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Weltweit Im Erzählkosmos von Dear Reader
Nachrichten Kultur Weltweit Im Erzählkosmos von Dear Reader
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00:15 12.05.2013
Von Hannah Suppa
Gut gelaunt: Cherylin MacNeil mit ihrer Band Dear Reader im Musikzentrum. Quelle: Sebastian Mast
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Hannover

Cherylin MacNeil passt eigentlich so gar nicht zu ihrer Musik. Da steht sie auf der kleinen Bühne im Musikzentrum, ohne Schuhe, im Sommerkleidchen und kommt aus dem Kichern nicht mehr heraus. Sie lacht, scherzt, grinst kokett. Und dann legt sie einfach den Hebel um. Mit glockenklarer Stimme schmettert sie ihre melancholischen Lieder, die von ihrer Heimat Südafrika berichten. Wandelt zwischen musikalischer Opulenz und Askese. Was für ein Wechsel!

MacNeil und ihre Band Dear Reader erzählen an diesem Abend viele Geschichten: Nicht nur, weil die 29-Jährige zwischen den Songs gern ein bisschen plaudert. Sondern vor allem, weil die Lieder ihres dritten Albums „Rivonia“ viel mitzuteilen haben: Dear Reader besingt die menschenunwürdigen Zustände der südafrikanischen Minenarbeiter, das Ende der Apartheid, die Festnahme Mandelas. Schwere Kost, verpackt in ein entzückendes musikalisches Gewand: Die lupenreine Stimme MacNeils steht im Fokus, dazu gesellen sich Keyboard, Akkordeon, Akustikgitarre, Geige, Drums, Bass. Und dann kommt plötzlich noch eine Trompete daher. Langsam bauen sich die Songs auf, wachsen auf der Bühne und triumphieren im finalen Zusammenspiel der Johannesburgerin und ihrer vierköpfigen, äußerst spielfreudigen Band.

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Man kann es Art-Pop nennen, was Dear Reader hier zu Gehör bringt: Pop-Musik mit Erzählstrang. Dear Reader nimmt die 200 Zuschauer an diesem Abend mit seinen Erzählkosmos. Mit nach Südafrika - vom Kap, über den Stadtteil Rivonia in Johannesburg bis zurück ins Hinterland zu den Zulu. In „Teller Of Truths“ besingt Cherylin MacNeil die Geschichte des Zulu-Königs Shaka aus dem 18. Jahrhundert: Als dessen Mutter starb, ließ Shaka 7000 seiner Untertanen hinrichten und verordnete ein drei Monate langes Hungern als Zeichen der Trauer. Wie sein Berater Gala den Tyrann zur Räson bringen konnte, davon handelt MacNeils Song. Vor dem ersten Ton erklärt die Künstlerin die Geschichte so: „Und dann sagte er zu Shaka: ,Hey Dude, komm drüber weg’“. Sie plaudert und kichert und gibt zu: „Na ja, ,Dude‘ wird er wohl nicht gesagt haben.“

Es ist der Wechsel zwischen erfrischender Unterhaltung und tief berührender Musik, die das Publikum von dieser Band verzaubert zurück lässt. Einzig die Bühne könnte demnächst eine andere sein: Im bestuhlten Ballhof war MacNeil mit ihren Liedern 2012 besser aufgehoben als jetzt im Musikzentrum.