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Weltweit „Ich kann leider nur Künstler sein“
Nachrichten Kultur Weltweit „Ich kann leider nur Künstler sein“
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20:40 26.07.2013
Foto: Besitzt seit Kurzem ein iPad: Timm Ullrichs.
Besitzt seit Kurzem ein iPad: Timm Ullrichs. Quelle: dpa
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Berlin

Herr Ulrichs, haben Sie inzwischen einen Internetanschluss?

Ich besitze seit Kurzem ein iPad. Ich wollte ein einfaches, simples, narrensicheres Telefon. Dazu gab es extrem billig ein iPad. Viele Informationen gibt es mittlerweile nur im Internet. Ich nutze es als Recherchemittel für meine Kataloge. Ich bin sehr pingelig, beispielsweise was die korrekte Schreibweise der Namen von Museen anlangt.

Sie sind also von der mechanischen Schreibmaschine direkt zum iPad gewechselt und haben ein paar technische Entwicklungen der vergangenen Jahrzehnte einfach übersprungen.

Ich schreibe parallel immer noch mit der Torpedo-Schreibmaschine, die ich von meiner Mutter geerbt habe, aber mit der Post versendete Briefe werden mittlerweile kaum noch beantwortet. E-Mails habe ich noch keine verschickt.

Sie könnten das iPad dazu nutzen.

Ich weiß nicht, wie das geht. Bei meinen Recherchen im Internet stelle ich fest, wie viel dummes Zeug dort verbreitet wird, zum Beispiel über mich. Jeder Idiot kann etwas hineinschreiben. Ein Tätowierer behauptet, er habe „The End“ auf mein Augenlid tätowiert, was nicht stimmt. Der Tätowierer, der das gemacht hat, ist längst tot. Sogar eine Facebook-Seite haben andere für mich eingerichtet. Ich hatte etwa 700 Follower, ohne etwas davon zu wissen. Auf der Seite waren Künstler aufgeführt, die ich angeblich gut finde, was aber Unsinn ist. Es war eine erfundene Facebook-Seite mit gefälschten Einträgen. Nur mithilfe früherer Studenten gelang es, sie zu löschen. Facebook hat keine Adresse, nur eine Briefkastenfirma in Hamburg, keiner meldet sich dort.

Ich finde es ein bisschen enttäuschend, dass Sie ausgerechnet in dem Moment, wo viele aufgrund des amerikanischen Abhörskandals dem Internet zu misstrauen beginnen, schwach geworden und eingestiegen sind. Finden Sie es nicht unheimlich, von technischen Geräten umgeben zu sein, dank derer Sie jederzeit abgehört oder beobachtet werden können?

Natürlich ist es unheimlich, aber man kann sich nicht ganz aus der Welt raushalten. Ich habe im Internet nach bestimmten Katalogen von mir geguckt, und dann sind mir zusätzliche angeboten worden. Ich bin aber gegen Werbung ziemlich immun. Ich kaufe keine Bücher, denn ich habe ein paar Tausend Bücher zu Hause, die ich noch lesen müsste. Ich kaufe keine Kleidung und auch sonst nichts, nur ein bisschen Essen um die Ecke.

Sie haben sich schon früh in künstlerischen Arbeiten mit allgegenwärtiger Überwachung auseinandergesetzt. In „Schuss und Gegenschuss“ haben Sie sich 1993 von der hannoverschen Polizei mit Überwachungskameras beim Spazierengehen filmen lassen. Und lange bevor Nacktscanner ein Thema wurden, haben Sie Ihren Körper im Flughafen durchleuchten lassen. Wodurch wurde das Interesse an Überwachung geweckt?

Es gibt auch einen eingebauten Türspion von mir, bei dem jeder jeden beäugen kann, und ich habe zehn Jahre vor Sophie Calle in Frankfurt einen Privatdetektiv auf mich gehetzt und mir dann das Protokoll abgeholt. Ich habe auch einen Text mit dem Titel „Welcome Big Brother“ geschrieben. Ende der siebziger, Anfang der achtziger Jahre habe ich den damals aktuellen Stand des Ausforschens untersucht. Man wusste beispielsweise, dass Briefe aus der und in die DDR über Wasserdampf geöffnet wurden. Bei dem Film „Schuss und Gegenschuss“ interessierte mich, dass mit öffentlichen Kameras vorgeblich Autos geblitzt werden und Gefahrenpunkte anvisiert werden sollen. Eigentlich aber geht es darum, Volksaufläufe und politische Versammlungen in den Blick zu bekommen, zu zerstreuen und zu zerschlagen.

