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Weltweit Lohnt sich das neue Album von Depeche Mode?
Nachrichten Kultur Weltweit Lohnt sich das neue Album von Depeche Mode?
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19:36 19.03.2013
Von Uwe Janssen
Sonne in der Nacht: Martin Gore, David Gahan und Andrew Fletcher (v. l.) haben sich fein gemacht. Sony
Sonne in der Nacht: Martin Gore, David Gahan und Andrew Fletcher (v. l.) haben sich fein gemacht. Quelle: Sony
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Hannover

Ein tätowierter Arm lehnt lässig aus dem Fahrerfenster. Im Hintergrund läuft „People are People“. Das wird doch nicht ... ? Doch. Am Steuer des neuen VW Golf sitzt David Gahan, der Sänger von Depeche Mode und „People are People“, und für diesen Werbespot gab es in der Fangemeinde der Band mal gleich ordentlich Spott. Wieso, meinte einer auf einer deutschen Fan-Homepage, Golf und Depeche Mode, das passe doch prima: Beide immer langweiliger, beide immer teurer.

Immerhin birgt dieser Antikommerzreflex ein bisschen Rock’n’Roll. Mehr jedenfalls als bei Genesis, Pink Floyd und Bon Jovi, mit denen der Wolfsburger Konzern seinem glamourfreien Massenmodell in Form von Sondereditionen schon vor Jahrzehnten etwas Glitzer verpassen wollte. David Gahan ist der Rockstar des Synthiepop. Er hat eine Menge mitgenommen in dreieinhalb Jahrzehnten Rockstarsein, nicht nur Geld und Ruhm. Mitte der Neunziger eskalierte seine Drogensucht, er schnitt sich die Pulsadern auf, wurde gerettet, ein halbes Jahr später jagte er sich ein Gemisch aus Heroin und Kokain in den Körper, war zwei Minuten klinisch tot - und wurde wieder gerettet. Nun sitzt er im VW Golf.

Auch mit dem Schweizer Edeluhrenhersteller Hublot arbeiten Gahan und seine Bandkollegen Martin Gore und Andrew Flechter zusammen. Das Geld fließt in ein weltweites Trinkwasserprojekt, das die Band vor und während der Tour zum aktuellen Album „Delta Machine“ mit vielen Aktionen unterstützt. Die CD erscheint am Freitag und ist bereits seit gestern als Stream auf der Plattform MyVideo zu hören.

Es ist wie immer, wenn Depeche Mode mit neuer Musik auf der Bild- und Bühnenfläche erscheint. Dem Sog dieser Band haben weder die Eskapaden Gahans etwas anhaben können noch die komfortable Pause von jeweils vier Jahren zwischen zwei Alben. Im Gegenteil: Je weniger sie präsent sind, desto interessanter machen sich die drei Briten. Sechs Alben stehen in den vergangenen 20 Jahren zu Buche. Die Fans werden mit Remix-, Live- oder Best-of-Zeug bei Laune gehalten. Und wenn die Band dann wieder da ist, ist alles wieder gut.

Auch in puncto künstlerischer Entwicklung überfordert Depeche Mode sein Publikum nicht. Seit das Trio im Laufe der achtziger Jahre das fröhlich-naive „Just Can’t Get Enough“-Boygroupimage abgestreift hat, ist in der Grundausrichtung nicht mehr viel passiert. Höchstens werden die Alben noch ein wenig düsterer und ernster. „Delta Machine“ ist ein manchmal cooles, immer aber kühles Album. Fröhliche Songs? Nein, wieder keinen fröhlichen Songs.

Gahan gibt wie immer den Prediger und pflegt das Pathos - ohne dass seine Texte mit der Attitüde mithalten können. Tonbastler Martin Gore sucht den Fortschritt sogar im Rückschritt. Denn in Sachen Sound- und Stilvielfalt hat die von Depeche Mode mit angeschobene elektronische Musik die Band längst links und rechts überholt. Also holt Gore die analogen Kisten raus. So darf man sich die Delta-Maschine wie einen holzvertäfelten Riesensynthesizer mit großen Knöpfen und vielen Kabeln vorstellen. Hinter Gahans bedeutungsvollem Bariton tuckert und blubbert, knarzt und fiept es wie in einem geheimnisvollen Geräuschlabor. Töne winden und biegen sich unter den Händen des Klangkreateurs. So muss es in den Siebzigern gewesen sein, als Klaus Schulze, Kraftwerk und Ash Ra Tempel eine neue Soundwelt entdeckten.

Songs wie „Angel“, „Goodbye“ oder die vorab veröffentlichte Single „Heaven“ schlurfen dahin. „Slow“ entwickelt mit seinem durchgängigen Bluesgitarrenriff eine reizvolle Spannung. „Soft Touch/Raw Nerve“ ist ein wenig forscher, „Soothe My Soul“ fast schon Radiopop. „My Little Universe“ täuscht kurz vor, ein Dancetrack zu werden, legt sich dann aber doch wieder hin.

Nein, diese Delta-Maschine ist keine Jukebox. Wer Synthiepop will, kann das neue Album von Hurts kaufen. Oder auf die Stadionkonzerte von Depeche Mode im Sommer hoffen. Ein paar Restkarten gibt es noch.

Depeche Mode: „Delta Machine“.

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