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Weltweit Haben Sie Angst vor der Zukunft, Annett Louisan?
Nachrichten Kultur Weltweit Haben Sie Angst vor der Zukunft, Annett Louisan?
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22:00 05.04.2019
Annett Louisan wird auf ihrem neuen Album ganz persönlich: Ein Gespräch über das Muttersein, Musik und politische Botschaften. Quelle: Christoph Koestlin
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Frau Louisan, als Sie im Jahr 2004 Ihr Debütalbum „Bohème“ mit dem Hit „Das Spiel“ veröffentlichten, hatten Sie noch keine Vorstellung, wie lange der Erfolg anhalten würde. Sie haben jetzt seit 15 Jahren eine stabile Karriere. Wie blicken Sie darauf?

Ich bin sehr stolz. Auch froh, dass ich einigermaßen unversehrt da durchgekommen bin. Es gab ja auch ein paar Berg- und Talfahrten. Ich bin jetzt 41, habe ein Kind bekommen. All das hab ich in mein aktuelles Doppelalbum gepackt. In den letzten fünf Jahren hatte ich die Chance, noch mal auf mein Leben, meine Kindheit, Jugend und Familie zu schauen. Und mir zu überlegen: Was will ich eigentlich in den nächsten 20 Jahren?

Und was planen Sie?

Ich werde vor allem meine Tochter Emmylou großziehen. Seit den letzten anderthalb Jahren weiß ich, was für ein intensiver, toller Job das ist. Und dann möchte ich noch Musikerin sein, Alben machen, dabei mutig sein und noch ganz viel ausprobieren. In den Jahren nach dem Debüt hatte ich so viele Sehnsüchte, war mir aber nicht so klar, was ich wirklich wollte. Und das habe ich auch meinen Alben angehört. Mal war da Sehnsucht nach Pop, dann nach handgemachtem Chanson. Das war bunt durcheinander. Man kann das auch alles machen, nur ist es besser, es voneinander zu trennen.

Wie Sie es jetzt auf dem Doppelalbum „Kleine große Liebe“ gemacht haben. Der kleine akustische Folk, die „kleine Liebe“, befindet sich auf der einen, der große volltönende Pop, die „große Liebe“, auf der anderen Disc.

Genau. Die Popplatte ist auch eine Hommage an meine Kindheit, das hat tierisch Spaß gemacht. Ich bin in den Achtzigerjahren groß geworden, da hab ich alles Mögliche gehört – von France Gall bis Madonna. Ich habe jetzt auch nicht den Anspruch, Musik zu machen, die up to date ist. Das stresst mich alles gar nicht. Ich möchte Musik machen, die mich berührt, die ich verstehe und die mich abholt. Diesmal konnte ich richtig viel dazu beitragen.

Zu der großen Popliebe?

Mittlerweile auch zu der kleinen akustischen. Das ist ein Reifungsprozess gewesen. Ich habe irgendwann gemerkt, dass die Lieder, die für mich geschrieben werden, immer seltener zu mir passten. Ich muss mich bei den Songwritern einfach kreativ einbringen können. An diesem Punkt meines Lebens, dachte ich, es sei an der Zeit, ein richtig persönliches Album zu machen, auf mein Leben zu schauen.

Im Lied „Meine Kleine“ schlüpfen Sie dafür sogar in die Rolle Ihrer Mutter – wie sie war, als Sie ein Kind waren.

Die Mutter ist die Mutter aller Themen (lacht). Man muss sich einmal damit befassen. Es ist für mich wichtig, auf die Generationen vorher zu blicken, um daraus zu lernen. Meine Großmutter hat auf dem Sterbebett gesagt: „Mensch, hätte ich mal mehr für mich getan“. Meine Mutter hat spät damit angefangen – als sie 50 war. Und ich hab mit 40 gelernt, auch mal nein zu sagen. Mal sehen, wie früh das bei meiner Tochter kommt. Das Verhältnis zu meiner Mutter war immer sehr intensiv, nicht immer unproblematisch, wie das eben so ist. Sie ist aber bis heute eine der wichtigsten Personen für mich, ich liebe sie sehr.

