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Weltweit Klappe auf für Gurlitt
Nachrichten Kultur Weltweit Klappe auf für Gurlitt
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17:02 08.04.2014
Von Johanna Di Blasi
Der Kunstsammler Cornelius Gurlitt steht mit einer Verfahrensvereinbarung mit Bayern vor dem Ende eines packenden Kunstkrimis. Quelle: Barbara Gindl (Archiv)
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Berlin

Silberfischchen nehmen vor dem Licht der Taschenlampen Reißaus. Ein Beamter hüstelt. Hinter Müllbergen und vergilbten Papierstapeln blitzen Goldrahmen im Zwielicht. Ein Originalbild des französischen Meisters Henri Matisse wird sichtbar, mit einer schwarzäugigen Dame in einem mit Blumen übersäten Sommerkleid.

Das Bild „Sitzende Frau“ galt seit Jahrzehnten als verschollen, nachdem es wahrscheinlich einem jüdischen Kunsthändler in Paris, Paul Rosenberg, von den Nationalsozialisten geraubt worden war. Zeitweise hing es bei Hermann Göring. Heute ist es einen zweistelligen Millionenbetrag wert.

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Schnitt und Kameraschwenk in die Amtsstube bayrischer Zollfahnder: „Sakra, da ist man mit unserer Hilfe in Münchens Schickeria-Viertel einem Nazi-Kunsthort auf die Spur gekommen, nicht mit ein paar Dutzend musealen Bildern, sondern mit mehr als 1000, dem größten jemals aufgetauchten Fund dieser Art, und offiziell wird kein Sterbenswörtchen verlautet.“ Unterdessen murmelt ein blasser, einsamer, herzkranker Herr: „Mein Schaaatzzsss.“

Das Hollywood-Drehbuch zur abenteuerlichen Auffindung des Gurlitt-Schatzes vor zwei Jahren und dem zufälligen Publikwerdens im Herbst vergangenen Jahres wird wahrscheinlich gerade schon irgendwo geschrieben. Mittlerweile zählt der Schatz mehr als 1500 Kunstwerke. Klar, dass es ein Krimi wird, ein packender Kunstkrimi mit Starbesetzung, retardierenden Elementen, Mystery-Effekten und einer phantomhaften Hauptfigur.

Kurz vor dem Finale

Im realen Leben bewegt sich die Story allmählich auf das Finale zu: Anfang der Woche informierte der Bund, dass eine „Verfahrensvereinbarung“ mit dem 81-jährigen Cornelius Gurlitt und Bayern unterzeichnet worden sei. Laut dieser verpflichtet sich der NS-Kunsthändlersohn, erwiesene Raubkunst „freiwillig“ zurückzugeben, sofern im Gegenzug die Beschlagnahme seines Erbes aufgehoben werde – was bald erfolgen soll. Auch das Steuerverfahren soll eingestellt werden.

Damit ist ein klassischer Deal ausgehandelt worden, auch wenn es offiziell nicht so genannt wird. Die eigens eingerichtete Gurlitt-„Taskforce“, die in offiziellem Auftrag Bildbiografien des Gurlitt-Schatzes erforscht, kann jetzt beruhigt weiterarbeiten.Bislang verpflichteten sich lediglich öffentliche Einrichtung zur „freiwilligen“ Herausgabe von NS-Raubgut nach den „Washingtoner Prinzipien“. Mit Gurlitt folgt erstmals ein Privatmann diesem Muster. Das sei interessant, aber über den singulären Fall Gurlitt hinaus ohne Konsequenzen, sagte der renommierte Anwalt Markus Stötzel auf Anfrage. Er vertritt unter anderem die Flechtheim-Erben, mit denen sich Gurlitt gegen Zahlung einer Geldsumme schon einmal geeinigt hatte.

Laut Stötzel ging es vordergründig um „Gesichtswahrung“ gegenüber dem Ausland - und das sei wohl auch gelungen.In der Vereinbarung vom Montag heißt es auch, dass Gurlitt Bilder, für die innerhalb der Jahresfrist die Provenienzrecherchen durch die Taskforce nicht abgeschlossen werden können, zurückbekommt. Sollte den NS-Kunsthändlersohn schon früher die Lust packen, seine Kunst zu sehen, dürfe er das, sofern er „konservatorische Ansprüche“ beachte; will wohl sagen: Die Millionenwerte nicht küsst oder umarmt.
Die mühsamen Recherchearbeiten von Provenienzforschern könnten sich Jahre hinziehen. Es wird weitere Bildrückgaben geben. In Kürze sollte eigentlich Matisse’ „Sitzende Frau“ aus dem Gurlitt-Schatz „freiwillig“ an die Rosenberg-Erben übergeben werden. Komplizierend kommt jetzt allerdings hinzu, dass ein zweiter, namentlich nicht genannter Anspruchssteller Rechte auf das Werk angemeldet hat.

Noch öfter aber werden Ansuchen abgewiesen werden, weil potenzielle Erben nach 70 Jahren Schwierigkeiten haben, zu beweisen, dass es tatsächlich jene zarte Rötelzeichnung eines jungen Mädchens von Auguste Renoir oder diese Skizze eines sich aufbäumenden Pferdes von Max Liebermann war, die bei den Großeltern im Ess- oder Schlafzimmer hing.

Der Titel für einen Hollywood-Blockbuster über Gurlitt muss, auch wenn es abgedroschen klingt, wohl lauten: „Der Fluch des Nazi-Schatzes“; weil kaum jemand, der damit in Berührung kommt, wirklich glücklich zu werden scheint.

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