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Weltweit Zeit des Abschieds
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10:07 07.05.2014
Von Stefan Stosch
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Berlin

Das müssen glorreiche Zeiten gewesen sein. Ein Klatschreporter hatte noch moralische Prinzipien (hielt sie dann aber nicht ein), und ein windiger Kommissar erhob den Spruch „Ein bissel was geht immer“ zum Lebensmotto. Das Hotel Bayerischer Hof galt als Hauptquartier der Münchener Schickeria und der Promiklatsch der – inzwischen insolventen – „Abendzeitung“ als das Maß der Dinge.

Die TV-Serien „Kir Royal“ um den Boulevardjournalisten Baby Schimmerlos und „Monaco Franze – Der ewige Stenz“ schrieben in den Achtzigern Fernsehgeschichte. Mit seinem aufgekratzten Busserl-Personal war Regisseur Helmut Dietl der Wirklichkeit – er würde wohl sagen: der Wahrheit – damals offenbar ziemlich nahe gekommen. Vergnügt spottete er über die Helden von traurig-komischer Gestalt und damit letztlich auch über sich selbst, denn er gehörte ja dazu.
Im Kino ließ Dietl „Schtonk!“ über die gefälschten Hitler-Tagebücher und das Münchener Gesellschaftspanorama „Rossini – oder die mörderische Frage, wer mit wem schlief“ folgen. Millionen Zuschauer – bundesweit, nicht nur im Freistaat – amüsierten sich über diese Filme, die gekonnt auf dem schmalen Grat zwischen Komik und Melancholie angesiedelt waren. So elegant wie Dietl schwadronierte sonst keiner über den bajuwarischen Jahrmarkt der Eitelkeiten.

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Am 9. Mai verleiht die Deutsche Filmakademie Dietl einen Ehrenpreis fürs Lebenswerk. Sehr wahrscheinlich, dass er im Berliner Tempodrom mit dem beinahe obligatorischen weißen Schal auf die Bühne tritt, der so gut mit seiner silberweißen Haarpracht harmoniert. Auch die von ihm geschaffenen Film- und Fernsehfiguren werden gewissermaßen im Saal schweben. Noch einmal wird Dietl die alte Münchener Grandezza verkörpern, aber es wird auch klar sein: Diese Zeiten sind lange schon vorbei.

Helmut Fischer, der ewige Stenz, der ein eigenes Denkmal in München hat, ist tot, genau wie Dietls Spezi-Produzent Bernd Eichinger, von dem er im Zweifelsfall eben mal zwei Millionen Mark für seinen nächsten Film einfordern konnte. Und mit Franz Xaver Kroetz, also Baby Schimmerlos, hat sich Dietl bei seinem womöglich letzten Film „Zettl“ verkracht.

Vor allem aber werden die Gäste im Saal unweigerlich an Dietls öffentlich gemachte ärztliche Diagnose denken: Er hat Lungenkrebs. Heilungschancen: gering. In einem „Zeit“-Interview hat der 69-Jährige darüber Auskunft gegeben: „Wenn man bedenkt, wie viel ich geraucht habe, dann ist es geradezu ein Wunder, dass es so lange gut gegangen ist“, hat er gesagt. Nach eigener Rechnung hat er in seinem Leben eine Million Gitanes gequalmt. In dem Interview sagt er auch: „Ich habe keine Angst vor dem Tod. Ich habe Angst vor dem Sterben.“

Das berufliche Glück hat Dietl schon früher verlassen. Als die Berliner Republik Gestalt annahm und München zum Schickimicki-Außenposten degradiert wurde, verließ der Filmemacher notgedrungen sein bayerisches Biotop. Für seine Satire „Late Show“ über die traurige bundesdeutsche Fernsehwirklichkeit ging er 1999 nach Köln. Der Film war eher harmlos, doch hatte er als Besetzungscoup immerhin Thomas Gottschalk und Harald Schmidt auf der Liste. Dietls Fremdeln fiel nicht sonderlich auf.

Mit „Zettl“ begab er sich 2012 nach Berlin-Mitte, saß mit Drehbuchautor Benjamin von Stuckrad-Barre (und nicht mit seinem Leib- und Magenschreiber Patrick Süskind) viele Abende im „Grill Royal“ herum und versuchte, ein Gefühl dafür zu entwickeln, was diese neue Welt zusammenhielt. „Zettl“ sollte als Fortsetzung von „Kir Royal“ funktionieren, nur stärker ins Politische verlagert.

Am Ende kam ein überladenes Missverständnis heraus. Wie sollte Dietl auch eine Wirklichkeit packen, der bestenfalls mit blankem Zynismus beizukommen war? Der Regisseur versteht sich als besorgter Zeitgenosse mit pessimistischer Grundhaltung, nicht als filmender Scharfrichter.

Gerade in seinen frühen Schaffensjahren hat Dietl liebenswerte Schlawiner gezeichnet, Aufschneider und Frauenhelden, aber doch keine eiskalten Karrieristen. Für die allgegenwärtige Machtbesessenheit fand er keine adäquate Form in seiner Geschichte über einen bayerischen Chauffeur, der Karriere in der Bundeshauptstadt machen will.

Und der alte Weggefährte Kroetz war auch keine Hilfe: Der bestand auf Porsche und Mädchen im Drehbuch, so wie aus dem bayerischen Stammland gewohnt. Dietl aber wollte eine Hauptfigur, die um ihre letzte Chance kämpft und scheitert. Kroetz flog raus, Michael Bully Herbig geriet in den Film.

Im neuen Jahrtausend war Dietl die Wirklichkeit in die Quere gekommen. Ein Verteidigungsminister, der seine Doktorarbeit abschreibt! Ein Bundespräsident, der sich bei einer Boulevardzeitung mit dem Satz „Bin auf dem Weg zum Emir“ meldet und wütend die Mailbox vollquatscht! Wie lässt sich das noch überbieten? All diese Skandale und Skandälchen ließen sich satirisch kaum mehr zuspitzen.

Man kann den dunklen Ton nachvollziehen, der in manchem Dietl-Interview mitschwang – schon vor der Krebsdiagnose. Nun aber dürfte der Abend der Filmpreisverleihung einer des Abschieds werden. Das muss der Deutschen Filmakademie bei ihrer Einladung klar gewesen sein. Niemand sollte sich wundern, wenn in Berlin Tränen fließen.

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