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21:30 10.10.2011
Lange rang Steven Spielberg um die Rechte: Nun bringt er „Tim und Struppi“ ins Kino
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Und so stand Spielberg in San Diego den versammelten Fans Rede und Antwort. Besondere Herausforderungen verlangen nun mal besondere Anstrengungen. Und dies war ohne Zweifel etwas Besonderes – sogar für einen Regisseur wie Spielberg, der es gewohnt ist, in Blockbustern zu denken: Sein neuer ­Kinotrip soll einen neugierigen jungen Mann in Knickerbockers und seinen struppigen Hund in gleich drei Filmen rund um den Globus führen.

Mehr als ein Vierteljahrhundert lang hatte sich Spielberg um die Rechte für „Tim und Struppi“ bemüht. Jetzt war es endlich so weit: Zusammen mit Peter Jackson („Herr der Ringe“) präsentierte er der Comic-Messe erste Appetithäppchen. Es kann nie schaden, argwöhnische Comic-Fans schon einmal auf das Kommende einzuschwören. Nach allem, was von der Messe zu hören war, kam die Anschauungsprobe bei ihnen gut an.

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Helden in Hollywood-Comics sehen gewöhnlich anders aus. Sie heißen „Batman“, „Superman“, „Captain America“, „X-Men“ oder auch „Hulk“ und sind mit der Rettung der Welt oder wenigstens Amerikas betraut. Nun aber übernehmen ein Junge und sein Hund, die mit amerikanischen Supermachos rein gar nichts zu tun haben, sondern europäischen Ursprungs sind.

Echte Fans, zumindest in Europa, würden deshalb auch den französischen Originaltitel „Les Aventures de Tintin“ bevorzugen – und dabei betonen, dass es sich um Kunst aus Belgien und nicht etwa aus Frankreich handelt. „Tim und Struppi“ gilt als eine der bekanntesten Comic-­Serien Europas, vergleichbar nur noch mit „Asterix und Obelix“.

Zum ersten Mal zeichnete der Belgier Georges Remi – unter seinem Künstlernamen Hergé – das reiselustige Duo 1929 in einer Beilage der katholischen Brüsseler Zeitung „Le Vingtième Siècle“. Insgesamt entstanden mehr als 20 Alben, die in rund 60 Sprachen übersetzt wurden. Zumindest eines davon ist bis heute umstritten und auch Gegenstand von Gerichtsprozessen: Dem Abenteuer „Tim im Kongo“ von 1931 wird Rassismus und Kolonialismus vorgeworfen. Der Autor hatte sich später von dem Band distanziert.

In der belgischen Hauptstadt Brüssel kann man heute ganze Stadtspaziergänge auf den Spuren Hergés unternehmen. In Louvain-la-Neuve nahe Brüssel wurde 2009 ein Museum zu seinen Ehren eröffnet. Seine Comics inspirierten viele Künstler, darunter auch den Maler Andy Warhol – und jetzt eben Steven Spielberg.

Selbstverständlich haben sich schon andere Regisseure vor dem US-Filmemacher daran versucht, den hartnäckigen Reporter kinofein zu machen. Bei der frühen Verfilmung „Tim und das Geheimnis um das goldene Vlies“ (Regie: Jean-Jacques Vierne) – gerade wieder auf DVD neu herausgekommen – von 1961 wirkte Hergé persönlich als Berater mit (bei einer Umsetzung ein paar Jahre später tat es ihm Asterix-Autor René Goscinny gleich). Damals agierten erkennbar Menschen vor der Kamera. Tims berühmte Haartolle wurde mit viel Gel in Form gebracht, den beiden Detektiven Schulze und Schultze klebten künstliche Schnauzbärte im Gesicht, und ein eigenwilliger Vierbeiner war als Struppi mit von der Partie.

Spielberg und Jackson wollen sich nicht mit solchen Schwierigkeiten herumplagen – genauso wenig aber auf reinen Zeichentrickfilm setzen. „Das Abenteuer von Tim & Struppi – Das Geheimnis der Einhorn“ entsteht im sogenannten Performance-Capture-Verfahren. Dabei werden zwar hochkarätige Schauspieler wie Jamie Bell (Tim), Andy Serkis (Kapitän Haddock) oder Daniel Craig (Iwan Iwanovitch Sakharin) benötigt, doch nurmehr als Vorlagen für die Bewegungen der Comic-Helden. So ähnlich verfuhr Jackson beim Gollum in „Herr der Ringe“. Rund ein Jahr hat die Nachbearbeitung von Spielbergs Film im Computerstudio gedauert.

Spielbergs Film soll in Deutschland Ende Oktober ins Kino kommen. Den zweiten „Tim und Struppi“-Film wird Peter Jackson inszenieren, der Regisseur des dritten Teils ist noch unbenannt.
Spielberg selbst ist schon wieder einen Blockbuster weiter: Er plant bereits ­„Jurassic Park 4“. Die ersten drei Dinosaurier-Filme spielten weltweit zusammen fast zwei Milliarden Dollar ein. Diese Zahl könnte wohl auch für den Jüngling in Knickerbockers und seinen treuen Hund ein Maßstab sein.

Spielbergs „Das Geheimnis der Einhorn“ startet am 27. Oktober in den deutschen Kinos.

Stefan Stosch

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