Wie sehr interessierte Sie damals der gesellschaftspolitische Aspekt?

Ich habe selten Romane zur Entspannung gelesen, höchstens ein paar Detektivgeschichten. Darin wird alles deutbar. Jede Sache wird Tatsache, jeder Ort Tatort. Überall schlummern tatsächliche oder vermeintliche Verbrechen. Alles wird verdächtig. Es gibt nichts Unverdächtiges mehr - das ist im Blick des Detektivs verankert.

Es gibt keine Unschuld?

Nein, das unschuldig Wirkende scheint nur umso bessere und perfidere Strategien anzuwenden, um nicht kriminell zu erscheinen. Dieser Blick, der alles für verdächtig hält, hat mich schon immer interessiert. Ebenso der Umschlagpunkt, wo es in Paranoia kippt. Ein spezifisch eingetrübter Blick lässt sich auch in der Wissenschaft beobachten, eine berufsbedingte Eingeschränktheit. Es gibt dann keine offene, klare Sicht auf die Dinge mehr, sondern der Blick richtet sich immer auf das dahinter Liegende, hinter die Kulissen, das ist schon komisch.

Was denken Sie über die Snowden-Enthüllungen?

Die Überwachung hat sich extrem und exklusiv ausgeweitet und Dimensionen angenommen, die damals nicht erahnbar waren. Die Regierung reagiert mit Hilflosigkeit und Abwiegeln.

Neben der amerikanischen NSA ist auch der deutsche Bundesnachrichtendienst BND in die Kritik geraten. Bereuen Sie es, dass Sie sich für die künstlerische Ausgestaltung der gigantischen neuen Zentrale des Geheimdienstes in Berlin beworben haben?

Das ist eine schwierige Frage. Ich wollte eine Plastik von mir realisiert sehen, die sich dreht und dabei von „0“ zum Unendlichkeitszeichen wechselt. Das Preisgeld von einer knappen halben Million Euro war verlockend. Ich möchte spielen, aber natürlich muss man sich fragen, für wen und mit wem. Schließlich gewann ein Kollege, Stefan Sous, mit einem flachen behauenen Stein. Dabei sollte es laut Ausschreibung ein Werk mit Signetwirkung sein. Sous’ Stein jedoch sieht man kaum. Er liegt hinter dem panzersicheren Tor der BND-Zentrale, das nie geöffnet wird. Hier beginnt die Paranoia. Minister, die irgendetwas verkünden, müssen vor dem Tor auf der Straße stehen und in die Kameras reden.

Ihr Nürnberger Künstlerkollege Ulrich Brüschke durfte auf der Hinterfront der BND-Zentrale zwei riesige Fake-Palmen realisieren. Unter den künstlichen Palmwedeln sind Überwachungskameras verborgen. Meinen Sie, ein solches ironisches Werk hätte noch eine Chance, seit der BND zwar viele auf die Palme bringt, aber nur noch wenigen nach Lachen zumute ist?

Ich weiß es nicht. Fake-Palmen aber überzeugen mich nicht besonders. Die Überwachungstechnik ist ja inzwischen mobil geworden, wie Aufklärungsdrohnen zeigen, und winzig klein. Ich selbst habe einmal eine Miniaturkamera verschluckt und ihren Weg durch den Verdauungstrakt dokumentiert.

Was ist Ihrer Meinung nach heute die Aufgabe von Künstlern?

Zumindest über das aufzuklären, was uns erwartet. Ob man die Strategien im Einzelfall mitliefern kann, bleibt die Frage. Der Künstlerstatus hat sich verändert. Leute vom Chaos Computer Club sind zum Teil auch Künstler, etwa Rena Tangens. Sie gehört zu den Leuten, die den „Big Brother“-Award verteilen und Firmen entlarven, die durch Überwachung negativ auffallen. Es gibt heute eine Grauzone zwischen Künstlern und Aufklärern. Manche werden zu Künstlern, weil die Werke in Kunstinstitutionen gezeigt werden, sie könnten aber genauso gut in anderen Kontexten auftauchen. Ich selbst bin technisch leider zu unbeleckt, ich kann nur Künstler sein.

Aber immerhin haben Sie jetzt das iPad.

Ja schon, aber ich benutze es nicht viel.

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