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Weltweit Linksradikales Pamphlet beschäftigt unsere Öffentlichkeit
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20:42 23.11.2010
Von Karl-Ludwig Baader
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Ein Gespenst geht um im deutschen Feuilleton, das Gespenst des „kommenden Aufstands“. Ein Buch gleichen Namens ist im Verlag Nautilus erschienen und inzwischen auch im Internet frei zugänglich. Es ist die Übersetzung einer von einem „unsichtbaren Komitee“ verfassten französischen Publikation von 2007, „L’insurrection qui vient“, das dort 25.000-mal verkauft wurde. Wir haben es hier mit einem linksradikalen Pamphlet zu tun, das mit feurigem Pathos und in einem unerbitt­lichen Anklageton geschrieben ist. Es ist eine mit apodiktisch formulierten Behauptungen gespickte düstere Lagebeschreibung und eine Ermutigung anarchistischer Aufstandsphantasien – und man fragt sich, warum es hierzulande so viel Aufmerksamkeit findet.

Ein Posaunenstoß zu Beginn leitet die Jeremiade ein: „Unter welchem Blickwinkel man sie auch betrachtet, die Gegenwart ist ausweglos.“ Und dass auch niemand zweifelt: „Es besteht Einverständnis, dass alles nur noch schlimmer werden kann.“ Zunächst wird die Auflösung der Gesellschaft beklagt – die Mobilität „bedeutet nur Herausreißen, Isolation, Exil“. Der Text beklagt die Selbstvermarktung des Ichs, das sich dabei selbst verloren gehe, wiederholt alle Entfremdungsklagen, die seit je gegen Kapitalismus und Moderne erhoben wurden.

Als Ziel propagiert dieses Pamphlet, das mit der organisierten Linken wortreich abrechnet, eine anarchistische Revolte. Es gelte, sich in Kommunen zusammenzuschließen – und das könne jeder wilde Streik sein oder ein kollektiv besetztes Haus. Diese Zusammenschlüsse müssten sich von ökonomischer Abhängigkeit frei machen und sich organisieren, „um nie wieder arbeiten zu müssen“ und so Herr über die eigene Zeit zu werden. Geld solle herangeschafft werden mit Tricks (ergaunertes Kindergeld, Ladendiebstahl). Als revolutionäre Methode schlägt das Traktat vor, Sichtbarkeit und die direkte Konfrontation zu vermeiden, als revolutionäre Tat, Sabotage zu betreiben gegen das, was eine mobile Gesellschaft anfällig macht: Stromzufuhr, Zugverbindungen, digitale Datenströme. Es sollten Waffen beschafft werden, heißt es da, aber man sollte „Alles tun, um ihren Gebrauch überflüssig zu machen“. Statt einfach zu warten, bis der Zusammenbruch komme, sollen die Militanten „auf diese oder jene Weise in die aufständische Logik eintreten“. Neu ist das nicht, es klingen viele Ideen an – aus dem 19. Jahrhundert (Sorel) etwa oder aus der Zeit der 68-er Bewegung (Stadtguerilla, Tunix-Bewegung, alternative autonome Lebensformen).

Notwendigkeit und Möglichkeit fallen in dieser Argumentation zusammen: ­Jedes Mittel beim Umsturz der gesellschaftlichen Verhältnisse ist legitim, da sie so schrecklich sind – und möglich, weil sie so brüchig sind. Anders als im klassischen marxistischen Modell, in dem das unterdrückte Proletariat die Klasse der Kapitalisten dereinst von der Weltbühne fegen wird, tut man sich heute schwer, „das revolutionäre Subjekt“ sozial zu bestimmen – immerhin kommt in dem Text mal die Jugend vor, dann aber auch die rebellierenden Teile der unteren Volksklassen. Kriminalität wird nicht nur als Phänomen einer sozialen Schieflage gesehen, sondern gleichsam als Akt des Widerstands.

Der Gestus ist entschieden, die Gedanken sind wirr – die typische Mischung der politischen Romantik mit ihrem tiefen Missbehagen an der Moderne und ihrer Faszination für Gewalt. Vieles taucht in rechten wie linken kulturkritischen Diskursen auf – das Ressentiment gegen parlamentarische Repräsentation, eine Verachtung des „Palavers“, die Beschwörung der Tat, die Klage über den angeblichen Verfall der Gesellschaft. Dabei wird – wie in diesem Manifest – die „Herrschaft des Relativismus“ ebenso beklagt wie die gleichsam totalitäre Machtfülle der alles vereinheitlichenden kapitalistischen Herrschaft.

Woher rührt nur das Interesse an diesem Pamphlet, das in seiner pessimistischen Gegenwartsbeschreibung genauso dröhnend pathetisch ist wie in seinen Phantasien vom permanenten Bürgerkrieg? Vielleicht haben sich manche von dem Buchtitel einigen Aufschluss über die Gründe für die vielen Bewegungen erhofft, die sich derzeit in vielen Weltgegenden gegen die etablierte Politik richten. Was aber haben die amerikanische Tea-Party-Bewegung mit „Stuttgart 21“, was die Anti-Atomkraft-Proteste in Gorleben mit den Krawallen junger Migranten in den französischen Großstädten zu tun? Weder gibt es gemeinsame soziale Ursachen noch gemeinsame Wertvorstellungen.

Der kleine gemeinsame Nenner besteht allenfalls darin, dass die gewählten Regierungen in vielen Ländern wachsende Probleme haben, die unterschiedlichen Interessen zu integrieren und ­Vertrauen für ihr Krisenmanagement zu gewinnen. Überall hat sich ein tiefes Misstrauen gegen die politischen Repräsentanten und das parlamentarische Prinzip der Repräsentativität entwickelt. Mit ihren Berufungen auf „Sachzwänge“ hat die etablierte Politik selbst das Politische entwertet und sich zum Vollstrecker von Entscheidungen erklärt, die irgendwie von selbstlaufenden Entwicklungen (Stichwort Globalisierung) erzwungen wurden. Wenn das Ergebnis dieser angeblich „alternativlosen“ Regierungsbeschlüsse ist, dass alle Steuerzahler die Kosten begleichen, die die Finanzspekulation einiger verursacht hat, dann geraten alle Hinweise auf die Komplexität politischer und ökonomischer Verhältnisse in den Verdacht, Zusammenhänge und Interessenlagen zu verschleiern.

Dass in solchen Situationen Vereinfacher leichtes Spiel haben und die Sehnsucht nach den vermeintlichen einfachen Lösungen wächst, muss nicht verwundern. Zudem spielen hier auch, besonders unter Intellektuellen, ästhetische Reaktionen gegen das unansehnliche Klein-Klein der Alltagspolitik eine Rolle. Wer die in dieser Branche beliebte melancholische Kulturkritik nicht nur als elegische Klage intonieren will, sondern sie politisch wendet, nimmt gerne die Pose des Heroischen ein, wie sie in dem französischen Pamphlet zelebriert wird. Dann tauchen gar kraftmeierische Bilder vom Endkampf am Horizont auf.

Mit diesem Verbalradikalismus mit seinen juvenilen Kampfansagen verschafft sich eine Wut Ausdruck, die einem Gefühl der Ohnmacht entspringt. Wut und Ohnmachtsgefühle sind durchaus weit verbreitet – welche politische Auswirkungen diese diffuse Stimmungslage auf Dauer haben wird, kann niemand vorhersagen. Sicher ist nur, dass die Motivlage unübersichtlich ist – und gelegentlich zwischen autoritär und anarchistisch changiert.

Martina Sulner 23.11.2010
Thorsten Fuchs 23.11.2010
23.11.2010