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Weltweit Interview mit Michael Haneke
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06:15 31.05.2012
Von Stefan Stosch
Michael Haneke hat zum zweiten Mal die „Goldene Palme“ in Cannes gewonnen. Quelle: dpa
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Cannes

Herr Haneke, mit Goldenen Palmen kennen Sie sich schon seit 2009 aus, als Sie mit „Das weiße Band“ gewannen. Werfen Sie doch mal einen Blick zurück in die Zukunft: Was verändert sich durch den Hauptpreis in Cannes?

Man kann sich eine Goldene Palme nicht auf den Hut setzen und damit herumlaufen. Man freut sich, und dann ist es gut. Das Schöne aber ist, dass die eigene Popularität steigt. In der Folge kann man sich bessere Arbeitsbedingungen leisten. Das ist für mich der Sinn eines Preises: Der Fleischhauer gibt einem ein besseres Stück Braten, wenn man bekannt ist.

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Beim Titel „Amour“ denkt man erst mal an junge Leute. Wieso haben Sie ein Drama über ein Ehepaar jenseits der Achtzig so genannt, das vom Sterben handelt: Die Frau wird zum Pflegefall?

Den Titel hat mein Hauptdarsteller Jean-Louis Trintignant erfunden. Er lese aus dem Drehbuch so viel Liebe heraus, hat er gesagt, warum nennen wir den Film nicht so? Tolle Idee, habe ich gesagt.

Ist ein Film über Tod und Sterben nicht Kassengift?

Diese Vermutung höre ich immer wieder, man breche ein Tabu und so. Das glaube ich aber nicht. Im Fernsehen laufen solche Stoffe immer wieder, und die Fernsehleute würden das nicht machen, wenn sich das niemand anschauen wollte.

Ja, das sind zumeist aber rührselige Filme.

Das ist ja nun wieder eine Qualitätsfrage. Es kommt darauf an, wie ernst man das Thema nimmt. Das ist ein wichtiges, ein großes Thema. Kitsch wäre der Tod für diesen Film gewesen.

Wie lange haben Sie die Filmidee mit sich rumgetragen?

In meiner Familie gab es einen Fall ähnlicher Art - wie wohl in jeder Familie. Das hat mich berührt, das war der Anstoß. So ist das ja immer, wenn man sich über etwas empört oder aufregt - man lässt sich etwas einfallen.

Wollten Sie mit „Amour“ eigene Ängste bewältigen?

Ich habe mich nicht hingesetzt und gesagt: Jetzt bewältige ich mal meine Angst vor dem Tod. Ich analysiere mich ja nicht selber. Allerdings kann man es auch umdrehen: In einem gewissen Sinn ist jeder Film Angstbewältigung.

War „Amour“ von Anfang an in dieser gutbürgerlichen Schicht angesiedelt?

In diesem Milieu kenne ich mich am besten aus, ich gehöre ihm selbst an - genau wie mein Publikum. Ich wollte den Film aber auch von finanziellen Nöten entkleiden, also auf keinen Fall ein Sozialdrama drehen. Hätte zum Beispiel das Geld für eine Krankenschwester gefehlt, dann hätte mancher gesagt: Mit mehr Geld hätte das Ehepaar nicht diese Probleme. Aber so ist es ja nun gerade nicht. Beim Sterben kriegen alle Probleme.

Haben Sie die Wohnung entworfen, in der beinahe der gesamte Film spielt?

Das ist quasi die Wohnung meiner Eltern, die ich habe nachbauen lassen. Das macht es beim Schreiben konkreter. In so einem Kämmerchen wie im Film hat mein Stiefvater die letzten Jahre seines Lebens gewohnt, als meine Mutter gestorben war.

Wie haben Sie die phänomenalen Schauspieler gefunden?

Das war leicht, weil ich „Amour“ für Jean-Louis Trintignant geschrieben habe. Ohne ihn gäbe es den Film nicht. Emmanuelle Riva war schon in „Hiroshima, mon Amour“ Ende der Fünfziger mein Jugendschwarm, wir lagen vor dieser Frau auf den Knien.

Gab es bei den Schauspielern Bedenken?

Emmanuelle Riva hat sich nicht gerade darauf gefreut, dass man sie nackt sehen würde in der Duschszene. In dem Alter ist das kein Spaß. Aber es war notwendig, ich habe ihren Körper so diskret wie irgend möglich gefilmt.

Tröstet so ein Film? Oder kriegt das Publikum Angst vor dem Sterben?

Angst wäre jedenfalls nicht Sinn der Sache. Ein Film mit einem schweren Thema berührt mich, weil ich das Gefühl habe, mit meinem Problem nicht so allein zu sein. Es entsteht eine Form von Solidarität. Das ist das Tröstliche. Zuschauer haben sich auch schon bei mir bedankt, weil der Film eigene Erinnerungen bei Ihnen wachruft.

Anders als in „Das weiße Band“ sympathisieren Sie in „Amour“ mit Ihren Helden. Sind Sie milder geworden?

Da müssen Sie meine Frau fragen.

Sie lachen viel, auch in diesem Gespräch. Drehen Sie doch mal eine Komödie.

Das hat mir schon meine Großmutter empfohlen. Ich habe es mal versucht, am Anfang meiner Theaterkarriere, und das war mein einziger wirklicher Flop. Ich bin auf diesem Gebiet unbegabt. Mir fehlt die rechte Phantasie. Man soll von einem Schuhmacher keine Hüte verlangen. Ich schaue mir aber gerne Komödien an.

Welche zuletzt?

Ich gehe selten ins Kino. Mich schreckt das Publikum ab - ich hasse den Popcorngeruch, die Unaufmerksamkeit, das Telefonieren, das geht mir auf den Wecker. Ich kriege ja eh von allen Akademien, in denen ich bin, die DVD geschickt. Die schaue ich mir zu Hause in Ruhe an. Für einen neuen Woody Allen mache ich aber gerne eine Ausnahme.

Die Fragen stellte Stefan Stosch

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