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Weltweit Helge Schneider vor seiner neuen Tour
Nachrichten Kultur Weltweit Helge Schneider vor seiner neuen Tour
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00:18 08.01.2018
Helge Schneider vor seiner "Ene Mene Mopel"-Tour. Quelle: R
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Solingen.

Tageblatt: Helge, unter dem Bandnamen The Thunderspotniks arbeiten Sie gerade an einer Platte mit Randy Hansen. Ihre Musik nennen Sie „Psychoblues“. Der Amerikaner gilt weltweit als einer der besten Jimi-Hendrix-Interpreten. Hat er Ihnen ein paar Tricks gezeigt?

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Helge Schneider: Nein. Er spielt den ganzen Tag vor sich hin und entwickelt Sachen. Das ist ganz interessant. Aber man muss sich Zeit nehmen. Wir müssen noch einmal hier ins Studio, und dann kann man davon vielleicht eine Schallplatte machen. Ich kann Randy nicht mit auf Tour nehmen, ich muss das trennen. In meiner Show bin ich Komiker, aber mein Herz schlägt für die Musik. Hier bin ich gerne Sideman.

Haben Sie noch immer Spaß am Leben auf Tour?

Ja, weil ich die richtige Kapelle zusammengestellt habe. Mit Peter Thoms am Schlagzeug kann eigentlich nichts schief gehen, weil da alles schief geht. Carlos und Sergej Gleithmann habe ich als Chor abgestellt. Und Rudi Olbrich ist auch wieder dabei. Er ist mittlerweile 85. Man muss so lange mit ihm spielen, so lange er noch zupfen kann. Wenn er 104 ist, bin ich erst 80. Für die letzten 20 Jahre muss ich mir noch einen anderen Bassisten suchen. Aber dann will ich mal junge Leute nehmen.

Welcher Song hat Sie zur Musik bekehrt?

„Serenade To A Cuckoo“ von Roland Kirk. Er spielte Querflöte und Saxofon, er sang und prustete dabei. Ich fand auch Miles Davis und Archie Shepp gut. Ich bin damals in Plattenläden gegangen und habe mir immer alle möglichen LPs über Kopfhörer angehört, aber sie nie gekauft.

Haben Sie noch eine Plattensammlung?

Ja, habe ich. Aber wenn Platten jahrelang im Regal stehen, werden sie manchmal krumm. Das ärgert mich. Ich besitze eine schöne Pink-Floyd-Platte, aber man kann sie sich nicht mehr anhören. Ich habe sie warm gemacht, aber sie hat ihre ursprüngliche Form nicht mehr angenommen. Ich hatte eine tolle Platte von Zoot Zims, da war eine Ecke rausgebrochen. Dann habe ich mir eben nur das da drin angehört. Und das fand ich super gut.

Eigentlich wollten Sie gar keine Studioplatten mehr aufnehmen, weil Jazz aus dem Moment lebt und nur live funktioniert.

Bei Jazz ist das auch schwierig. In kleinem Kreise live aufgenommen klingt Musik sehr gut, aber Zwischenrufe und extremes Geklatsche machen eine Liveplatte kaputt. Mit Randy ins Studio zu gehen ist die eine Sache. Live wäre es vielleicht noch besser.

Was reizt Sie mehr: Band- oder Solokonzerte?

Ab Dezember 2018 spiele ich auch wieder solo. So habe ich angefangen. Allein hat man noch mehr Freiheiten. Ich kann dann mit der Leere der Bühne arbeiten und aus dem Nichts schöpfen. Das ist eine ganz andere Intensität. Aber zuvor spiele ich noch mit dieser Band in den Läden, in denen wir noch nicht waren. Zum Beispiel in der Elbphilharmonie.

Was werden Sie in der Elbphilharmonie spielen?

Dort wollte ich zuerst ganz alleine auftreten. Ich würde es unheimlich gut finden, wenn ich da noch nicht einmal einen Flügel hätte, sondern nur eine Klampfe. Aber dann habe ich gedacht, ich muss Peter Thoms und Rudi Olbrich auch dahinholen. Rudi ist 85 und muss unbedingt mal in der Elbphilharmonie auftreten. Diese Halle ist nagelneu und er alt. Das ergänzt sich. Und sie klingt so gut, dass Rudi kaum ein Mikrofon am Bass braucht. Dieser riesige weiße Raum sieht aus wie ein Baiser!

Das Motto Ihrer Tournee – „Ene Mene Mopel“ – ist einem Kinderreim entliehen. Haben Sie schon als Kind Ihre Mitschüler mit lustigen Abzählreimen unterhalten?

