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Weltweit Er wollte Ruhe
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00:15 09.05.2014
Von Johanna Di Blasi
Gurlitt entstammt einer Künstler- und Kunsthändlerfamilie. Sein Vater Hildebrand Gurlitt (Foto) war einer der vier offiziellen NS-Kunsthändler. Quelle: Rolf Vennenbernd (dpa)
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München

„So viel ist in den vergangenen Wochen und Monaten passiert und passiert noch immer. Ich habe nur mit meinen Bildern leben wollen, in Frieden und in Ruhe.“ Dieser Satz von Cornelius Gurlitt ist auf der Internetseite zu lesen, die seine gerichtlich bestellten Betreuer Anfang des Jahres für ihn eingerichtet haben. Am Dienstag ist Deutschlands wohl bekanntester Kunsterbe am späten Vormittag im Alter von 81 Jahren in München gestorben. Das bestätigte sein Sprecher, Stephan Holzinger.

Seine gesamte Bildersammlung soll Gurlitt nach Angaben der "Süddeutschen Zeitung" und des "Norddeutschen Rundfunks" einem Verein im Ausland vermacht haben. Das gehe aus dem Testament hervor, das der Sammler vor wenigen Monaten im Krankenhaus gemacht habe. Verwandte, es gibt unter anderem einen hoch betagten Cousin, habe Gurlitt vom Erbe ausgeschlossen. Weil er über die deutschen Strafverfolger verärgert gewesen sei, habe der Sammler keine deutschen Einrichtungen bedenken wollen. Gurlitt Sprecher bestätigte die Spekulationen über das Testament indessen nicht.

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Der Sohn des NS-Kunsthändlers erbte einen riesigen Bilderschatz mit mehreren hundert Werken von Künstlern wie Nolde, Matisse, Beckmann, die er in München und Salzburg im Verborgenen lagerte. Manche Gemälde sind erwiesenermaßen NS-Raubkunst, andere entstammen aus NS-Museumsrazzien („Entartete Kunst“), wieder andere sind alter Familienbesitz der Gurlitts. Seit der spektakuläre Kunstfund im November 2013 publik wurde, füllte er Schlagzeilen.

Schon seit längerem war Gurlitt herzkrank. Nach einer Bypass-Operation in Stuttgart und einem wochenlangen Klinikaufenthalt war es sein Wunsch, in seine Schwabinger Wohnung zurückzukehren. Dort starb er den Angaben zufolge im Beisein seines Arztes und seines Pflegers.

Kulturstaatsministerin Monika Grütters erklärte gestern: „Noch vor kurzem hat Cornelius Gurlitt mit seiner Zustimmung die Fortsetzung der Provenienzrecherche und die Restitution von Kunstwerken nach den Washingtoner Prinzipien beim sogenannten ‘Schwabinger Kunstfund’ auf freiwilliger Basis ermöglicht. Es wird ein Verdienst von Cornelius Gurlitt bleiben, dass er als Privatperson mit diesem Bekenntnis zur moralischen Verantwortung ein beispielhaftes Zeichen für die Suche nach fairen und gerechten Lösungen gesetzt hat. Für diesen Schritt wurde ihm zu Recht Anerkennung und Respekt entgegengebracht.“

Darüber, was Gurlitt testamentarisch verfügte und ob beispielsweise eine Stiftungslösung für das Millionenerbe vorgesehen ist, kann man derzeit nur rätseln. Man habe darüber keine Informationen, hieß es auf Anfrage aus dem Büro der Kulturstaatsministerin. Gurlitts Sprecher, Stephan Holzinger, beantwortete die Frage, ob er dazu Stellung nehmen könne, mit einem schlichten „Nein“.

Gurlitt entstammt einer Künstler- und Kunsthändlerfamilie. Sein Urgroßvater war der Landschaftsmaler Louis Gurlitt. Der Großvater, der ebenfalls Cornelius Gurlitt hieß, verfasste ästhetische Schriften, die bis heute gelesen werden. Die Mutter war eine der ersten Schülerinnen der Tänzerin Mary Wigman. Cornelius Gurlitt wuchs in Hamburg auf. Während des Zweiten Weltkriegs zog die Familie nach Dresden, nachdem der Vater, Hildebrand Gurlitt, als Leiter des Hamburger Kunstvereins entlassen worden war. Trotz jüdischer Vorfahren wurde Hildebrand Gurlitt später einer der vier offiziellen NS-Kunsthändler.

Von 1946 bis 1948 war Gurlitt Schüler der reformpädagogischen Odenwaldschule. Nach dem Abitur studierte er in Köln eine Weile Kunstgeschichte. Er lebte offenbar von gelegentlichen Verkäufen geerbter Kunstwerke. Im September 2010 wurde er im Zug von Zürich nach München von Zollfahndern mit einer auffallenden Bargeldsumme erwischt. Ein Jahr später erließ das Amtsgericht Augsburg auf Antrag der Staatsanwaltschaft Augsburg einen richterlichen Durchsuchungsbeschluss.

Vom 28. Februar 2012 bis 2. März 2012 wurde schließlich in der Schwabinger Wohnung von Cornelius Gurlitt eine Sammlung von 1406 Gegenständen beschlagnahmt, darunter 1280 Kunstwerke. In einem „Spiegel“-Interview beschrieb der Sammler das Ereignis als traumatische Erfahrung. Anfang April 2014 hatte Gurlitt der Bundesregierung und dem Freistaat Bayern vertraglich zugesichert, seine Sammlung von Experten untersuchen zu lassen und unter Nazi-Raubkunstverdacht stehende Werke zurückzugeben. Daraufhin hob die Staatsanwaltschaft Augsburg die Beschlagnahme auf. Das Ermittlungsverfahren gegen Gurlitt beendete jetzt sein Tod.

In einem Interview sagte der Sammlersohn, den der Rummel um seine Person stark strapazierte: „Mehr als meine Bilder habe ich nichts geliebt in meinem Leben“. Nun ist er gestorben, ohne seinen Schatz noch einmal wiedergesehen zu haben.

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