Menü
Göttinger Tageblatt / Eichsfelder Tageblatt | Ihre Zeitung aus Göttingen
Anmelden
Weltweit Kestnergesellschaft stellt sich der Wirklichkeit
Nachrichten Kultur Weltweit Kestnergesellschaft stellt sich der Wirklichkeit
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
20:46 22.01.2015
Von Daniel Alexander Schacht
Haben große Ausstellungspläne für die Kestnergesellschaft: Die Kuratoren Lotte Dinse, Heinrich Dietz und Charlotte Schüling. Quelle: Tim Schaarschmidt
Anzeige
Hannover

Schlecker lebt. Die Drogeriekette ist in der wirklichen Welt zwar in Konkurs gegangen. In der Welt der Kunst aber lebt sie auf eigentümliche Weise fort - jedenfalls in der nächsten Ausstellung der Kestnergesellschaft. Denn dafür wird eine Berliner Künstlergruppe dort das komplette Interieur einer Schleckerfiliale installieren. So hält die Wirklichkeit Einzug in die Kunstwelt - und erscheint da dann fast gespenstisch unwirklich, weil die Tristesse der billigen, leeren Regale allen Konsumverlockungen spottet.

Keine schlechte Eröffnung für ein Jahr, in dem die Kestnergesellschaft entschlossen scheint, von Neuem besonders das Verhältnis von Kunst und Wirklichkeit auszuloten. Dieser rote Faden lässt sich in allen Ausstellungen zu Kunstinstallationen und Videokunst, Malerei und Fotografie erkennen, die jetzt bei der Präsentation des Jahresprogrammes vorgestellt wurden.

Anzeige

Das ist, genaugenommen, eher eine Art Halbjahresprogramm für jene Zwischenzeit, in der Veit Görner, Chef der Kestnergesellschaft bis Anfang Dezember, schon weg ist, und die neue Direktorin Christina Végh, die ihr Amt im Mai antritt, eben noch nicht da. Vorbereitet wurden die Ausstellungspläne noch zusammen mit Veit Görner. Präsentiert wurden die vier Kunstschauen nun von den Kuratoren Lotte Dinse, Julia Wedlich und Heinrich Dietz gemeinsam mit der Sprecherin Charlotte Schüling.

FORT: Zwei Künstlerinnen, die 33-jährige Alberta Niemann und die fünf Jahre ältere Jenny Kropp, bilden derzeit die Künstlergruppe FORT. Diese Berliner Künstler treten seit 2008 mit Performances und Installationen an die Öffentlichkeit. Sie zeigen verlassene Orte in Ostdeutschland, inszenieren sich selbst in verstecktem Theaterspiel als Schlafende im Museum oder installieren eben eine Drogeriefiliale im Museum. Für Hannover plant das Künstlerinnenduo eine ganz neue Installation, die sich nach den Worten von Lotte Dinse „sehr zeichenhaft mit vorgefundenem Material“ auseinandersetzen wird.

Dominik Sittig: Die anwesenden Eltern: Dass Malerei ziemlich dreidimensional sein kann, führt der 40-jährige Berliner Künstler Dominik Sittig vor, der üppig wilde Farbreliefs auf seine großflächigen Leinwände drückt. Das ist im Wortsinn so dick aufgetragen, als wollte er das Action Painting des abstrakten Expressionismus oder die lyrische Abstraktion des Informel von einst steigern - um diese Posen ad absurdum zu führen.

„Dieser Künstler parodiert mit großem Ernst die Klischees von der Ausdruckshaftigkeit solcher Kunstströmungen“, sagt Heinrich Dietz. Sittig stellt sich damit quer zur Vorstellung von einer expressiven Aussage des Künstlers an den Betrachter durch das Medium Bild. Und stellt so die Wirklichkeit der bloßen Form gegen die Suche nach subtilen Kunstbotschaften. (Beide Ausstellungen 5. März bis 25. Mai)

Pipilotti Rist: Die Schweizerin war viele Jahre vor allem als Musikerin von Les Reines Prochaines bekannt, sie hatte aber schon lange davor mit Film experimentiert und zählt zu den Pionierinnen der Videokunst. Wie ihre Videowerke die Wirklichkeit aufnehmen und zugleich künstlerisch bis zur Traumvision verwandeln können, wird in Hannover ganz groß: Denn die 52-Jährige taucht gern ganze Ausstellungshallen ins Licht ihrer knallbunt verfremdeten, die Zeit und den Raum zerdehnenden oder raffenden Videovisionen - und hat dafür in den spektakulären Räumen des alten Goseriedebades besondere Gestaltungsmöglichkeiten. Zumal da sie dort „Eine Reise durch den Körper“ präsentieren will. Das ist eine filmische Perspektive, die allen - außer vielleicht Gastroenterologen - auch ohne künstlerische Verfremdung als ein ziemlich fremder Teil der Wirklichkeit vorkommen dürfte.

Nan Goldin: Die US-amerikanische Fotografin hat seit ihrer - frei nach Brecht betitelten - Diaschau „Ballad Of Sexual Dependency“ von Anfang der 80er Jahre viele Fans auch in Deutschland. Für ihre fotografischen Arbeiten zu Themen wie Aids und Drogenkonsum, Missbrauch und Prostitution ist die 61-Jährige mehrfach ausgezeichnet worden. Die Kestnergesellschaft spannt bei ihrer Nan-Goldin-Schau einen Bogen von ganz frühen Arbeiten bis zu neuen Werken wie „Scopophilia“. Für diese große Diaserie hat sich die Künstlerin im Louvre gründlich in der europäischen Kunstgeschichte umgetan und konfrontiert menschliche Posen auf Malereien oder in Skulpturen mit eigenen fotografischen Arbeiten.

Alte Vorlage, neues Foto? Keineswegs: Nan Goldin hat die ganz ähnlichen Posen quer durch ihr 40-jähriges Œuvre entdeckt - was geradezu anthropologische Konstanten erahnen lässt. Menschen haben möglicherweise immer schon so oder ähnlich posiert oder wurden entsprechend inszeniert, wenn Maler, Bildhauer oder Fotografen zugegen waren. Und vielleicht nicht nur dann, sondern wann immer es darum ging, sich für die Lust am Schauen herzurichten - so, dass sie damit befeuert wird. (Beide Ausstellungen 19. Juni bis 27. September.)

Denn das ist schließlich der Sinn des griechischen Worts Scopophilia, der Liebe zum Schauen, der hier in der Kestnergesellschaft gehuldigt wird. Einer Liebe, die es in der Kunst ebenso gibt wie in der Wirklichkeit.