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Weltweit Und ewig heult der Kojote
Nachrichten Kultur Weltweit Und ewig heult der Kojote
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00:22 28.07.2014
Von Imre Grimm
Wilder Westen am Kalkberg: Seit 62 Jahren ist Bad Segeberg Heimat der Karl-May-Spiele, Pilgerort für Indianerfans. Quelle: Markus Scholz
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Bad Segeberg

Nein, er wird sie nicht hergeben, nicht für alles Gold der Apachen. Sie könnten ihn martern, skalpieren, den Grizzlys vorwerfen – er rückt sie nicht heraus. Nicht die 1890er-Erstausgabe von „Der Sohn des Bärenjägers“ und schon gar nicht „Winnetou Band IV“ von 1910 – mit einer handschriftlichen Widmung von Karl May, dem Meister selbst. Was der Henrystutzen für Old Shatterhand ist und die Silberbüchse für Winnetou, das sind diese beiden Bände für Ekkehard Bartsch: Schätze seiner Sammlung, Symbole seines Kosmos. Vergilbt sind sie, fleckig und grau wie die Erinnerung. Aber genauso wertvoll.

Bartsch ist 71 Jahre alt, gelernter Buchhändler aus Schlesien, einst Lektor beim Karl-May-Verlag in Bamberg. Seit zwei Jahrzehnten sitzt er in seinem kleinen „Karl-May-Center“ („Der Treffpunkt für Indianerfreunde“) hier oben auf dem Kalkberg in Bad Segeberg und hält zwischen Flutschfingereis, Zwei-Euro-Regenponchos und „Goldnuggets“ für 1,80 Euro die Fahne der Literatur hoch – als Ein-Mann-Kavallerie der guten Sache. Von seinem T-Shirt blickt ein Weißkopfseeadler. In seinen Regalen: lange Meter der grün-goldenen Klassiker, seltene Karl-May-Magazine, morsche Bildbände für Sammler („Lex Barker: Unsterblicher Old Shatterhand“).

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Winnetou lebt

Um Bartschs Bretterbude herum: High Noon in Kalkberg City. Männer mit Lederhüten und breitem Gang, Mütter mit Keksdosen, frisch geschminkte Indianerschulklassen, Rentner in Funktionskleidung. „Diese ganze volkstümliche Beschäftigung mit Karl May muss es ja auch geben“, sagt Bartsch nachsichtig. „Ich beschäftige mich etwas ernsthafter mit ihm.“ Dann ein Foto: „Das bin ich als Indianer, 1978 beim Volksfest in Lübeck, mit schöner Perlenkette.“
Bad Segeberg. Seit 62 Jahren Heimat der Karl-May-Spiele, Sehnsuchtsort deutscher Freizeitcowboys, Zentralmassiv des literarischen Universums eines genialischen, steckbrieflich gesuchten Hochstaplers und Selbstvermarkters namens Karl Friedrich May, der wie im Wahn mit seinem Werk verschmolz. Er prahlte damit, 1200 Sprachen und Dialekte zu beherrschen und als Winnetou-Nachfahre 35 000 Apachen zu befehligen – in Wahrheit saß er in seinem Stübchen und spann. Die Kinder seines Geistes – Winnetou, Old Shatterhand, Nscho-tschi, Klekih-petra – sind im echten Wilden Westen unbekannt. In Deutschland dagegen kreißte der (Kalk-)Berg und gebar einen Mythos.

Wenn die acht Töne von Martin Böttchers berühmter Filmmusik erklingen, wird das alte Gipsbergwerk, in dem der Reichsarbeitsdienst 1937 ein Stadion aus dem Fels klopfen ließ, zum Indianerland. Warum auch nicht? Wenn die jugoslawische Steinödnis in Horst Wendlandts Karl-May-Verfilmungen als Monument Valley taugt, dann taugt auch ein schleswig-holsteinisches Kurstädtchen als texanisches Kuhkaff am Rio Pecos. Man muss nur wollen.

Und sie wollen. Hunderttausende strömen jährlich in die Arena. Familienoberhäupter mit Bauchtasche führen den Nachwuchs mit Fünf-Euro-Tomahawks an die Feinheiten des indianischen Freiheitskampfes heran. „Guck! Da ist ‘ne Squaw!“, sagt ein Vater, der Blick leicht silbrig. Am Eingang hängt ein Schild: „Während der Vorstellung achten Sie bitte darauf, dass die Kinder nicht mit ihren Pistolen schießen.“ Im „Indian Trading Post“ laufen harte Verhandlungen: „Doch, das ist eine Silberbüchse“, sagt eine Verkäuferin. „Nee, isses nicht“, sagt ein Elfjähriger. „Weil nämlich, ‘ne Silberbüchse hat kein Zielfernrohr und ist doppelläufig.“

Warum eigentlich?