Nein, überhaupt nicht. Das ist mir so eingefallen. Das ist einfach so blöd und so kurz. Und siehe da: Es wird schon wieder etwas reininterpretiert. Lass sie!

Wie waren Sie als Kind?

Ich habe die Leute genervt, indem ich immer Fratzen gezogen oder ihren Gang nachgeahmt habe. Auf die Schulter getippt, Fratze gemacht, was weiß ich. Ich war schon eine ziemliche Nervensäge.

Auch in der Schule?

Ab einem gewissen Alter habe ich die Lust verloren. Ich hatte herausgefunden, dass mein Musiklehrer Leiter eines Chors beim Bund Deutscher Mädel war. Und zwar durch ein Foto, auf dem meine Mutter und meine Tanten drauf waren. Und er stand in der Mitte. Als ich dieses Foto einmal so ganz naiv mit in die Schule gebracht hatte und ihm zeigte, hat er es zerrissen und ist rausgegangen. Ich habe ihn nicht mehr wieder gesehen. Vorher hatte ich immer eine 1 ins Musik und spielte Cello im Schulorchester. Ich war ein respektierter Mensch. Aber danach bekam ich immer eine 3 oder 4 bei einem anderen Lehrer. Deshalb hatte ich die Lust verloren. Ich habe mich oft gefragt, was ich denn Falsches getan habe.

Sie haben Ihren Lehrer als Nazi entlarvt.

Davon gab es damals ganz viele, die genauso reagiert hätten. 1966 hat man darüber in Deutschland nicht viel gesprochen. Ich hatte von keinem erfahren, was das Dritte Reich für eine Zeit war. Bei uns zu Hause wurde darüber nicht geredet. Mit Ausnahme meines Onkels. Ich erinnere mich an ein Weihnachten. An der Wand hing ein Foto von ihm in SS-Uniform. Ich fragte meinen Onkel, ob er das sei und er antwortete: „Der Adolf war der größte Betrüger“. Mehr habe ich nicht erfahren. Betrüger wahrscheinlich in dem Sinne, dass die Deutschen den Krieg verloren haben. Hitler hatte ja versprochen, dass wir ihn gewinnen.

Wie hat Ihre Familie den Zweiten Weltkrieg erlebt?

Ich wusste, dass mein Vater aufgrund seiner körperlichen Befindlichkeit weder Soldat noch Nazi war. Meine Oma sowieso nicht. Als die Nazis an die Macht kamen, wurde mein Opa arbeitslos. Warum genau, weiß ich nicht.

Hat die 68er-Bewegung Sie schließlich politisiert?

Ich habe damals viel zu viel gekifft, um wirklich politisch gewesen zu sein. Ich wollte eigentlich in die SDAJ eintreten, eine Untergruppe der DKP. Die hatten einen Proberaum, in dem ich mit meiner Band Musik machen wollte. Außerdem wollte ich gerne kiffen. Das war ihnen zu wenig, und sie haben mich abgelehnt. So bin ich der Politisierung entkommen und habe mir immer mein eigenes Bild gemacht. Mit dem neulich gestorbenen Kuro (Walter Kurowski, die Red.) habe ich öfter bei Streiks der IG-Metall oder Anti-Pershing-Demos gespielt. Damals gab es noch die UZ-Pressefeste der DKP, wo Leute aus der DDR, der Sowjetunion, Brasilien und Afrika zusammenkamen. Es war eine schräge Situation.

Haben Ihnen die Drogen neue Horizonte eröffnet?

Mir nicht. Sie machten mich nur einsam. Ich habe damals extrem viel gekifft und irgendwann gemerkt, dass ich mit meiner wahnsinnigen Überheblichkeit ziemlich alleine dastand. Irgendwann wurde ich dagegen allergisch. Als hier gestern einer anfangen wollte zu kiffen, sagte ich zum ihm, dass ich das nicht mehr riechen kann. Da platzt mir sofort die Hutschnur.

Was ist erlaubt, wenn Sie mit Ihrer Band auf Tour sind?

Bei uns ist keiner dabei, der Drogen nimmt. Wenn du einen in der Band hast mit Alkoholproblemen, dann kannst du ihn vergessen.

Was macht Sie sonst noch wütend?

Wenn ich einen Bericht über Tiertransporte sehe, die über die Ukraine, Polen, Jugoslawien und Italien in die Türkei gehen, wo die Hälfte der Tiere an der Grenze sterbt, weil sie nicht rüberkommen. Und die überleben, werden in der Türkei ganz schlecht geschlachtet. Da kriege ich die Wut. Aber wenn die Welt so ist, braucht man sich nicht zu wundern, dass die Erde nicht mehr lange macht.

