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Weltweit „Putin will den Dialog mit Europa“
Nachrichten Kultur Weltweit „Putin will den Dialog mit Europa“
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22:09 26.10.2015
Von Daniel Alexander Schacht
Das richtige Bild des Kremlchefs? „Das Gesicht des Krieges“, ein Kunstwerk der ukrainischen Künstlerin Daria Marschenko, in einer Ausstellung in Kiew. Quelle: Roman Pilipey/dpa
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Hannover

Hubert Seipel, Jahrgang 1950, war als Journalist beim „Stern“ und beim „Spiegel“, bevor er Anfang der Neunzigerjahre zum Fernsehen wechselte und sich auf komplexe wirtschaftliche und politische Themen spezialisierte. 2012 war in der ARD seine Dokumentation „Ich, Putin – ein Porträt“ zu sehen. 2014 führte er das weltweit erste Fernsehinterview mit Edward Snowden. Er wurde unter anderem mit dem Deutschen Fernsehpreis, dem Helmut-Schmidt-Journalistenpreis und dem Adolf-Grimme-Preis ausgezeichnet. Sein neues Buch „Putin“ (Hoffmann & Campe, 256 Seiten, 22 Euro) stellt er am Dienstag um 19.30 Uhr im Literaturhaus, Sophienstraße 2, vor.

HAZ: In Ihrem neuen Buch zitieren Sie Henry Kissinger mit dem Satz: „Die Dämonisierung Putins ist keine Strategie, sie ist das Alibi für das Fehlen einer Strategie“. Tatsächlich?

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Hubert Seipel: Tatsächlich gab es nur eine Erwartungshaltung. Als die Sowjetunion 1991 zusammenbrach, hat man sich im Westen vorgestellt, dass es dort jetzt einfach nach westlichem Schnittmuster weitergeht. Da wurden über Jahre Kopfnoten verteilt, aber die Russen waren nicht so empfänglich für unsere Reformpädagogik.

Sie kennen Putin aus eigener Anschauung, schon bei den Recherchen zu Ihrer Dokumentation „Ich, Putin“ sind Sie ihm begegnet. Wie oft konnten Sie mit ihm reden? Und was ist er für ein Mensch?

Er ist weder finster noch frisst er kleine, westliche, blauäugige Kinder. Er ist manchmal sarkastisch, hört genau zu, fragt konkret nach und ist dann selbst sehr konkret. Man sollte sich auf Gespräche mit ihm gut vorbereiten. Putin hat gegenüber seinen Vorgängern zwei Vorteile: Er hat im Ausland gelebt, er spricht hervorragend Deutsch und auch gut Englisch. Und die Bruchlinien seines Lebens sind zugleich die der Sowjetunion, er war immer da, wo wichtige Entscheidungen anstanden - und seine Lernfähigkeit an diesen Orten hat ihn politisch gestählt. Mein Buch ist eine Zusammenfassung der letzten drei Jahre. Da haben wir uns alle zehn, zwölf Wochen gesehen, ich bin mit ihm gereist, durch Russland, nach China oder zum Papst, da gab es oft nachts stundenlange Gespräche.

Sie schildern die Geschichte Russlands seit dem Zerfall der Sowjetunion, die Rolle der Oligarchen und deren Medieneinfluss – auch bei der Wahl Putins. Ist er nicht heute selbst derjenige, der die Medien prägt?

Putin hat gelernt: Medien sind zentral in der politischen Auseinandersetzung. Die Oligarchen haben ihn als Befehlsempfänger unterschätzt und den Kreml als Nebenstelle der Wirtschaft betrachtet. Das hat er verändert, der Staat spielt wieder eine Rolle, wie autoritär auch immer. Der Umgang mit den Medien spielte auf dem Weg dahin eine wichtige Rolle.

Und die russischen Medien sind ja auch ziemlich monolithisch staatsnah.

Ganz so einfach ist das nicht. Das Fernsehen ist ein Staatsfernsehen, da liegen Sie vollkommen richtig. Die Zeitungslandschaft ist anders, da geht es durchaus differenzierter zu.

