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Weltweit „Historische Figuren kann ich gut“
Nachrichten Kultur Weltweit „Historische Figuren kann ich gut“
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00:15 19.09.2013
Von Stefan Stosch
Juliane Köhler als Katrine im Kinofilm „Zwei Leben“. Quelle: dpa
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Frau Köhler, haben Sie den 2. März 2014 schon in Ihrem Terminkalender geblockt?
Nein, was ist da?

Die Oscar-Verleihung?
Ach so. Nein, noch nicht.

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Na gut, aber zumindest den 16. Januar haben Sie vorgemerkt?
Da entscheidet Hollywood, ob unser Film es in die Endauswahl für den Auslands-Oscar schafft, richtig? Wissen Sie, in solchen Fällen tue ich immer so, als wüsste ich nicht, was ansteht. Ich habe auch an dem Tag, als die Entscheidung darüber fiel, ob unser Film von deutscher Seite auserwählt wird, mein Handy ausgemacht. Ich konnte die Sache ja nicht beeinflussen. Da habe ich mich lieber erst mal rausgezogen.

Ärgert es Sie, dass „Zwei Leben“ erst so richtig wahrgenommen wird, seit er im Rennen um Hollywood-Ehren ist?
Das macht mich ein bisschen traurig. Ich habe zehn Jahre für diesen Film gekämpft und die letzten vier Jahre bei allen großen Geldgebern auf dem Sofa gesessen. Die Kombination Stasi plus Nazis plus Familiengeschichte und dann noch ein unbekannter Regisseur: So gut wie keiner hat an den Erfolg geglaubt. Die haben mich nicht wirklich ernst genommen. Dabei war ich schon mit „Nirgendwo in Afrika“ und „Der Untergang“ für den Oscar nominiert und mit „Aimée & Jaguar“ für den Golden Globe.

Nach dem Oscar-Erfolg des Stasi-Dramas „Das Leben der Anderen“ hätte man andere Reaktionen erwartet.
Ja, aber die deutsche Filmbranche ist immer noch total verkrampft und orientiert sich an – ja, an was weiß ich. Die wollen Erfolg haben, aber gehen Wege ohne Risiko.

Sie haben in so vielen historischen Filmen mitgespielt: „Aimée & Jaguar“, „Nirgendwo in Afrika“, „Der Untergang“, „Novemberkind“, „Anonyma“. Woher rührt der Bezug zu geschichtlichen Stoffen?
Ich spiele ja auch heutige Frauen. Tatsächlich aber sind historische Figuren etwas, was ich gut kann.

Wieso?
Ich arbeite mich lieber an Figuren ab, die gelebt haben. Ich denke mich gerne bis ins Letzte in so einen Charakter hinein, so wie eine Psychologin. Für mich ist das wie eine mathematische Gleichung, die am Ende aufgehen muss. Für die aktuelle Rolle habe ich wahnsinnig viel über Stasi-Agenten recherchiert.

Lässt sich Unterhaltungskino denn für historische Aufklärung nutzen?
Auf jeden Fall. Bei „Nirgendwo in Afrika“ hat man viel gelernt über Familiengeschichten im Zweiten Weltkrieg. Oder „Der Untergang“: Wer wusste von den Geschehnissen im Führerbunker? Auch bei „Zwei Leben“ handelt es sich um eine wahre Geschichte: Manche Stasi-Agenten leben immer noch in Norwegen und hoffen, nie entdeckt zu werden.

Wie reagieren die Norweger, wenn Sie an die Lebensborn-Kinder erinnert werden?
Viele haben uns gesagt, dass das Thema immer noch unter den Tisch gekehrt wird, sie aber gerne mehr darüber erfahren möchten. Die Scheu davor lässt sich vielleicht nachvollziehen: Die Mütter der Lebensborn-Kinder wurden als Nazi-Flittchen geächtet, kamen in Lager. Und wer sagt schon gerne: Ich war mit einem Nazi zusammen? So etwas wirkt wohl bis heute nach.

Stimmt es, dass Sie für die Rolle eigens Norwegisch gelernt haben?
Ich habe mir ausgerechnet, dass es gut ist, wenn ich genau das tue, was meine Figur getan hat. So was kennt man ja von US-Schauspielern, die viele Pfund zu- oder abnehmen. Ich habe eben Norwegisch gelernt: Katrine wollte ja nicht als Deutsche erkannt werden, um besser lügen zu können. Außerdem hatte ich viel Zeit. Wir mussten die Dreharbeiten jeden Sommer wieder verschieben, weil Geldgeber abgesprungen waren.

Was ist Katrine: Täter oder Opfer?
Sie ist beides, auf jeden Fall auch Täterin. Sie bekam schon im Kinderheim eine Gehirnwäsche, aber sie war erwachsen, als sie die Entscheidung zum Spionieren traf. Auch Mauerschützen wurden verurteilt, obwohl sich sagen ließe, dass diese zum Schießen erzogen wurden.

Wie war die Arbeit mit der Bergman-Ikone Liv Ullmann?
Diese Frau ist so witzig und voller Geschichten. Sie sitzt im Schneidersitz da, trinkt Kaffee und lacht sich mit den anderen schlapp. Sie hat übrigens genau wie alle anderen eine Low-Budget-Gage akzeptiert.

Was haben Sie von ihr gelernt?
Na, zum Beispiel, dass es nie gut ist, beim Spielen zwei Entscheidungen zu treffen – also eine Rolle erst so und dann so zu interpretieren. So eine B-Variante hat Ingmar Bergman gehasst. Das habe ich mir gemerkt.

Sie haben immer auch Theater gespielt, zu Beginn Ihrer Karriere in Hannover am Staatstheater, heute am Bayerischen Staatsschauspiel. Wie bringen Sie Theater und Kino denn nun unter einen Hut?
Tja, das ist unser Schicksal. Mich hat das Theater damals ja sogar bei „Aimée & Jaguar“ rausgeworfen, als sich die Dreharbeiten verschoben und mit Proben kollidierten. Meinen Silbernen Bären konnte ich 1999 nicht in Berlin abholen, weil ich an dem Abend Vorstellung hatte. Glücklicherweise haben sich die Intendanten inzwischen darauf eingestellt, dass viele Schauspieler beides wollen: spielen und drehen. Eine enorme logistische Herausforderung bleibt es aber immer noch.

Für die Oscar-Verleihung in Hollywood bekämen Sie aber schon frei?
Ich sage jetzt mal besser meinem Theater Bescheid, an dem Tag nicht unbedingt eine Vorstellung mit mir auf den Spielplan zu setzen.

Hintergrund

Juliane Köhler gilt im Kino als Expertin für geschichtliche Stoffe: Die 1965 in Göttingen geborene Darstellerin spielte in „Aimée & Jaguar“ eine Frau, die im Zweiten Weltkrieg in Berlin eine Jüdin liebte, und flüchtete in „Nirgendwo in Afrika“ vor den Nazis nach Kenia. Ihre Theaterkarriere begann sie in der Ära Witt am Staatstheater Hannover; heute ist Köhler Ensemblemitglied am Residenztheater München. Ihr aktueller Film „Zwei Leben“ erzählt von dem verdrängten Kapitel der Lebensborn-Kinder in Norwegen. Kinostart ist am Donnerstag.

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