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Weltweit Hamburger Kunsthalle zeigt Ikonen der Pop-Art
Nachrichten Kultur Weltweit Hamburger Kunsthalle zeigt Ikonen der Pop-Art
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10:44 10.02.2010
Flachheit als künstlerische Strategie: Die Liaison mit dem Pornostar "Cicciolina" brachte Jeff Koons vor zwanzig Jahren den Durchbruch. Quelle: Koons
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Kunst ist die höchste, schönste Hervorbringung des Menschen. Einer solchen idealistischen Vorstellung diametral entgegengesetzt ist die Auffassung: Kunst sei im Grunde auch nur ein Konsumprodukt, eine Ware der Luxuskultur oder – in der Pop-Art – der Massenkultur. Die zurückliegenden Jahrzehnte waren Dekaden exorbitanter Marktpreise und glamouröser Selbstinszenierungen von Künstlern als „Stars“. Künstler in der Warhol-Nachfolge verkauften sich und ihre Werke als „Marke“ und stellten sich auf eine Stufe mit Superman und Mickymaus. Von Inhalten, Anliegen oder gar Visionen und Utopien war hingegen keine Rede.

Nicht nur die Musikkultur und Kunst standen unter dem omnipräsenten Pop-bann. Die Popformel ergriff in westlich beeinflussten Hemisphären alles und jeden. Die Layout-Reform des modernen Lebens lief unter dem Schlagwort Pop, in den Universitäten unterschieden „Poptheoretiker“ guten (kritischen, selbstironischen) und bösen (kommerzlastigen) Pop, die SPD leistete sich gar einen „Popbeauftragten“, Sigmar Gabriel, und gegen Ende der Ära bemühen sich „Superstar“-Anwärter bei TV-Castingshows um die warholsche 15-Minuten-Berühmtheit – oft sind es auch bloß fünf Minuten.

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Inzwischen aber kann man von der Popära getrost in der Vergangenheitsform reden. Erst kürzlich erschien ein mehr als 500 Seiten starkes, resümierendes Kompendium: „Pop. Geschichte eines Konzepts 1955 – 2009“ (Thomas Hecken, transcript Verlag, 35,80 Euro) – aus post-popkultureller Perspektive wird hier Rückschau gehalten. Und die aus London übernommene Hamburger Ausstellung „Pop Life“ liefert nun in Form eines Greatest-Hits-Albums den fällig gewordenen Nachruf auf die Pop-Art. Es sind nämlich, wie es scheint, inzwischen alle Register gezogen.

Im Kern war Pop, so die Argumentation der Kuratoren, die Celebrity-Hochzeit von Kunst und Kommerz. Zeremonienmeister war der frühere Werbefachmann, notorische Selbstdarsteller und exzessive Businesskünstler Andy Warhol. Ihm sind in der umfangreichen Ausstellung, die den Charme einer Kunstmesse versprüht, gleich mehrere Räume gewidmet. 1983 sprach der Poppapst die berühmten Worte: „Geschäftskunst ist der Schritt, der nach der Kunst kommt. Im Geschäft gut zu sein, ist die faszinierendste Art von Kunst.“

Wenn die Geschäftemacherei, das Millionen-Scheffeln die größte Kunst sein soll, wie sieht dann ein Chef d’Œuvre dieser Kunstauffassung aus? Ein Pop-Art-Meisterstück lieferte Jeff Koons. Er demonstrierte: Wer als Popkünstler erfolgreich sein möchte, muss sich prostituieren. Koons ehelichte 1991 medienwirksam einen Pornostar: Ilona Staller alias „La Cicciolina“. In der kurz davor entstandenen Serie „Made in Heaven“ hatte der frühere Wallstreet-Broker sich mit seiner wasserstoffblonden, elfenhaften Braut in pornografischen Stellungen geübt. Die Aufnahmen wären zum Teil dem „Playboy“ zu deutlich. In Hamburg sind sie in einer separaten, für Jugendliche unter 18 nicht zugänglichen Schwitzkabine zu sehen. „Made in Heaven“ brachte tatsächlich Koons internationalen Durchbruch.

Das ultimative Meisterwerk der Pop- und Business-Art aber schuf der Brite Damien Hirst. Es trägt den Titel „Beautiful Inside My Head Forever“. Das Kunstwerk bestand in einer vom Künstler im Herbst 2008 im Auktionshaus Sotheby’s in London inszenierten und choreografierten Auktion. Unter Umgehung von Händlern und Galeristen und begleitet von einem riesigen Medienrummel ließ Hirst damals mehr als 200 neue Werke – vor allem vergoldete Adaptionen früherer Kunstideen – versteigern und erzielte fast 90 Millionen Euro; mehr als je zuvor mit Werken eines Einzelkünstlers bei einer Auktion eingenommen worden war.

Dass der Künstler verdeckt zu den Mitbietern zählte, schmälert den Erfolg nicht. Dass fast zeitgleich die Börsen crashten und die Lehman-Brothers-Bank zusammenbrach, lässt die Hirst-Versteigerung als historische Wegmarke erscheinen.

In der Hamburger Kunsthalle begegnet man nun einigen Werken aus dieser Versteigerung: goldenen Dot-Pictures (getupfte Leinwände) und Collagen aus Schmetterlingen und Edelsteinen. Dazu läuft ein Video der Sotheby’s Auktion.

Auch das Renommierstück der Ausstellung, ein goldenes Kalb in Formaldehyd, ist eine Ikone aus der legendären Auktion. Die Prada Collection hat es damals in London ersteigert. Man kann es anbeten, wenn man möchte, oder darin ein Denkmal dafür sehen, dass Kunstwerte nicht nur exorbitant steigerbar sind, sondern Kunst Kapital auch vernichtet. Hirsts Preise sind in den zurückliegenden Monaten gefallen, um 50 Prozent und mehr. Aber solche Verfallsprozesse sind selbstverständlich in Pop-Art-Werke ironisch eingeschrieben. „False Idol“ – „Falsches Idol“ hat Hirst sinnigerweise seine Kalbskonserve betitelt.

Hubertus Gaßner, der Leiter der Kunsthalle, sagte gestern, er habe in dreißig Jahren Praxis noch nie eine so anstrengende Ausstellungsvorbereitung erlebt wie bei „Pop Life“. Die Kommerzkünstler hätten in alle möglichen Details hineinzuregieren versucht. „Wir sind als Museum fast an die Wand gedrückt worden.“ Es gehört, auch wenn es übel aufstoßen mag, zur Logik der Kunst als Kommerz, dass unter den spaßigen Oberflächen eisernes Geschäftsgebaren regiert.

Hamburger Kunsthalle, 12. Februar bis 9. Mai, Eröffnung ist am Donnerstag um 19 Uhr. Katalog 26,95 Euro.

Johanna di Blasi

Martina Sulner 09.02.2010