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Weltweit Sind wir zu laut oder zu alt?
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08:34 17.07.2014
Wie sind die denn drauf? Die Alten (Michael Wittenborn, Gisela Schneeberge, Heiner Lauterbach, v. l.) staunen darüber, wie spießig und langweilig die jungen Leute von heute sind. Quelle: X-Verleih
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Hannover

Ach, was waren das für glückselige Zeiten damals in der Studenten-WG: die Revolution im Herzen, genug Bier im Kühlschrank und viel Lust an der Lust. Jedenfalls erinnern sich Anne (Gisela Schneeberger), Eddi (Heiner Lauterbach) und Johannes (Michael Wittenborn) so an ihre Vergangenheit. Die liegt allerdings schon mehr als drei Jahrzehnte zurück, inzwischen sind die drei um die 60.

Na und? Dann machen sie eben wieder eine Wohngemeinschaft auf, zumal Anne aus ihren vier Wänden rausmuss und sich die Biologin mit besonderem Hang zur Schleiereulenforschung bei den explodierenden Mietpreisen allein keine neue Wohnung leisten kann. Die Ideale von einst sind dem Trio noch nicht ganz abhandengekommen, auch wenn das Leben nicht unbedingt gehalten hat, was die Träume versprachen. Kurzerhand ziehen sie zusammen, als es dem gealterten Charmeur Eddi gelingt, die Warteliste für die Altbauwohnung in Berlin-Kreuzberg zu überspringen.

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Eine sympathische Truppe trommelt Regisseur Ralf Westhoff in „Wir sind die Neuen“ zusammen – und stellt ihr eine jüngere Vergleichsgruppe gegenüber: Über Anne, Eddi und Johannes wohnen drei Studenten von heute (Claudia Eisinger, Karoline Schuch, Patrick Güldenberg). Die sind sofort genervt. Denn sie stehen kurz vor ihren Prüfungen (in Jura oder Kunstgeschichte) und haben keine „Kapazitäten“ für Partys und auch keine Lust darauf, den neuen Alten ein Stockwerk tiefer die Bedienung ihrer Handymenüs zu erklären.

Westhoff hat prinzipiell genau das richtige Alter für so einen Film: Er ist Jahrgang 1969, also nicht mehr ganz jung, aber auch noch nicht alt, sondern irgendwo dazwischen. Man könnte annehmen, dass er beide Seiten versteht. Doch dann muss etwas schiefgelaufen sein in seiner nach der Papierform amüsanten Generationenkomödie, mit der er an die Speed-Dating-Story „Shoppen“ und die Beziehungsgeschichte „Der letzte schöne Herbsttag“ anknüpft.

Die Sponti-Gang der Alt-68er wird liebevoll gezeichnet, die auf Karriere getrimmten Mittzwanziger dagegen geraten zu Karikaturen. Da mag mancher Schlagabtausch zwischen den so unterschiedlichen Mietern noch so pointiert ausfallen („Sind wir zu laut? Zu nett? Zu alt?“): So dämlich können die als Mamasöhnchen und Wracks der modernen Leistungsgesellschaft auftretenden Studenten gar nicht sein. Westhoff zeigt nicht die unumgängliche Arroganz der Jugend, sondern eine bornierte Losertruppe, die den Glauben an die Zukunft verloren hat, bevor diese überhaupt begonnen hat.

Gut beobachtet ist allein die Frührentnertruppe. Sie muss nun überprüfen, wie sehr sich die anfängliche Euphorie in der Wirklichkeit behauptet. Und bald wird klar: Zeit lässt sich nicht zurückdrehen. Jedenfalls füllt sich die Wohnküche nicht auf Knopfdruck mit alten Freunden, die man zwischenzeitlich aus den Augen verloren hat. Und im Praxistest erinnert man sich auch wieder an manch unangenehme Marotte der Mitbewohner, die der Gnade des Vergessens anheimgefallen war.

Diejenigen, die nicht mit den Anforderungen an sich selbst zurechtkommen, sind dann aber die jugendlichen Spießer. Die neuen Alten sehen sich unverhofft in die Rolle von Ersatzeltern gedrängt. Witzig ist diese Entwicklung immer dann, wenn es Schneeberger, Lauterbach und Wittenborn gelingt, Pointen über ihre eigene Generation herauszukitzeln.
Doch man hätte mehr erwarten können von einem Film, der so vieles antippt – Altersarmut, Mietpreisexzesse, Bildungsmisere, Pflegenotstand. Hier läuft der Zusammenschluss zwischen Jung und Alt ungefähr so versöhnlich ab wie das Gelage am Ende eines Asterix-Heftes. Nur die Musik ist nicht ganz so schlecht.

Wir sind die Neuen, Regie: Ralf Westhoff, 91 Minuten, FSK 0
Cinemaxx, Hochhaus, Cinestar

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