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Weltweit Goldener Brief auf dem Weg zum Weltkulturerbe
Nachrichten Kultur Weltweit Goldener Brief auf dem Weg zum Weltkulturerbe
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20:07 19.04.2013
Von Simon Benne
Maßarbeit: Der goldene Brief wird derzeit mit aufwendigen neuen Verfahren als 3-D-Modell für Myanmar reproduziert.
Maßarbeit: Der goldene Brief wird derzeit mit aufwendigen neuen Verfahren als 3-D-Modell für Myanmar reproduziert. Quelle: Emine Akbaba
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Hannover

Eine halbe Stunde hatte die Delegation aus Myanmar für den Besuch eingeplant. Doch dann blieben Kulturminister Aye Myint Kyu und sein Gefolge fast zwei Stunden lang in der Leibniz-Bibliothek. Immer wieder fotografierten sie bei ihrer Visite im März den rubinbesetzten Goldenen Brief, den ein birmanischer Herrscher 1756 an den hannoversch-britischen König Georg II. geschickt hatte. Der Minister, selbst ehemaliger Brigadegeneral, soll tief ergriffen vor dem Schreiben gestanden haben, das der Nationalheld Alaungphaya einst in hauchdünnes Blech aus purem Gold ritzen ließ: „Am Ende salutierte er vor dem Brief“, sagt Bibliotheksdirektor Georg Ruppelt. „Ich habe mich dann kurzerhand angeschlossen und auch salutiert.“

Der Besuch aus Myanmar, dem früheren Birma, dürfte Folgen haben. Denn die Militärregierung in Rangun öffnet das Land derzeit langsam dem Westen. Die lange drangsalierte Friedensnobelpreisträgerin Aung San Suu Kyi sitzt inzwischen im Parlament, die Gründung eines Goethe-Instituts in Rangun ist beschlossene Sache. Und jetzt hat die Regierung auch signalisiert, ein kulturelles Großprojekt in Hannover zu unterstützen: Die Leibniz-Bibliothek will den Goldenen Brief zum Unesco-Welterbe erklären lassen. Bis Oktober wird sie bei der deutschen Unesco-Kommission in Bonn beantragen, das einzigartige Dokument, das bis vor zwei Jahren fast unbeachtet im Tresor der Bibliothek schlummerte, in die Dokumentenerbeliste „Memory of the World“ aufzunehmen. Es stünde dann auf einer Stufe mit Beethovens Notenhandschriften oder der Gutenberg-Bibel.

Nachdem die Unesco europäische Kulturgüter lange bevorzugt hatte, wird der begehrte Titel derzeit eher sparsam in die Alte Welt vergeben. Internationale Anträge hingegen haben gute Chancen - zumal historisches Archivmaterial wie eine Übersetzung des Goldenen Briefes in London und eine Abschrift in Rangun gleich mit ausgezeichnet würden. Der Goldene Brief ist eben ein Dokument aus der Frühzeit globaler Vernetzung. „Der Titel könnte uns womöglich schon 2014 zuerkannt werden“, sagt Ruppelt, „rechtzeitig zum 300-jährigen Jubiläum der hannoversch-britischen Personalunion.“ Nach den 2007 ausgezeichneten Leibniz-Briefen wäre das der zweite Welterbetitel für Hannover.

Vor gut 250 Jahren hatte König GeorgII. das Angebot seines birmanischen Kollegen, einen Handelsstützpunkt aufzubauen, nicht einmal beantwortet. Jetzt kann der Brief doch noch helfen, eine Brücke zwischen den Nationen zu schlagen - dank modernster Technik: Mit eigens entwickelten Verfahren wird das kostbare Stück derzeit dreidimensional gescannt. „Wir gehen dabei über die Grenzen des bisher Machbaren hinaus“, sagt Norbert Zimmermann. „Was wir mit dem Brief machen, ist eine technische Weltpremiere - so etwas hat es noch nicht gegeben.“

Zimmermann arbeitet bei der Hamelner Firma ScanBull. Diese gilt als Marktführer für Scantechnologie. Sie hat die Disney-Studios mit Technologie für Animationsfilme wie „Shrek“ beliefert, und sie baut spezielle 3-D-Scanner für die Autoindustrie, die Messdaten von Kotflügeln erfassen können oder ein virtuelles Einpassen von Kurbelwellen und Auspufftöpfen in Fahrzeugmodelle ermöglichen.