Sie schildern Putin als gläubig. Er unterstützt die russische Orthodoxie, die ruft zu seiner Wahl auf. Ist da die Trennung von Staat und Kirche aufgehoben?

80 Prozent der Bevölkerung bezeichnen sich als russisch-orthodoxe Christen. Das ist eine Tradition und auch eine Machtposition, die er anerkennt, aber eben auch instrumentalisiert.

Unter Druck sind in Russland Homosexuelle, sie werden mit Haftstrafen belegt.

Ja, die russische Gesellschaft ist sehr homophob. Aber auch in Deutschland hat die Liberalisierung Jahrzehnte gedauert. Und welchen Effekt hat es wohl, wenn aus dem Ausland der Ruf nach Gesetzesänderungen erschallt, wie 2013 durch eine Resolution des Bundestages? Das versteht ein Machtmensch wie Putin als politischen Angriff. Und es hilft auch den Homosexuellen nicht, die diese Auseinandersetzung um Akzeptanz selbst führen müssen, als fünfte Kolonne des Westens wahrgenommen zu werden.

Nichtregierungsorganisationen haben es schwer, wenn sie von ausländischer Unterstützung abhängen. Ist grenzüberschreitendes zivilgesellschaftliches Engagement denn nicht eine gute Sache?

Na klar, in der Bilderbuchlogik auf jeden Fall. Aber nehmen wir die US-Agentur Usaid, die vor drei Jahren rausgeschmissen worden ist. Warum? Weil die nur die Opposition gestärkt, gewaltlosen Widerstand finanziert, sich in die Innenpolitik eingemischt hat. Da hat natürlich die Führung in Moskau gesagt: Wollen wir nicht. Und da wird nicht einfach durchregiert: Kürzlich ist das Justizministerium vor Gericht mit dem Versuch gescheitert, die Organisation Memorial zu verbieten.

Sie nennen das westliche Vorgehen eine „Ausweitung der Kampfzone“. Aber es geht doch, etwa für die Ukraine, um die EU-, nicht um eine Nato-Mitgliedschaft.

US-Präsidentenberater Zbigniew Brzezinski hat das 1997 klar beschrieben. Er betrachtet beides als Schritte auf demselben Weg zur „einen Weltmacht“ USA - und sagt: Wenn die Ukraine in der EU ist, ist Russland keine Weltmacht mehr.

Wer also von nationaler Selbstbestimmung und Vertragsfreiheit souveräner Staaten ausgeht, der ist ein bisschen …

... naiv.

Dann gilt also weiter die Hegemonial- und Einflusssphärenlogik aus der Blockära?

In der Tat. Nehmen Sie Syrien. Auch da wird es keine militärische Lösung und keine Lösung ohne alle Beteiligten geben. Im Juni 2012 hat Kofi Annan alle, auch die USA und Russland, von einer Übergangsregierung überzeugen können - für einen Nachmittag. Damals waren wir bei 60.000 Toten, heute sind wir bei 270 000 Toten. Eine solche Übergangsregierung bleibt Syriens einzige Hoffnung.

Sie schreiben, dass Politiker und Journalisten einander instrumentalisieren wollen. Haben Sie sich da auf etwas eingelassen?

Nähe und Distanz sind immer ein Problem, ob in Moskau oder Berlin. Politiker und Journalisten handeln alle mit derselben Währung, mit Information und Öffentlichkeit , und damit ist Instrumentalisierung Bestandteil unseres Geschäfts. Es fließt immer etwas Subjektives ein, Wertschätzungen, nach denen wir handeln. Wir müssen uns nur auch dazu bekennen, dass wir das nicht gänzlich ausschließen können.

Sehen Sie Alternativen zur Dämonisierung Putins? Oder braucht es keine besonderen Strategien, weil Putin aus Ihrer Sicht einen ganz gemäßigten Kurs hält?

Ja, das tut er und er handelt da nun mal nach russischen und nicht nach deutschen Interessen. Da gibt es ganz andere in der Nomenklatura, die eine klare Abgrenzung von Europa wollen. Putin dagegen will den Dialog mit Europa.

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