Menü
Göttinger Tageblatt / Eichsfelder Tageblatt | Ihre Zeitung aus Göttingen
Anmelden
Weltweit „Hänsel und Gretel“: Die Aufrüstung im Märchenwald
Nachrichten Kultur Weltweit „Hänsel und Gretel“: Die Aufrüstung im Märchenwald
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
00:15 29.03.2013
Foto: Melange aus Märchen und modernen Effekten: Die US-Serie „Es war einmal“, in Deutschland von Super RTL ausgestrahlt.
Melange aus Märchen und modernen Effekten: Die US-Serie „Es war einmal“, in Deutschland von Super RTL ausgestrahlt. Quelle: Super RTL
Anzeige
Hannover

In der VOX-Fernsehserie „Grimm“ geht ein Nachkomme der Märchenbrüder mit einem ganzen Wohnwagen voller Waffen auf Monsterjagd. Im aktuellen Kinofilm „Hänsel und Gretel“ sind aus den verlorenen Kindern von damals treffsichere Kampfmaschinen geworden, die wie in einem Film von Quentin Tarantino mit Megawummen Hexen erlegen, bis die Leichenteile nur so fliegen. Hänsel muss sich zwischendurch nur mal Insulin spritzen, weil das Knabbern am Hexenhaus ihn zuckerkrank gemacht hat. Auch der Disney-Film „Die fantastische Welt von Oz“ und das Warner-Werk „Jack and the Giants“ nach dem Märchen „Hans und die Bohnenranke“ atmen eher die Ästhetik von „Herr der Ringe“ als von klassischen Märchenfilmen.

Tim Burton hat mit seinem Milliardenerfolg „Alice im Wunderland“ gezeigt, wohin der weiße Hase im 3-D-Zeitalter läuft. Seitdem haben technisch aufgemotzte Märchen Hochkonjunktur, von „Snow White and the Huntsman“ bis zu „Spieglein Spieglein - Die wirklich wahre Geschichte von Schneewittchen“.

Die modernen Adaptionen richten sich nicht mehr primär an Kinder, sondern an eine altersübergreifende Zielgruppe, die auch von „Harry Potter“ und „Herr der Ringe“ magisch angezogen wurde. Nach der Fantasywelle bedient jetzt die Märchenindustrie die Sehnsucht nach übernatürlichen Welten.

Disneys Cinderella hat den Besen gegen schärferes Geschütz eingetauscht. Doch sind Ballerszenen à la „Hänsel und Gretel“ tatsächlich so weit weg von den ursprünglichen Märchen, wie es auf den ersten Blick scheint? Schließlich spielt Gewalt auch bei den Grimms eine große Rolle: Die Hexe aus „Hänsel und Gretel“ wird bei lebendigem Leib verbrannt, die Stiefschwestern von „Aschenputtel“ hacken sich die Fersen ab, in der „Gänsemagd“ wird eine Übeltäterin nackt in ein mit Nägeln beschlagenes Fass gesteckt und zu Tode geschleift. Und das sind schon die zensierten Varianten, die die Grimms für populärer erachteten als die oft noch brutaleren Ursprungsgeschichten.

Deutschlands wohl bekanntester Märchenforscher Heinz Rölleke, emeritierter Germanistikprofessor der Bergischen Universität Wuppertal, erklärt: „Märchen konfrontieren den Leser mit Gewalt, weil die ein Teil der Welt ist. Doch die Geschichten lehren, dass der Märchenheld die Gewalt überwinden kann. Auch der Leser kann seine Angst auf diese Weise symbolisch sublimieren und neues Selbstvertrauen erlangen.“ In jüngeren Verfilmungen jedoch werde die Märchenmoral auf den Kopf gestellt. „Das Gleichgewicht der Geschichte geht kaputt, wenn die Gewalt zum Selbstzweck wird“, sagt Rölleke. Ihm zufolge verderben Adaptionen wie „Hänsel und Gretel“ die Kinder grundsätzlich für Märchen. „Die Actionszenen drängen sich in den Vordergrund und unterbinden die eigene Phantasie. Meine Prognose: In zehn Jahren werden diese Filme vergessen sein, während Grimms Märchen immer lebendig sein werden.“