Jetzt steht Zimmermann zwischen Kabeln und Leuchten in einem kleinen Raum in der Leibniz-Bibliothek. Vor einer Kamera justiert er eine Papierkopie des Goldenen Briefes, um die Ausleuchtung zu testen. In den kommenden Wochen fotografieren er und seine Kollegen das Original des kostbaren Briefes, dann werden die Ingenieure in Hameln monatelang damit beschäftigt sein, eine detailgetreue 3-D-Reproduktion herzustellen.

So, wie Kunden von Online-Versandhändlern am Bildschirm Schuhe von allen Seiten betrachten können, wird auch die digitale Kopie des Goldenen Briefes virtuell drehbar sein. Als dreidimensionale Projektion soll dieser außerdem im Raum erscheinen können. Nutzer werden den Brief, der dann vor dem Bildschirm zu schweben scheint, am Touchscreen auch vergrößern, zerknüllen oder aufrollen und in seine Schutzhülle aus Elfenbein stecken können - genauer gesagt: Sie werden dies mit einem Duplikat in hochauflösender Reproduktion tun können. „Einzelne Detailaufnahmen werden mehr als 60 Megapixel haben“, sagt Zimmermann. Zum Vergleich: Gewöhnliche Digitalkameras verfügen etwa über eine Bildauflösung von zwölf Megapixel.

Durch die Kombination verschiedener Licht- und Interpolationsverfahren soll ein in dieser Art bislang einmaliger 3-D-Scan eines Kunstwerks entstehen: „Man wird auf dem Brief Facetten sehen können, die ohne Lupe nicht wahrnehmbar sind“, sagt Zimmermann. „Vielleicht machen wir sogar alte Fingerabdrücke der Könige sichtbar.“ Dabei sollen die Datengrößen jedoch so gering sein, dass Nutzer den Brief auch mit normalen Smart-phones betrachten können.

Das Auswärtige Amt fördert das ehrgeizige Projekt aus seinem Kulturerhaltungsprogramm - und aus diplomatischen Erwägungen: Myanmar hat Interesse an dem Brief bekundet. „Als digitale Kopie können wir ihn in der Nationalbibliothek von Rangun zeigen, ohne dass er Deutschland verlassen muss“, sagt Ruppelt. Ihn als Leihgabe dorthin zu geben wäre auch gar nicht mehr problemlos möglich: Im Dezember wurde der Brief ins „Verzeichnis national wertvollen Kulturgutes“ aufgenommen. Ins Ausland darf er nur noch mit Sondererlaubnis der Bundesregierung geschickt werden.

Den Löwenanteil der Kosten für die 3-D-Aktion trägt die Firma ScanBull: „Wir investieren eine mittlere sechsstellige Summe“, sagt Zimmermann. „Für uns ist das auch ein Test unserer Technologie, wir erproben dabei ganz neue Verfahren.“ Ihm schwebt vor, dass Museen irgendwann einmal Objekte, die sonst in Magazinen verborgen sind, als 3-D-Kopien ins Netz stellen könnten - interaktiv, haptisch, anfassbar. Das kopierte Kunstwerk wird im Zeitalter seiner dreidimensionalen technischen Reproduzierbarkeit viel von der Aura des Originals haben. Auch in der Leibniz-Bibliothek soll nach deren Umbau eine überdimensionale Kopie des Briefes zu sehen sein, sagt Direktor Ruppelt: „In einer Ausstellung wollen wir den Brief wie ein schwebendes Hologramm in den Raum projizieren.“