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Weltweit Gustav Klimt und die Klischees
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20:27 30.03.2012
Foto: Der Maler Gustav Klimt um 1912.
Der Maler Gustav Klimt um 1912. Quelle: Imagno
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Wien

Der gefeierte Künstler und seine Muse tanzen, ja, flattern in der Sommerfrische am Attersee in Reformkleidern durch den Garten wie bunte Schmetterlinge. Man schreibt das Jahr 1909 und ist lebensreformbewegt.

Erst jüngst hat der Schriftsteller Christian Kracht in seinem Roman „Imperium“ einem lebensreformerischen Nudisten aus jener Zeit, der historischen Figur August Engelhardt, ein Denkmal gesetzt. Kaum jemand aber verkörperte damals die neue Freiheit so hin- und mitreißend wie das Wiener Traumpaar Gustav Klimt und Emilie Flöge.

Auch beim Malen und in der Liebe nahm sich der 1862 geborene Jugendstilkünstler, Sohn eines aus Böhmen stammenden Goldgraveurs, größte Freiheiten heraus. Wie sehr der künstlerische Reformapostel und Frauenfreund Klimt mit seinen Bildschöpfungen die Zeitgenossen beunruhigte, ist kaum mehr nachvollziehbar.

Die schier endlosen Ketten anonymer, aufblühender und vergehender Menschen vor unsicheren Hintergründen verstörten. Die freizügigen Aktdarstellungen waren Stadtgespräch. Ein Gesellschaftsspiel in Wien war es zu rätseln, welche Dame von Rang wohl für das eine oder andere Bild Modell gesessen oder gelegen haben mag. „Nicht das Nackte auf dem Bilde, sondern das Hässliche wird von uns angefochten“, erklärte ein Sprecher aufgebrachter Klimt-Gegner, während der Schriftsteller Hermann Bahr den Maler verteidigte - und gehässige Polemiken als kommentierten Pressespiegel herausgab.

Heute regen Klimt-Gemälde wohl niemanden mehr auf. Er scheint zu einer goldig-verschnörkelten Säule des Wien-Marketings erstarrt zu sein. Am 14. Juli jährt sich der Geburtstag des bedeutendsten österreichischen Jugenstilkünstlers zum 150. Mal. Wiens Museen nehmen das Jubiläum zum Anlass, das süßlich-kitschige Bild etwas aufzubrechen und den künstlerischen Gipfelstürmer und Sezessionisten wieder hervorzukehren.

Die Wiener Albertina zeigt eine große Zeichnungsausstellung. Unter dem Titel „Gustav Klimt. Die Zeichnungen“ ist ein Großteil der insgesamt 170 Blätter aus eigenem Bestand ausgestellt, ergänzt durch Leihgaben. Alle Werkphasen sind vertreten. Neben Figurenstudien finden sich preziös ausgeführte Allegorien und ziemlich freizügige Akte.

Wer Klimt-Gemälde sehen möchte, findet diese in weltweit größter Konzentration im Wiener Schloss Belvedere. Dort hängt beispielsweise der weltberühmte „Kuss“. Anlässlich des Klimt-Jahres zeigt das Obere Belvedere sämtliche Gemälde Klimts aus dem Bestand des Hauses in besonderer Präsentation („150 Jahre Gustav Klimt. Meisterwerke im Fokus“; 15. Juni 2012 bis 6. Januar 2013). Erstmals zu sehen sind zwei Werke, die erst jüngst aus einem Nachlass ins Belvedere gelangten: „Die Sonnenblume“ von 1907 sowie das zärtliche Bild „Die Familie“. Nicht mehr in Wien, sondern in New York zu finden ist Klimts „Goldene Adele“. Das Bild wechselte vor sechs Jahren für angeblich 135 Millionen Dollar den Besitzer.

Das Privatleben Klimts, das der Künstler schützte, nimmt das Wiener Leopold-Museum im Jubiläumsjahr in den Fokus. Tatsächlich gelang es, ein paar unbekannte Facetten aufzuspüren. Bis 27. August läuft im Leopold-Museum „Klimt persönlich. Bilder - Briefe - Einblicke“. Unter den gezeigten Raritäten sind Fotografien, die auf Autochrome-Platten der Brüder Lumière aufgenommen wurden. Als würde sich überraschend ein Fenster zur Vergangenheit auftun, sehen wir Klimt und Flöge in Farbe. Die Kutte des Malers war enzianblau.

Klimt war nie verheiratet, hatte aber zahlreiche Affären und mehrere Kinder. Er war impulsiv, ein Lebemensch, durchlitt aber periodisch melancholische und depressive Phasen. Aus der privaten Korrespondenz, die das Leopold-Museum ausbreitet, erschließt sich ein Charakterbild mit allerlei nervösen und hypochondrischen Zügen. Entgegen dem vom Künstler selbst genährten Vorurteil der Schreibfaulheit („Schon wenn ich einen einfachen Brief schreiben soll, wird mir angst und bang wie vor drohender Seekrankheit“) gab Klimt über seine Befindlichkeiten in einer Fülle von Postkarten und Briefen Auskunft.

Hauptadressat war sein Lebensmensch Emilie Flöge. Die angeblich lesbische Reformkleider-Schöpferin überschüttete Klimt an manchen Tagen gleich mit mehreren Postkarten. „Zermürbt, zermatscht, zerquetscht“ oder „Mein Schnupfen leider zur ‚Höchstblüthe` gebracht - ditto eckelhaften Husten“, ließ er sie wissen. Es folgte eine Beschreibung der Schleimbeschaffenheit. Dem Schriftsteller Arthur Schnitzler offenbarte der von Versagensängsten geplagte Maler, er habe noch keinen Tag erlebt, an dem er nicht unglücklich gewesen sei. Der angebliche Hedonist Klimt empfand sich selbst als „namenlos unglücklichen Menschen“. Davon jedoch ist auf den betörenden Aufnahmen aus der Sommerfrische nichts zu bemerken.

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