verfechterin der medizinischen Verwendung von Cannabis – und betreibt sogar eine Farm. Quelle: Rich Fury/Invision/AP

Etheridge Farms“ hat eine staatliche Lizenz für medizinisches Cannabis.

Wir haben eine Lizenz in Santa Cruz. Man muss dafür jede Menge Regulierungen in Kauf nehmen. Es war ein langer, langer Weg.

Viele Eltern fürchten Cannabis weiterhin als Einstiegsdroge.

Diese Geschichte wurde uns allen über lange Zeit erzählt. Sie kam von Leuten, die Angst hatten und die Pflanze nicht verstanden haben. Und weil sie verboten war, durfte 50 Jahre lang ja auch keine Cannabis-Forschung stattfinden. Ich kann dazu nur sagen: Schaut euch die Forschungsergebnisse an, die jetzt neu herauskommen. Man muss nur einmal gesehen haben, wie ein epileptischer Anfall mit der Verabreichung der ersten Dosis sofort endet, um zu sehen, dass diese Pflanze mit unserer Körperchemie einhergeht, und dass sie noch viel mehr Forschung und Verständnis verdient.

In Ihrem neuen Song „Here Comes the Pain“ erzählen Sie von Opioiden, die in den USA von Ärzten ohne Weiteres als Schmerzkiller verschrieben werden, obwohl sie unglaublich schnell süchtig machen.

Wir müssen einfach anders über Schmerz denken. Der Schmerzkiller nimmt den Schmerz deines gebrochenen Beins weg, und du merkst, dass er auch deine emotionalen Schmerzen nimmt. Der Glaube ist: Werden mir Schmerzen genommen, bin ich normal. Aber Schmerz kann ein Lehrer sein, Schmerz kann uns wachsen lassen.

Ihr Kollege Prince starb an Opioiden.

Wenn du Prince’ kraftraubende Shows gesehen hast, und dazu seine hohen Schuhe! Ich trage ja auch hochhackige Schuhe, aber ich stehe auf der Bühne und tanze nicht. Mit 40 gehen solche Schuhe dann auf deine Knochen, auf deine Hüften. Es tut richtig weh. Und weil du trotzdem so weitermachen willst wie bisher, nimmst du Opioide. Dann stehst du im Rampenlicht und der Schmerz ist weg. Du findest auch garantiert den Arzt, der auf Nähe zu einem Star steht, und der dir gibt ,was immer du willst. Wir haben ja auch Michael Jackson verloren, Tom Petty

In Ihrem Song „Last Hello“ singen Sie auf sehr anrührende Weise über den Highschool-Amoklauf von Parkland in Florida 2017. Diese Art Schießereien sind eine unselige amerikanische Tradition. Woher kommt das und wie kann das je heilen?

Inzwischen ist uns in Amerika klar: Menschen brauchen keine Automatikwaffen zu Hause, deren einziger Zweck ist, Menschen zu töten. Es ist diese Angst, die wir Amerikaner haben, dass irgendwer kommt, um uns zu holen. Aber da ändert sich gerade etwas. Die Waffenlobby hat ihre Macht über die Menschen in Amerika verloren. Die überlebenden Parkland-Schüler haben diese Veränderung ausgelöst. Sie sind aufgestanden, auf die Straße gegangen, haben gesagt „Stoppt das!“, und die Welt hat auf sie gehört und auf sie geblickt. Und sie machen weiter.

Sie haben selbst vier Kinder. Sind Sie manchmal beunruhigt, was die Zukunft ihnen bringen könnte?

Ich betrachte meine Kinder, höre, was sie denken, erlebe ihre Freunde. Ich glaube, wir unterschätzen die gewaltigen Veränderungen, die diese Generation herbeiführen wird. Ich freue mich darauf.

Das klingt überaus optimistisch. Sie vertrauen offenbar auf Happy Ends.

Natürlich. Total. Warum stünde ich sonst hier? Es mag viel Finsternis herrschen, aber wir Menschen wollen zum Licht. Die menschliche Spezies bewegt sich vorwärts, wir entwickeln uns weiter.

In Ihren Songs sind immer schon Engel unterwegs, auch auf dem neuen Album. Glauben Sie an Schutzengel?

Absolut. Die Wissenschaft erkennt nur 4 Prozent der Energie, die um uns herum ist. Unter den übrigen 96 Prozent, da bin ich mir sicher, müssen auch einige wunderbare Kräfte sein, die auf uns aufpassen.

Melissa Etheridge: The Medicine Show Quelle: Plattenlabel

Zur Person: Melissa Etheridge

Das neue Melissa-Etheridge- Album kracht regelrecht mit dem Titelstück los – der Song „The Medicine Show“ gehört vom ersten Ton in die „Born in the USA“-Klasse. Es folgt eine Sammlung gut abgehangener Rock-’n’-Roll-Songs, in denen es um Schmerz geht – und um Heilung. Geheilt werden muss, meint Etheridge, der Mensch, aber auch die gespaltene amerikanische Nation.

Melissa Etheridge (57), Tochter einer Computerspezialistin und eines Mathematiklehrers, stammt aus Leav­enworth, Kansas, lebt in Kalifornien. 1988 erschien ihr selbstbetiteltes Debüt. Sie erhielt zwei Grammys und einen Oscar (für den Song „I Need to Wake Up“ zur Klimadoku „Eine unbequeme Wahrheit“). 1993 outete sie sich als lesbisch.

Mit ihrer Ex-Partnerin Julie Cypher hat sie zwei Kinder und ebenfalls zwei mit ihrer Ex-Frau Tammy Lynn Michaels. Sie engagiert sich für politische Themen und kämpft seit einer Brustkrebserkrankung 2004 für die Legalisierung von Cannabis. Ihr Unternehmen „Etheridge Farms“ hat eine Lizenz zu dessen Anbau und Vertrieb.

Von Matthias Halbig

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