322.000 Besucher kamen 2013 nach Bad Segeberg, so viele wie nie zuvor. Es sind mehr als Ende der Achtziger, als Pierre Brice den Winnetou spielte, kultisch verehrter Filmindianer, der als menschgewordene Vermischung von Traum und Wirklichkeit herabstieg von der Leinwand. Es sind auch mehr als danach, 15 Jahre lang, bei Gojko Mitic, dem „Winnetou des Ostens“. Rekord am Kalkberg. Goldgräberstimmung. Die Frage ist bloß: Warum eigentlich?

Was hat uns diese rührend naive Fabel vom großherzigen Indianerhäuptling und seiner mit Blut besiegelten Freundschaft zum friedensbewegten deutschen Landvermesser noch zu erzählen? Wen lockt in Zeiten globalisierter Fantasy-, Mystery-, Vampir- und Zauberer-Erlebniswelten der Schrei der Bergdohle? Wie passt der hölzern-salbungsvolle Duktus, wo edle Recken in der dritten Person von sich selbst sprechen und endgültige Sätze in den Wind raunen („Weil er an das Gute glaubte, musste er sterben“), zwischen YouTube und Playstation?

Bad Segeberg galt lange als betuliches, in Rothaut-Routine erstarrtes Reisebusziel. Aber es geht hier nicht mehr allein um Eskapismus und Sentimentalitäten, um Großväter also, die dem Zündplättchen-Idyll ihrer Lederhosenjugend nachjagen, oder die Generation Modelleisenbahn, die vor 50 Jahren unterm „Bravo“-Starschnitt von Marie Versini alias Nschotschi träumte. Hier geht’s um Pommes und Platzpatronen, um ein sorgsam in die Gegenwart transponiertes, professionelles Spektakel. Und das trifft als reales Live-Entertainment in Zeiten virtueller Pixelabenteuer und Hollywood-Stangenware wieder einen Nerv. Es riecht nach Pferd. Echter Matsch, echtes Gras und Staub auf der Hose.
„Die Generation, die unter der Bettdecke Karl May gelesen hat, wird älter“, sagt Ute Thienel, seit 15 Jahren Geschäftsführerin der Kalkberg GmbH. „Aber das Indianer-und-Cowboy-Thema ist unsterblich. Es ist eines der wenigen großen Abenteuer für alle.“ Natürlich passe man sich der Zeit an, dramaturgisch und sprachlich, sagt Thienel. „Wir sind mutig genug, auch lustige Figuren oder Frauenrollen hineinzuschreiben, die es in den Romanen nicht gibt“ – alles „frei nach Karl May“. In der aktuellen Inszenierung „Unter Geiern – Der Geist des Llano Estacado“ sächselt sich ein durchgeknallter Professor durch allerhand Slapstickgezappel. Man macht Scherze über Limburger Bischöfe. Das ist nichts für Puristen, aber es ist konsequent: „Unsere Gäste lieben das.“

Thienel fand eine Männerwelt vor, als sie 1999 anfing. Nur einmal griff sie künstlerisch ein. Da sollte Ribanna sterben, Häuptlingstochter und Mutter eines Babys. „Das geht nicht in einem Kindertheater, dass eine Mutter stirbt!“ Ribanna durfte weiterleben.

Brennende Gauner und schreiende Kinder

Seit zwei Jahren spielt der frühere „GZSZ“-Star Jan Sosniok („Danni Lowinski“) den Winnetou und Wayne Carpendale („Der Landarzt“) den Old Shatterhand. Mit stählernem Blick reiten beide durchs Bergwerk. Die Actionszenen sind nicht zimperlich, nach zwei Minuten brennt der erste Gauner. „Wir alle sind Kinder des großen Vaters und der großen Mutter“, barmt Sosniok. Pengpeng. Musik. „Der Geist, der Geist!“, kreischen die Kinder. Ein Adler schwebt über die Menge. Man entledigt sich eines Gangsters auch mal durch einen beherzten Tritt in die Testikel. Szenenapplaus. Das ist Hansdampf-Bühnenkunst in bester Volkstheatertradition, wo Indianer nicht einfach sterben, sondern „auf den Flammen der Ewigkeit reisen“. Geigen. Mundharmonika. Feuer. Hugh, Winnetou hat gesprochen. Es ist herrlicher Unfug.

