Menü
Göttinger Tageblatt / Eichsfelder Tageblatt | Ihre Zeitung aus Göttingen
Anmelden
Weltweit Lehnert ist neuer Hölty-Preisträger
Nachrichten Kultur Weltweit Lehnert ist neuer Hölty-Preisträger
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
19:47 13.09.2012
Von Jutta Rinas
Hoffnungsarbeiter: Christian Lehnert.
Hoffnungsarbeiter: Christian Lehnert. Quelle: dpa
Anzeige
Hannover

Anfangs flogen einem die Töne nur so um die Ohren: So wild und unbändig war die Musik, die der Geiger Jakob Encke und der Cellist Leonard Disselhorst zum Auftakt der Verleihung des Hölty-Preises für Lyrik 2012 präsentierten. Die folgenden anderthalb Stunden im Kleinen NDR-Sendesaal waren von berührender Wortkunst auf dem Podium und von andächtiger Stille im Publikum geprägt. Vor allem Preisträger Christian Lehnert zeigte, wie man sich mit Gedichten der Prosa des Alltags, einer „massenhaften“, „einlullenden“ Verwendung von Worten als reinen „Sättigungsmitteln“ widersetzen kann.

Lehnert, Lyriker, früher Pfarrer in einem Dorf bei Dresden und heute Leiter des Liturgiewissenschaftlichen Instituts in Leipzig, wurde für die „Schönheit und Würde seiner Gedichte“ ausgezeichnet. Die Jury lobte ihn für die Beharrlichkeit, mit der er existenzielle Fragen wie die nach dem Ursprung allen Seins umkreist. Die zum dritten Mal verliehene, mit 20.000 Euro dotierte Auszeichnung der Landeshauptstadt und der Sparkasse Hannover gilt als höchstdotierter Lyrikpreis im deutschsprachigen Raum.

Hannovers Oberbürgermeister Stephan Weil wies zu Beginn der von NDR-Kultur-Redakteur Stephan Lohr moderierten Veranstaltung eher schmunzelnd darauf hin, dass Sachsen offenbar eine besondere Talentschmiede für Dichter sei. Zwei der drei Hölty-Preisträger, Thomas Rosenlöcher und Christian Lehnert, stammten aus Dresden. Sebastian Kleinschmidt, Chefredakteur der Literaturzeitschrift „Sinn und Form“, pries das „akustische Leuchten“, die „schönen Jamben“ des Suhrkamp-Autors Lehnert, die in einer von „Visionen enttäuschten Zeit“ von der „Autorität des Ergreifenden“ kündeten.

Als „Arbeit an der Hoffnung“ in einer nüchternen Gegenwart voller zerstörter Utopien charakterisierte der so Gelobte seine Dichtkunst. Der 43-jährige Lehnert schlug in seiner Dankesrede einen Bogen von der Poesie des 18. Jahrhunderts bis in die Gegenwart und zeigte, wie unterschiedlich das Prinzip Hoffnung ausgelegt werden kann. Ludwig Christoph Heinrich Hölty, aus Hannover stammender Namensgeber des Preises, sei noch geprägt gewesen von dem Glauben, dass letztlich alles gut werde im Leben. Sein Vertrauen in eine harmonische Weltordnung habe ihn so etwas Merkwürdiges und zugleich „wunderbar Poetisches“ wie ein Gedicht an eine wunderbare „künftige Geliebte“ schreiben lassen. Im 21. Jahrhundert sei Lyrik auf der Grundlage einer so optimistischen, ja, naiven Weltsicht nicht mehr denkbar: „Wer heute noch so dichten würde“, sagte Lehnert, „wäre ein Idiot.“

Die Sehnsüchte und Hoffnungen in Bezug auf die Zukunft, die Fragen nach dem Woher und Wohin im Leben blieben aber auch im Zeitalter zerbrochener großer Utopien. Lehnert nannte so verschiedene Alltagsbeispiele wie den rührend naiven Wunsch seiner fünfjährigen Tochter, einmal ein großes dunkles Pferd zu heiraten, das sie „über die Wiesen tragen“ werde, oder den halsstarrigen Glauben seiner Geografielehrerin daran, dass die sozialistische Weltsicht sich irgendwann überall durchsetzen werde.

In all diesen Zukunftsvisionen zeige sich die Sehnsucht der Menschen nach Hoffnung, sagte Lehnert: Er schreibe, um eine Antwort darauf zu geben, um sich immer wieder davon zu überzeugen, dass es so etwas wie „Sinn“, „Bejahung“ gebe, und sei es als „Sehnsucht gegen den Augenschein“.

13.09.2012
12.09.2012
Weltweit Vielbeachteter Kunsthistoriker - Habilitationsschrift von Panofsky gefunden
17.02.2014