Es ist auch erst möglich, die Eltern zu verstehen, wenn man selbst Kinder bekommt, sich sorgt, Ängste hat.

Es gibt da gleich zwei Ängste, die mir neu sind. Die erste ist die furchtbare Angst um mein Kind. Und zum ersten Mal auch Angst um mich selbst. Das gab es nie zuvor, und damit habe ich ganz schön zu kämpfen. Mit der Angst, dass mir irgendwas passiert, dass ich meine Tochter nicht aufwachsen sehen kann (schüttelt sich). Und dennoch lohnt es sich, da durchzugehen.

Annett Louisan Quelle: Christoph Koestlin

Ein Kind könnte die Musik theoretisch auf den zweiten Platz verdrängen, haben Sie mir in einem früheren Interview gesagt. Wie ist das heute? Ziehen da zwei Kräfte an Ihnen?

Ich bin ordentlich am Kämpfen, diese zwei Welten zusammenzubringen. Vor allem weil die Nächte nicht so reichhaltig sind. Meine Tochter ist ein wundervolles Mädchen, aber eine schlechte Schläferin. Sie wacht immer noch stündlich auf, möchte eigentlich nur wissen, dass jemand da ist. Und über anderthalb Jahre stündlich aufzuwachen, das macht sich bemerkbar. Dann muss man noch gut aussehen und kreativ sein (sie macht das Geräusch eines Luftballons, aus dem die Luft rausgeht).

Wie machen Sie das, wenn Sie an die Musik gehen. Wechseln Sie sich bei Emmylou Rose mit Ihrem Mann ab?

Ja, genau. Im ersten Jahr war ich wirklich nur Mama, und das habe ich wahnsinnig genossen. Und ich habe auch die Bühne nicht vermisst. Ich wollte mich dem so hingeben. Das war die totale Symbiose, eine wunderschöne Zeit. Vor einem halben Jahr habe ich angefangen, mit Michael Geldreich, einem Mainzer Produzenten, das ganze Songmaterial zu sichten und zu produzieren. Das war wie eine Brieffreundschaft.

Wie lief der Aufnahmeprozess?

Ich habe viel zuhause aufgenommen. Mein Mann hat mir dabei geholfen – ein Mikrofon neben das Sofa platziert. Die produzierte Musik kam übers Netz, zu Hause habe ich dazu gesungen – immer abends und das Babyfon immer neben mir. Da hätte ich es auch noch nicht geschafft, für Tage weg zu sein. Das schaffe ich eigentlich immer noch nicht. Heute ist auch nur ein halber Interviewtag, die erste Tageshälfte war Kita-Eingewöhnung.

Man zerreißt sich.

Ich glaube, das muss ich gar nicht. Emmylou Rose hat Priorität. Da muss keine Entscheidung gefällt werden oder so. Man braucht nur ein gutes Zeitmanagement. Auf Tour nehme ich sie auch mit. Und wenn ich merke, das geht alles nicht, muss ich eben die Reißleine ziehen. Zum ersten Mal in meinem Leben habe ich Konzerte versichert (lacht). Es kommt nun nicht mehr nur auf mich an. Wenn ich einen Schnupfen hatte, habe ich mich immer auf die Bühne gestellt. Aber wenn jetzt meine Tochter krank ist, muss ich bei ihr sein.

Zwei Lieder, „Ein besserer Mensch“ und „Traum“, sind direkt über Sie und Ihre Tochter. Hat ein Songwriter den Drang, seinen Kindern Lieder zu schenken?

Schon. Sie ist schließlich die größte Liebe meines Lebens. Und es war bei mir ja auch echt klassisch: Ich habe so lange gewartet, dachte, ich hätte noch so wahnsinnig viel Zeit. Dann war ich 39, mein Mann 43. Bis dahin haben wir noch so ein richtiges Kinderleben gelebt. Wir waren viel auf Reisen, haben es krachen lassen, unter der Woche Partys geschmissen. Wir waren echte Hedonisten. Irgendwann merkte ich: Ich muss stehenbleiben, etwas ändern.

Was hat sich verändert?

