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Weltweit „La vie d’Adèle“ gewinnt Goldene Palme
Nachrichten Kultur Weltweit „La vie d’Adèle“ gewinnt Goldene Palme
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09:04 27.05.2013
Von Stefan Stosch
Regisseur Abdellatif Kechiche und seine beiden Hauptdarstellerinnen Adèle Exarchopoulos und Léa Seydoux bekamen am Abend die Goldene Palme. Quelle: rtr
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Cannes

Ein Kuss begleitete dieses Festival: Auf dem allgegenwärtigen Cannes-Plakat drückte das Hollywood-Paar Paul Newman und Joanne Woodward tief und innig seine Lippen aufeinander. Die Schwarzweiß-Aufnahme war auch als Hommage ans Kino zu verstehen. Die Liebe und die Filmkunst: Das lässt sich gar nicht unabhängig voneinander denken. Oder etwa doch?

Erstaunlicherweise mochte kaum ein Regisseur des 66. Festivaljahrgangs der Liebe vertrauen. Die Mehrzahl der Geschichten wurde angetrieben vom Gegensatz zwischen Reich und Arm und von unzähmbarer Gier der Protagonisten. Cannes 2013 war erstaunlich nah dran am Puls der Zeit.

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Um so schöner, dass die neunköpfige Jury um Steven Spielberg am Sonntagabend zumindest beim Hauptpreis auf große Gefühlen setzte: Der dreistündige französische Film „La vie d’Adèle“ – aufgefallen auch durch seine freizügigen Bettszenen – holte sich die Goldene Palme. Der aus Tunis stammende Regisseur Abdellatif Kechiche erzählt darin vom unschuldigen sexuellen Erwachen einer angehenden Lehrerin (Adèle Exarchopoulos), die Frauen mehr begehrt als Männer. Aber auch Adèles Liebe zu einer Künstlerin (Léa Sedoux) scheitert letztlich – und zwar an den sozialen Unterschieden zwischen beiden. Viel eindringlicher lässt sich kaum vom Erwachsenwerden erzählen.

Der Knackpunkt bei dieser Palmen-Entscheidung: Nach dem Cannes-Reglement wäre damit ein weiterer Preis für die Darsteller ausgeschlossen gewesen. Die Jury fand eine salomonische Lösung: Erstmals in der Geschichte der Filmfestspiele wurde der Preis auch an die Schauspielerinnen vergeben.

In Ordnung gehen aber auch die eigentlichen Darstellerpreise: Die französische Schauspielerin Bérénice Bejo (bekannt aus „The Artist“) wurde im Familiendrama „Le Passé“ (Regie: Asghar Farhadi) für die vielschichtige Rolle einer Mutter geehrt, die zwischen komplizierten Bindungen zu Männern und Kindern feststeckt. Bester männlicher Darsteller wurde Hollywood-Haudegen Bruce Dern. Im Roadmovie „Nebraska“ jagt er als knorriger Greis einem vermeintlichen Milliongewinn hinterher und entdeckt zusammen mit seinem Sohn die eigene Familiengeschichte noch einmal neu.

Spielberg und Co. honorierten den insgesamt starken US-Auftritt auch mit dem Großen Preis der Jury: „Inside Llewyn Davis“ von Ethan Coen & Joel Coen war allerdings eine beinahe zu naheliegende Wahl. Das Porträt eines scheiternden Folksängers Anfang der Sechziger bietet zwar den typischen skurrilen Coen-Stoff, reiht sich aber unaufdringlich im Gesamtwerk ein.

Der Jury-Preis ging an den Japaner Kore-Eda Hirokazu für sein Drama „Like Father, like Son“, in dem die Söhne aus einer reichen und armen Familie vertauscht werden. Die Eltern stehen vor einer unlösbaren Entscheidung. Mit zwei weiteren Hauptpreisen zollte die Jury den harten Stoffen dieses Wettbewerbs Tribut: Der Chinese Jia Zhangke verfolgt in „A Touch of Sin“ drangsalierte Individuen in einem von Brutalität durchdrungenen Land. Erst recht galt das für „Heli“ des Mexikaners Amat Escalante, in dem eine Familie von der Drogenmafia ausgelöscht wird.

Dieser Artikel wurde aktualisiert.