Sind Sie enttäuscht von den Politikern in Deutschland?

Ich gehe zur Wahl, aber entweder du wählst jemand, der überhaupt keine Chance hat oder eine etablierte Partei mit dem Bewusstsein, dass die versuchen, ein bisschen umzudenken. Die Tendenz ist ja da. Aber sobald jemand mit einem höheren Posten umdenkt, wird versucht, ihn abzusägen. Die Tatsache, dass unserer Bundeskanzlerin der Spruch „Wir schaffen das!“ immer wieder vergällt wird, finde ich ganz schlimm. Das Menschliche wird überhaupt nicht mehr registriert.

Wovon träumen Sie?

Gestern Nacht hatte ich einen zukunftsträchtigen Traum. Ich kam an einem Haus vorbei. Darin wohnte ein Reichsbürger, einer dieser Idioten. Er guckte aus dem Fenster. Um sich herum hatte er einen Zaun mit seiner eigenen Flagge gezogen. Das war sein Reich. Ich habe mich gefragt: Was ist das für ein Mensch? Sind das Leute, die dieselben Sorgen haben wie du und ich? Wie kommt man darauf, sich so zu separieren? Und diese Separatisten kriegen auch noch Freunde. Dass es sowas gibt, ist Pech.

Haben Sie sich trotz allem Ihren Optimismus bewahrt?

Ich muss anscheinend Optimismus haben, ich habe ja auch kleine Kinder. Die sind sehr optimistisch und saugen alles auf, was es gibt. Kinder sind Aufnehmer der Zukunft. Da kannst du nicht pessimistisch sein. Das Lachen ist eine der größten Herausforderungen. Lachend in die Kreissäge – so ist unser Leben.

Steckt hinter Ihren skurrilen Liedern und Improvisationen eine tiefgründige Botschaft, die Sie den Leuten ins Unterbewusstsein injizieren, damit sie ihr Leben danach gestalten?

Ich möchte darauf antworten wie die von AC/DC: Das ist nicht mein Geschäft! Mein Geschäft ist, die Leute zum Lachen zu bringen. Vielleicht ist allein das schon politisch. Ich setze mich aber nicht dem Druck aus, dadurch Politiker zu sein. Das, was uns als Politik vorgesetzt wird, ist Parteipolitik, Länderpolitik, Europapolitik. Wo es so viele Gesetze und Normen gibt, brauchen die Leute das. Genauso wie sie sich eingrenzen und damit auch selbst ausgrenzen. Es gibt mehr Leute, die Spaß am Krieg haben, als wir uns vorstellen können.

Hat Kunst in der heutigen Zeit eine ganz besondere Aufgabe?

Ich finde, Kunst muss frei sein. Sie muss einen beflügeln. Kunst muss auch hart sein können. Es gibt Künstler, die sind dazu geboren, politisch zu agieren. Sie opfern sich dafür. Und es gibt Künstler, die erfreuen die Menschen mit einer Sache und drängen sich nicht in den Mittelpunkt. Ein guter Musiker muss sich selbst nicht so wahnsinnig ernst nehmen, sondern die Musik. Er muss sie als eigenständiges Lebewesen anerkennen. Die Musik war immer schon da. Es entstehen oft Hypes um Personen. Wenn das wirklich gerechtfertigt ist wie bei Beethoven, dann soll es mir auch recht sein. Aber heutzutage kommt es oft nur auf die Namen, die Größe des Portemonnaies und die Ländereien an.

Bestand bei Ihnen nie die Gefahr, kommerziell verheizt zu werden?

Das funktioniert mit mir nicht. Ich bin dafür zu eigensinnig. Weil ich das Lied „Käsebrot“ gemacht habe, trat eine Käsefirma an mich heran. Ich mache aber keine Werbung. Irgendwann schlug ich den Spiegel auf, darin war der nagelneue Jaguar XKR Coupé abgebildet. Darunter stand meine Textzeile „Macht die Katze froh... „ Ich hätte dagegen vorgehen können, aber ich habe es nicht getan. Werbung interessiert mich nicht.

In der Stadthalle Heidelberg hat Helge Schneider am 29. Januar seinen ersten Deutschland-Auftritt der Tour. In der Elbphilharmonie in Hamburg gastiert er am 12. und 13. Februar auf. Bis 10. Mai folgen zahlreiche weitere Stationen. Eintrittskarten gibt es in den Tageblatt-Geschäftsstellen, Weender Straße 44 in Göttingen und Marktstraße 9 in Duderstadt.

Von Olaf Neumann