Ich war immer so ein Glückssuchender, so ein Glückskind. Ich habe schon richtig erwartet, dass mir das Glück zufällt. Heute glaube ich gar nicht mehr so sehr an das Glück. Ich brauche Sinn in meinem Leben. Zugehörigkeit und Familie machen mich glücklich, Verantwortung für mich und andere zu übernehmen.

Wickelt der Papa auch?

Ja, der Papa wickelt, da hat sich sehr viel verändert. Obwohl es schon immer noch so ist: Wenn die Bank anruft, will sie den Mann sprechen, der Kindergarten verlangt meist die Frau. Aber die Väter sind toll geworden. In meinem ersten Mamajahr war ich in einer reinen Väterrunde. Die hatten alle Erziehungsurlaub.

Annett Louisan Quelle: Christoph Koestlin

Sprechen wir über die #MeToo-Bewegung: Haben Sie im Musikgeschäft Übergriffe erlebt?

Mir ist nichts passiert. Mein altes Label 105 Music, die Leute um mich herum – das war alles behütend. Vielleicht hatte ich auch immer eine Nase dafür herauszufinden, wer mich auf gute Art und Weise weiterbringt. Vielleicht ist es in der Musik auch anders als beim Film, wo man monatelang zusammen dreht. Man ist ja relativ autark und arbeitet mit seiner kleinen Gruppe von Leuten. Und dann ist man ja die Sängerin, der Künstler – es ist auch eine hierarchische Struktur, die einen schützt. Natürlich verhalte ich mich heute auch anders als mit 16 oder 26.

Das heißt?

Na, dass man damals schon mal über einen schmierigen Spruch hinweggegangen ist. Was man heute nicht tun würde.

Hat die #MeToo-Bewegung etwas verändert?

Wir sind schon alle vorsichtig geworden, haben eine ängstliche Haltung. Aber ich finde es ganz großartig, dass das angefangen hat. Wobei es natürlich nur die Spitze des Eisbergs ist, wenn man bedenkt, wie Frauen heute in vielen Ländern noch betrachtet werden, wie schrecklich mit ihnen umgegangen wird. Eine andere Sache, die vielleicht nur am Rande mit #MeToo zu tun hat, ist, dass wir aufpassen müssen, nicht alle Ambivalenzen streichen zu wollen. Wenn wir aus dem Drang heraus, alles zu optimieren, zu moralisch werden, habe ich ein unwohles Gefühl. Das ist nicht echt, da droht viel verloren zu gehen.

Was würden Sie gerne noch mal in Ihren Liedern thematisieren?

Ich wollte immer ein Lied über meine ostdeutschen Wurzeln schreiben – und das habe ich diesmal auch geschafft. Der Mauerfall gehört mit zu den schönsten und eindrucksvollsten Erlebnissen meines Lebens. Diese Euphorie von damals trage ich noch immer in mir. Auch das Thema Fremdenfeindlichkeit war mir ein Anliegen. Was da passiert, belastet mich seit Jahren ganz stark. Ich will keine heile Welt zeichnen oder den Zeigefinger erheben, sondern die Menschen diesbezüglich ansprechen, sie nicht allein lassen.

Die rechten Populisten sind auf dem Vormarsch gegen die Demokratie. Sorgen Sie sich, Ihre Tochter könnte in einem unfreien Land leben?

Natürlich sorge ich mich darum. Die Entwicklung ist ja weltweit furchtbar. Es scheint geradezu, als wolle sich die Geschichte wiederholen. Und trotzdem glaube ich an positive Wendungen und höre nicht auf zu hoffen. Und frage mich als Musikerin: Was kann ich gegen Hass und Wut und für die Demokratie tun, was ist meine Aufgabe?

Früher gab es für Anti-Rechts-Sprüche beim Konzert Jubel und Applaus. Heute bekommt man ein „Halt die Klappe und spiel!“ zugerufen.