Vorbei die Zeiten, als die Festspiele als kränkelnder Wurmfortsatz der städtischen Kulturabteilung um ihre Existenz kämpften, als der Bad Segeberger Stadtrat tatsächlich jährlich über die zulässige Zahl der Platzpatronen abstimmte – damit die Kosten nicht explodierten! „Das ist aus heutiger Sicht schon absurd“, sagt Thienel. Weniger Spektakel hieß auch: weniger Besucher. 45 000 waren es im Jahr 1982. Der Tiefpunkt. Ein Teufelskreis, den so richtig erst Pierre Brice durchbrach, den man zur Saison 1988 vom Konkurrenzunternehmen im sauerländischen Elspe abwarb, wo er schon seit 1976 im Lederfransenkostüm als Winnetou im Kreis ritt. Inzwischen sind die Spiele für Bad Segeberg, was Volkswagen für Wolfsburg ist: Imagefaktor, Zugpferd, wichtigster Arbeitgeber. 200 Jobs gibt es, darunter eine Pferdepflegerin für 25 Tiere, die neue Pferde erst mal „einschießt“, wie man hier sagt. Sie laufen stundenweise mit, damit sie sich an das Geballer gewöhnen.

Der Bürgermeister ist gleichzeitig Aufsichtsratsvorsitzender, 76 Prozent der Firma gehören der Stadt, der Rest ist in Streubesitz. 4,2  Millionen Euro beträgt der Jahresetat. Ab 200.000 Besucher trägt sich die Sache.
Bad Segeberg ist kein Literaturzentrum. Hier lebt man vor allem vom Leinwandmythos, den ab 1962 die 18 Karl-May-Filme schufen. Es ist und bleibt natürlich bizarr, dass ausgerechnet ein Völkermord an den Ureinwohnern Amerikas zur Folie für juvenile Freiheitsträume wurde, aber so war es halt. Hier bleibt spielerisch der Gedanke am Leben, dass sich die Sorgen der Welt mit ordentlich Piffpaff ruck, zuck ins Jenseits ballern lassen. „Wer hier mit seinen Kindern herkommt, will die Begeisterung für etwas wecken, was ihn selbst als Kind begeisterte“, sagt Bartsch in seiner Bude. Kara Ben Nemsi? Hadschi Halef Omar? Old Shatterhand? In den Buchhandlungen hat es Karl May schwerer als früher, aber grauer Staub ist er mit 100.000 verkauften Exemplaren pro Jahr noch lange nicht.

Die Faustformel lautet: Die Mädchen kommen wegen der Pferde, die Jungen wegen der Knarren, die Väter wegen früher und die Mütter wegen der Väter. Damit die nicht plötzlich drei Cowboyhüte kaufen und irgendwas von Texas und Auswandern faseln. Irgendwann ist es egal, ob ein Mythos echt ist oder falsch, wenn er nur lebt. Und dieser lebt. Wohin sonst soll der Deutsche gehen, wenn der Kojote heult?

Ein Welterfolg seit 100 Jahren

Im Land der Fantasie: Im Wilden Westen ist Karl May (1842–1912) nie gewesen. Er kam 1908 gerade mal bis zu den Niagarafällen. Seinen Welterfolg schränkte das nicht ein: 200 Millionen May-Bände wurden bisher verkauft. Seit den zwanziger Jahren gab es Karl-May-Festspiele, bis tief in die Nazi-Zeit hinein. Einerseits missbrauchte man das Werk des Jugendschriftstellers als Nachweis der moralischen Überlegenheit der weißen Rasse, andererseits war man von seinem radikalen Pazifismus irritiert. Anfang der fünfziger Jahre beschloss der Rat des 16.000-Einwohner-Städtchens Bad Segeberg, unter dem Motto „Eine Stadt spielt Karl May“ im brachliegenden Kalkbergstadion mit 7500 Plätzen eigene Aufführungen aufzunehmen. Einen biografischen Bezug zu May hat Bad Segeberg nicht. Bis zu zwölf deutsche Bühnen machen dem Kalkberg Konkurrenz, die größte ist Elspe im Sauerland.

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