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18:33 10.04.2014
Renée Zellweger spielt die trottelige Bridget Jones. Quelle: dpa
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Endlich mal eine Heldin, die mit ihren Kilos kämpft statt mit zahllosen Verehrern, die den Schlabber-Pyjama dem kleinen Schwarzen vorzieht und am Ende doch den zunächst unnahbaren Mann an Land zieht: Als Helen Fieldings Roman „Bridget Jones – Schokolade zum Frühstück“ Anfang 1997 in Deutschland erschien, lag ihr über Nacht eine weibliche Leserschaft zu Füßen. Mit der radikal subjektiven Tagebuchform öffnete die britische Journalistin weite Identifikationsräume. Den Lobreden auf Fieldings authentische Schilderung des chaotischen Singlealltags folgten Entrüstungsstürme, als für die Verfilmung nicht etwa eine pummelige Hauptdarstellerin gesucht wurde. Stattdessen futterte sich die gertenschlanke Schauspielerin Renée Zellweger in einer Mastkur lediglich ein paar Pfund für die Filmrolle an.

Fielding begründete sogar ein eigenes Genre: Die „chick lit“, mäßig anspruchsvolle Literatur für und über Mädels mit alltäglichen Problemen, bekam in den Folgejahren eigene Regale in den Buchhandlungen. 17 Jahre später erobert jetzt der dritte Teil um die zuckersüchtige Bridget („Verrückt nach ihm“) die „Spiegel“-Bestsellerliste. Vertraut sind der verkürzte Satzbau und der Verzicht auf Pronomen („Schmeiße Fernbedienung genervt aufs Sofa, worauf Fernseher angeht.“) 

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Anders gleich

Beim Lesen stellt sich der Verdacht ein, dass diese Art des Frauenromans ähnlich in die Jahre gekommen ist wie die Protagonistin. Bridget hat zwei kleine Kinder und ist immer noch genauso notorisch überfordert wie eh und je. Nur geht es diesmal nicht um die Annäherungsversuche des gut aussehenden Chefs, sondern um Läuse auf den Köpfen des Nachwuchses. Oder um das Luxusproblem, ob man den 30-jährigen Toyboy mit zum 60. Geburtstag der besten Freundin nehmen kann.

Der dritte Jones-Roman erzählt, was auf das „Happily Ever After“ folgt: Bridgets Mann Mark Darcy, der Vater ihrer Kinder, ist bei einem Unfall ums Leben gekommen. Sie muss sich aus einer selbst verordneten Enthaltsamkeit zurück in die Datingwelt kämpfen. Dabei spielt natürlich ihr Gewicht wieder eine zentrale Rolle: Binnen dreier Monate nimmt sie 20 Kilo ab, ungeachtet der Gesundheit verschreibt sie sich brutalen Beauty-Doktrinen.

Während die trottelige Heldin im ersten Buch noch in der Erwartung eines Männeranrufs sehnsüchtig auf das Telefon schielt, sorgt sie sich jetzt um fehlende Twitter-Follower und Fakeprofile auf Dating-Websites. Der Single 2.0 hat es nicht leicht, genauso wenig wie Fieldings Leser, die bei diesen krampfhaft modernisierenden Versuchen, eine Heldin in ein neues Zeitalter zu retten, Fieldings gewohnte Leichtigkeit vermissen.

Die Bridget-Erfolgswelle spülte rund um den Jahrtausendwechsel auch Sophie Kinsellas Anleitungen zum Einkaufen („Die Schnäppchenjägerin“, 2000, oder „Vom Umtausch ausgeschlossen“, 2005) oder Ildikó von Kürthys Verhaltensregeln nach dem ersten Sexdate („Mondscheintarif“, 1999) auf den Markt. Mit den Lesern der ersten „chick lit“-Bücher sind auch die Protagonistinnen der Folgeromane gealtert. Auch Ildikó von Kürthys aktueller Roman „Sternschanze“ (Wunderlich; 352 Seiten, 17,95 Euro) handelt von einer Frau in reifen Jahren, die nach einer verkorksten Ehe auf der Suche nach einem neuen Leben ist.

Bridget in der Midlife-Crises

Der Frauenroman à la Bridget Jones ist in der Midlife-Crisis angekommen. Dazu passt auch die Weise, wie Fielding in ihrem Roman ein Stück Weltliteratur umdeutet. Sie lässt Bridget an einem Drehbuch über „Hedda Gabler“ schreiben. Ibsens Theaterstück handelt von einer Frau, die in einem Machtspielchen ihren Verehrer dazu bringt, sich selbst zu kastrieren, weil ihr Ehemann ihr nicht das aufregende Leben bieten kann, nach dem sie verlangt. In Bridgets Interpretation wird daraus jedoch eine Frau, für die „die Zeit des Tanzens“ vorbei ist, und die deshalb in Torschlusspanik den erstbesten Langweiler heiratet. In den ersten Bridget-Romanen spielte Fielding thematisch und mit dem Namen des männlichen Protagonisten auf Jane Austens Roman „Stolz und Vorurteil“ an. Solche intertextuellen Verweise verleihen Fieldings Büchern zumindest einen gewissen literarischen Anspruch.

Seitdem Bridget das erste Mal ihren Darcy küsste, hat der Frauenroman so manche Moden mitgemacht. Die britische Autorin E. L. James beispielsweise löste mit ihrer erotischen Trilogie „Fifty Shades of Grey“ eine Flut an Büchern über Fesselfantasien aus.  Und was wird der nächste Trend? Fernsehserien wie „Downton Abbey“ und „Die Tudors“ führten bei britischen Autorinnen zu einer Rückbesinnung auf die Historie des eigenen Landes. Die elisabethanische Ära, die Tudor-Zeit oder auch die jüngere Geschichte rund um Prinzessin Diana stehen bei Autorinnen wie Hilary Mantel oder Monica Ali hoch im Kurs.

Frauen sind in der britischen Populär- wie in der Hochliteratur stärker vertreten als vor 20 Jahren. Deshalb kam die Forderung auf, den seit 1996 verliehenen „Prize for Women’s Fiction“ als Relikt einer männerdominierten Welt abzuschaffen. Die Professorin für britische Literatur und Kultur an der Berliner Humboldt-Universität und Mitglied des Zentrums für transdisziplinäre Geschlechterstudien, Gesa Stedman, hält den Preis weiter für wichtig. Ihr zufolge wird der Druck auf weibliche Schreiberinnen, ihre Romanen auch mithilfe von autobiografischen Häppchen zu vermarkten, auch heute nicht schwächer. „Britische Autorinnen müssen ihr idealerweise hübsches Gesicht stärker als ihre männlichen Kollegen in die Kamera halten und nebenbei in Interviews über Kochrezepte und Kindererziehung referieren.“

Die Präsenz von Frauen in der literarischen Welt hält sie für trügerisch. „Auch im 19. Jahrhundert gab es einige prominenten Autorinnen, die sich mit Gegenwartsproblemen auseinandersetzten. Von denen ist heute kaum mehr eine bekannt.“ Ob Bridget Jones in 100 Jahren immer noch mit ihren Kilos kämpft?

Helen Fielding: „Bridget Jones. Verrückt nach ihm.“ Aus dem Englischen von Marcus Ingendaay. Goldmann Verlag, 14,99 Euro.

Von Nina May

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