Das geht mir auch so. Wenn ich etwas gegen die AfD sage, gibt es sofort Buhrufe. Und ich sehe auch am anderen Tag in den sozialen Medien, dass ich Tausende von Likes weniger habe, wenn ich mal impulsiv meine Meinung äußere. Wobei es nichts bringt, nur draufzuhauen und diese Leute als ungebildet anzuschauen. Man muss die Leute miteinander verbinden, statt sie noch mehr zu spalten. Wie das geht? Den richtigen Weg suche ich noch.

Der Song „Die schönsten Wege sind aus Holz“ – ist das Ihr eigenes „Je ne regrette rien“. Bedauern Sie nichts?

Ich hab’s gelernt, nichts zu bedauern. Ich habe gelernt, Freundschaft mit mir zu schließen. Das war wichtig für mich. Ich war manchmal so ungnädig mit mir, habe mich selbst kritisiert, hatte Angst vor Fehlern, habe mich dadurch selbst gelähmt. Ich musste lernen, Eigenregie zu wagen, mich zu trauen, auch mal was in den Sand zu setzen. Ich sage mir heute beim Gang auf die Bühne: Selbst wenn du alles komplett vergisst und komplett Mist baust – davon geht die Welt nicht unter. Ich bin jetzt freundlicher zu mir, das tut mir gut. Auch zu wissen, das, wenn man durch Angsttäler geht, man oft an besonders schöne Orte kommt. Von alldem handelt der Song.

Möchten Sie noch mehr Kinder?

Ich könnte es mir vorstellen, weiß aber nicht, ob ich es schaffe. Schwangerschaft, Geburt und Betreuung haben mich schon voll in Anspruch genommen. Jetzt, wo ich Emmylou Rose habe, finde ich es nur schade, dass ich mich nicht schon früher dafür entschieden habe.

Emmylou Rose – kommt der Name von den Sängerinnen Emmylou Harris und Bette Midler im Film „The Rose“?

Nein Emmylou kommt von Emmyluise – so hieß meine geliebte Oma, von der ich ja auch meinen Künstlernamen Louisan habe. Die Rose ist die vom „kleinen Prinzen“, die ich für die Fernsehserie gesprochen habe. Und Rose ist, finde ich, einfach so ein wahnsinnig schöner Name für ein Mädchen.

Annett Louisan: Kleine Große Liebe Quelle: Christoph Koestlin

Zur Person: Annett Louisan

Annett Louisan (bürgerlich Annett Päge) wurde am 2. April 1977 in Havelberg in der Nähe von Stendal geboren und wuchs in Schönhausen an der Elbe auf. Als sie zwölf war, zog sie mit ihrer Mutter nach Hamburg. Dort lebt sie jetzt auch mit Ihrem Ehemann, dem Produzenten Marcus Brosch, und ihrer 2017 geborenen Tochter Emmylou Rose.

Louisan wurde 2004 mit dem Song „Das Spiel“ bekannt. Im Jahr darauf erhielt sie gleichmehrere Auszeichnungen – darunter den Echo und den Diva-Award als „New Talent of the Year“. Das aktuelle Doppelalbum „Kleine große Liebe“ ist ihr achtes.

Auf der ersten CD „Kleine Liebe“ dominieren folkige Lieder, die sie mit Frank Ramond, ihrem Co-Texter seit frühesten Tagen, geschrieben hat. Auf der zweiten Disc frönt die Sängerin mit Peter „RosenstolzPlate dem großen Pop. Konzerte finden unter anderem in Rathenow (20. 7.) und Zwickau (27. 7.), in Dresden (21. / 22. 10.), Braunschweig (26. 10.), Frankfurt (3. 11.), Chemnitz (4. 11.), Leipzig (5. 11.), Berlin (11. 11.), Rostock (12. 11.) Kiel (15. 11.) und Hannover (21. 11.) statt.

„Es gibt ein Sammelsurium von Musik, die einen inspiriert“, sagt Annett Louisan im Interview: „Jeder hat ja seine 30 Songs. Serge Gainsbourgs ,Je t’aime‘ gehört in meine Playlist wie auch ,Dreams‘ von Fleetwood Mac. Die alle mal zu veröffentlichen (sie lacht), hey, das wäre eine gute Idee.“

Von Matthias Halbig

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