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Weltweit Internationale Bauausstellung öffnet in Hamburg
Nachrichten Kultur Weltweit Internationale Bauausstellung öffnet in Hamburg
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19:52 20.03.2013
Von Martina Sulner
Foto: Das IBA-Dock im Müggenburger Zollhafen beherbergt die Ausstellung IBA at WORK und ist auch selbst Exponat der Internationalen Bauausstellung.
Das IBA-Dock im Müggenburger Zollhafen beherbergt die Ausstellung IBA at WORK und ist auch selbst Exponat der Internationalen Bauausstellung. Quelle: dpa
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Hamburg

Um den derzeit schönsten Blick über Hamburg zu bekommen, muss man schon ein paar Stockwerke hochlaufen. Acht, um genau zu sein. Noch funktioniert der Aufzug nicht, und auch die Heizung im ehemaligen Hochbunker des Stadtteils Wilhelmsburg ist noch nicht in Betrieb. Doch wer oben im Café angekommen ist, wird belohnt: Weite Teil des Hafens kann man von dort sehen, man blickt auf die Elbphilharmonie und den Michel - und man überblickt den Stadtteil, in dem seit Jahren an einer der spannendsten Städtebaumaßnahmen Deutschlands gearbeitet wird. Seit sechs Jahren laufen die Vorbereitungen für die Internationale Bauausstellung (IBA) Wilhelmsburg; von diesem Wochenende an präsentiert sie ihre Projekte.

Wilhelmsburg - das ist einerseits die größte bewohnte Flussinsel Europas, mit der S-Bahn gerade mal ein paar Minuten von der Hamburger Innenstadt entfernt. Auf der Elbinsel gibt es solide Einfamilienhaussiedlungen und Naturschutzgebiete. Wilhelmsburg - das ist aber auch der schmuddelige Hamburger Hinterhof. Hier leben viele Migranten, die Arbeitslosenquote ist hoch. Geografisch trennt das arme Wilhelmsburg im Süden und die nördlich gelegenen wohlhabenderen Stadtteile nur die Elbe, gefühlt hingegen liegen Welten dazwischen.

Vom Sprung über die Elbe, der die Teile der Hansestadt stärker miteinander verbinden soll, träumen Stadtpolitiker schon lange. Die IBA ist die wohl wichtigste Maßnahme, um die Kluft zwischen dem Norden und den Süden Hamburgs zu verkleinern. Dabei ist der Begriff Bauaustellung irreführend: In Wilhelmsburg sowie dem benachbarten Stadtteil Veddel und auf der Harburger Schlossinsel sind zwar viele neue (und attraktive) Gebäude entstanden, doch die IBA ist eher ein groß angelegtes Städtebauprojekt. Im Vordergrund steht die Frage, wie Menschen künftig miteinander leben können - und nicht, welche Architekten die spektakulärsten Häuser hinstellen.

In den sechs Jahren der Vorbereitung hat sich die IBA mit Fragen des Klimawandels beschäftigt. So wurde die ehemalige (Sonder-)Mülldeponie Georgswerder zum „Energieberg“ umgewandelt: Auf der begrünten Oberfläche der Deponie stehen jetzt Windräder und Photovoltaikanlagen. Im früheren Hochbunker ist - außer dem Café - ein Öko-Kraftwerk entstanden. Bauten wie die Behörde für Stadtentwicklung und Umwelt befolgen neue Energiesparstandards.

Weiterer Schwerpunkt der IBA ist das Thema Bildung. Gebaut wurde etwa ein Zentrum, in dem unter anderem ein Gymnasium, eine Sprachheilschule und eine Kita untergebracht sind. „Junge Familien ziehen nur dann hierher, wenn das Angebot an Schulen und Kitas stimmt“, sagt IBA-Geschäftsführer Uli Hellweg.

Insgesamt 63 Projekte umfasst die Bauausstellung, zu der parallel demnächst die Internationale Gartenschau (igs) in Wilhelmsburg eröffnet. Das Investitionsvolumen der IBA liegt bei einer Milliarde Euro, knapp ein Drittel sind öffentliche Gelder, die von der Stadt Hamburg, aus Berlin oder von der EU kommen.

Von Anfang an hat die IBA versucht, nicht gegen, sondern mit den Bewohnern zu arbeiten. Gleich zu Beginn der Planungsphase entstand eine Art Begegnungszentrum in einem leer stehenden Supermarkt. Dort konnten Bewohner an einer überdimensionalen Pinnwand ihre Wünsche für den Stadtteil notieren. Zudem gab und gibt es regelmäßig Diskussionstreffen. „Doch zu den Bürgerforen kommt immer nur die artikulationsfähige deutsche Mittelschicht“, sagt Geschäftsführer Hellweg. Man habe schon einiges an Anstrengung unternehmen müssen, um Kontakte zu Migranten oder Migrantenvereinen herzustellen. Letztlich sei das aber gelungen.

„Die IBA wertet den Stadtteil auf, ohne Menschen zu verdrängen“, lobte gestern Hamburgs Erster Bürgermeister Olaf Scholz (SPD). Und er bewarb das „zentrumsnahe Wohnen“, das in Wilhelmsburg, wo ein Großteil der Wohnungen in öffentlicher Hand ist, möglich sei. Doch im Stadtteil gibt es auch Vorbehalte gegen die IBA. Viele Bewohner haben Angst vor steigenden Mieten. Die IBA „treibt die soziale Spannung im Stadtteil voran“, kritisiert Robert Albrecht vom „Arbeitskreis Umstrukturierung Wilhelmsburg“.

Überall in Wilhelmsburg sieht man Graffiti gegen die Ausstellung und Aufkleber wie „IBA? Nigs da!“ von einem Aktionsbündnis „Für eine soziale und selbstbestimmte Stadt“. Für diesen Sonnabend ist eine Gegendemonstration zur Eröffnungsfeier angekündigt. IBA-Geschäftsführer Hellweg hingegen lässt die Vorwürfe der Gegner nicht gelten. In dem sogenannten Weltquartier, wo man die Wohnungen nach Wünschen der Bewohner saniert hat, sei die Bruttowarmmiete von 8,29 Euro auf nur 8,42 Euro pro Quadratmeter gestiegen. Die Mietensteigerung läge, so Hellweg, in den kommenden Jahren bei 2,5 Prozent jährlich.

In einem sind sich Gegner und Befürworter der IBA allerdings einig: Erst in einigen Jahren wird erkennbar sein, was die Projekte gebracht haben. Ob die Mieten gestiegen und Bewohner verdrängt worden sind. Oder ob Wilhelmsburg dann einen besseren Ruf hat. Vielleicht sogar nördlich der Elbe.