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Weltweit Lauter Trommelwirbel für Günter Grass
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19:40 29.09.2009
Von Martina Sulner
Günter Grass
Günter Grass Quelle: ddp
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Doch, doch, auch Günter Grass zähle zu den Favoriten. Das sagten, in jedem Herbst aufs Neue, die so genannten Experten auf die Frage, wer wohl den Literaturnobelpreis erhalten werde. Als heute vor genau zehn Jahren aus Stockholm die Nachricht kam, dass 1999 tatsächlich der gebürtige Danziger die weltweit wichtigste Auszeichnung für einen Dichter erhalten solle, war Kultur-Deutschland begeistert und erleichtert. Endlich hatte Grass es geschafft!

In den kommenden Wochen – das genaue Datum hält die Stockholmer Akademie geheim – wird der Preisträger 2009 genannt. Der israelische Schriftsteller Amos Oz, der mit Grass befreundet ist, zählt zum Favoritenkreis. Ebenso die algerische Autorin Assia Djebar, der Spanier Luis Goytisolo und, mal wieder, US-Autor Philip Roth. Die Macher der Zeitschrift „Literaturen“ haben jetzt sogar Bob Dylan als würdigen Preisträger empfohlen. Dieser Vorschlag bringt zwar Publizität mit sich, dürfte die schwedische Jury aber kaum beeindrucken.

Als die Stockholmer Akademie vor zehn Jahren bei Grass anrief, um ihm mitzuteilen, dass er den Nobelpreis bekomme, soll er auf dem Sprung zu seinem Zahnarzt gewesen sein. Den Arzttermin hat er nicht sausen lassen. Das Leben gehe schließlich weiter, sagte er.

So betont lässig der Romancier, Lyriker, bildende Künstler und politische Mahner die Ehrung nahm – das deutsche Feuilleton stand kopf und debattierte, ob der damals 71-Jährige die Auszeichnung zu Recht, zu spät oder zu früh bekommen habe. Die Akademie würdigte insbesondere, dass der Autor durch seine Bücher den Bann gebrochen habe, „der über Deutschlands Vergangenheit lastete“. Damit war vor allem Grass’ Debütroman „Die Blechtrommel“ gemeint.

Im September 1959, also vor 50 Jahren, erschien der Roman um den kleinwüchsigen Oskar Matzerath aus Danzig. Mit dem prallen, burlesken und für manche Kritiker auch „obszönen“ Buch gelang einem deutschen Autor nach der Zäsur 1933 wieder der Anschluss an die Weltliteratur. Sicher, es gab die Literatur des Exils und auch wichtige Bücher, die bald nach 1945 in beiden Teilen Deutschlands entstanden – doch kein anderer Roman hatte international solch eine Wirkung wie „Die Blechtrommel“. Auch nicht Heinrich Bölls „Billard um halbzehn“ und Uwe Johnsons „Mutmaßungen über Jakob“, die ebenfalls 1959 erschienen.

Die Matzerath-Erzählung, deren Verfilmung von Volker Schlöndorff mit einen Oscar prämiert wurde, ist in gut 50 Sprachen übersetzt und mehrere Millionen Mal verkauft worden. Immer noch gehen pro Jahr in Deutschland mehrere Zehntausend „Blechtrommel“-Exemplare über die Ladentische. Morgen diskutieren in Lübeck Literaturkritiker über den Roman; noch bis zum 31. Januar 2010 ist im Lübecker Günter-Grass-Haus die Ausstellung „Ein Buch schreibt Geschichte“ zu sehen. Dort ist ein Krankenbett zu sehen wie jenes, in dem Oskar Matzerath in der Heil- und Pflegeanstalt schlief, dort gibt es Materialien und Filmausschnitte.

Auch das Bremer Kulturhaus Stadtwaage hat eine „Blechtrommel“-Ausstellung organisiert, die bis zum 31. Dezember läuft. Und Grass’ Göttinger Verlag Steidl begeht das Jubiläum standesgemäß und nach allen Regeln des Marketings mit einer schönen Jubiläumsausgabe im Schuber, mit einer „Blechtrommel“-Lesung des Autors auf CD und MP3. Außerdem wird Grass gemeinsam mit dem Jazz-Schlagzeuger Günter „Baby“ Sommer am 15. Oktober im Deutschen Theater Göttingen auftreten und aus seinem Frühwerk lesen. Viel Wirbel um die „Blechtrommel“, Grass allerorten.

Der Roman gehört unumstößlich in den Kanon deutscher Literatur des 20. Jahrhunderts – so wie der Autor, seit er Auszüge des Manuskripts bei einem Treffen der Gruppe 47 vorgestellt hat, in den literarisch-politischen Kreisen (West-)Deutschlands verankert ist. Seine enorme Präsenz und Popularität hängt durchaus auch mit der Zeit zusammen, in der Grass als Autor hervorgetreten ist. Literatur hatte einen größeren Stellenwert als heute – sie wirkte nachhaltiger. Auch heutzutage erregen ernst zu nehmende Bücher wie etwa Jonathan Littells „Die Wohlgesinnten“ über einen SS-Hauptmann Debatten, doch die sind im medialen Dauergefecht schnell wieder passé. Zumal die Gruppe 47 damals auch eine Art Deutungshoheit für sich beanspruchte. Der Kreis um Hans Werner Richter war das Zentralorgan der deutschen Literatur in der Nachkriegsära. Bei den legendären Gruppentreffen, zu denen auch wichtige Journalisten eingeladen wurden, konnten Karrieren beginnen, die Bestand hatten. In der zersplitterten und vielfältigen Kulturlandschaft 2009 erreicht ein Autor zwar schnell Prominenz, sich auf Dauer zu etablieren ist aber viel schwieriger als vor 50 Jahren.

An Grass’ Popularität haben auch die Auseinandersetzungen 2006 nichts geändert, als bekannt wurde, dass er als junger Mann bei der Waffen-SS gewesen war. Das hatte der linke Mahner und Moralist 50 Jahre lang verschwiegen. Auch damit passt er wieder zur Geschichte dieses Landes.

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