Beflügelt vom Jubiläum „200 Jahre Grimms Märchen“ zapfen die modernen Adaptionen das kollektive Kulturgut Märchen an und pressen es in ein zeitgemäß buntes, lautes und actionlastiges Gewand. Das gilt insbesondere für die US-Serie „Grimm“, die bei VOX märchenhafte Quoten von 16,7 Prozent einfährt. Sie wirkt wie eine Mischung aus US-Ermittlerserien à la „CSI“ und „Buffy – Im Bann der Dämonen“. Wie schon in Terry Gilliams Kinofilm „Brothers Grimm“ (2005) stehen die Autoren – beziehungsweise ihr Erbe – im Vordergrund. Jede Folge basiert lose auf einem Märchen, ein Postmann entführt rotgekleidete Mädchen, Grimms Freundin wird mit einem Schlafzauber belegt. Dass aber neben Grimms Märchen auch solche von Robert Southey („Goldlöckchen und die drei Bären“) und anderen Autoren als Vorlage gewählt wurden, zeigt schon, wie beliebig sich die Serie aus dem Märchentopf bedient. Einzig Grimms Gehilfe, ein Nachkomme des bösen Wolfes, der seine düstere Seite mit Pilates im Zaum hält, steht für eine gewisse ironische Bändigung des Stoffes. Ansonsten wird der Zauber dem Genre „Mystery Crime“ geopfert und durch Grusel ersetzt. Aus dem „Und wenn sie nicht gestorben sind ...“ wird ein „Happily Ever Aftermath“ (in etwa: Die schmerzlichen Nachwehen des glücklichen Endes) – so ein Episodentitel.

Eine gelungenere Melange aus klassischem Märchenambiente und moderner Effekt-Technologie bietet die auf Super RTL ausgestrahlte US-Serie „Once Upon a Time - Es war einmal“. Die böse Stiefmutter verflucht aus Rache an Schneewittchen das ganze Märchenreich. Von Aschenputtel bis Rumpelstilzchen verfrachtet sie alle Figuren ohne Erinnerung an ihr Märchendasein in das heutige Dorf „Storybrooke“. Lediglich der junge Henry kennt das Geheimnis und will mit Hilfe von Schneewittchens Tochter den Fluch brechen. Jede neue Folge enthüllt ein weiteres Detail aus dieser Verschwörung und wirbelt die altbekannten Märchenmotive zu einer spannenden neuen Geschichte durcheinander.

Ein Ende des Märchenbooms ist nicht abzusehen: Angelina Jolie wird 2014 als böse „Dornröschen“-Fee in „Maleficent“ zu sehen sein, Kenneth Branagh plant eine „Aschenputtel“-Adaption, und Tim Burton überlegt, „Pinocchio“ mit Schauspielern auf die Leinwand zu bringen.

Übrigens waren die Macher von „Hänsel und Gretel“ nicht die ersten, die Märchenhelden mit Schusswaffen ausstatteten. Der Kinderbuchautor Roald Dahl („Charlie und die Schokoladenfabrik“) beschrieb 1982 in einem ironischen Gedicht, wie „Rotkäppchen“ sich zur Wolfsjägerin mausert: „The small girl smiles. One eyelid flickers./ She whips a pistol from her knickers./ She aims it at the creature‘s head,/ And bang bang bang, she shoots him dead.“ („Das kleine Mädchen lächelt, ein Augenlid zuckt./Sie zieht eine Pistole aus ihrem Höschen/ Und zielt auf den Kopf der Kreatur./ Und bang bang bang, schießt sie ihn tot.“)

Die letzte Strophe bei Dahl handelt davon, wie das Mädchen ihr Rotkäppchen gegen das Wolfsfell tauscht. So kann Aufrüstung im Märchenreich auch aussehen.

Von Nina May

Mehr zum Thema

Ob Actionkracher, Liebeskomödie oder Arthouseproduktion – Hannovers Kinolandschaft bietet für jeden Filmgeschmack etwas. Hier finden Sie eine Übersicht aller Kinos der Stadt, damit Sie nie wieder im falschen Film landen.

Sie sind der Schrecken der Hexen. Wo dieses Duo mit abgesägter Schrotflinte, Armbrust und Kettensäge hinlangt, da schlägt jeder hexischen Brut das letzte Stündchen. So mähen Hänsel und Gretel (Jeremy Renner, Gemma Arterton) grimmig durch den deutschen Märchenwald.

28.02.2013

Vor 200 Jahren erschienen die „Kinder- und Hausmärchen“ der Brüder Grimm zum ersten Mal. Und mit „Schneewittchen“ hat Hollywood zum Jubiläum eine der weltweit beliebtesten Geschichten gleich zweimal neu verfilmt. Nach „Spieglein Spieglein“ ist am 31. Mai nun auch „Snow White and the Huntsman“ in den Kinos gestartet.

31.05.2012
26.03.2013
Stefan Arndt 28.03.2013