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Weltweit Macher der Theaterformen Hannover proben im holländischen Pavillon
Nachrichten Kultur Weltweit Macher der Theaterformen Hannover proben im holländischen Pavillon
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08:23 25.05.2011
Von Ronald Meyer-Arlt
Die Macher des Festivals Theaterformen bereitet sich vor. Quelle: Martin Steiner

Die Ruinenbaumeisterin trägt eine grüne Samtjacke, eine Frisur wie Carla Bruni und ein sehr charmantes Lächeln. Sie ist keine Theaterfrau, ihre Kunst ist aber so theaternah, dass sie zur neuen Ausgabe der Theaterformen in Hannover eingeladen wurde. Anna Rispoli gestaltet die wohl aufwendigste Arbeit des Festivals. Zehnmal (vom 23. Juni bis zum 3. Juli), fast während der gesamten Laufzeit des Festivals, wird ihre Arbeit „Die Erfindung des Fahrstuhls“ gezeigt. Anna Rispoli wird die Zuschauer in einen bisher verbotenen Bereich führen, sie wird sie Treppen hochsteigen lassen, die in einen Wald führen, und sie wird sie mit vergangenen Träumen von einer großen Zukunft konfrontieren.

Für die „Theaterformen“ arbeitet die in Brüssel lebende italienische Künstlerin an einem Projekt im niederländischen Pavillon auf dem Expo-Gelände. Seit Ende der Expo wird das 43 Meter hohe Gebäude nicht mehr offiziell genutzt. Leer aber steht es nicht. Die Absperrgitter vor dem fünfstöckigen Gebäude, in dem die Holländer zur Expo Landschaften verschiedener Art – darunter sogar einen Wald – gestapelt hatten, sind für Besucher seit Jahren kein großes Hindernis. Junge Skater und Mountainbiker treffen sich hier. Graffitimaler haben sich an den Wänden ausprobiert, und viel getrunken wurde hier offensichtlich auch. In jedem Stockwerk ist der Boden mit Scherben übersät, manche sind vom Fensterglas, die meisten von Flaschen. Früher gab es mal ein Theater hier oben, in der vierten Etage. Nun ist es ein schwarzer demolierter Raum, mit eingetretenen Türen und Kabelenden, die aus der Decke baumeln.

Als Anna Rispoli von den Theaterformen eingeladen wurde, war klar, dass sie etwas zum hannoverschen Stadtraum machen würde. Künstlerische Arbeiten zu urbanen Strukturen sind ihre Spezialität. Rispoli, die mit ihrer Künstlergruppe „ZimmerFrei“ 2003 zur Biennale Venedig und 2008 zur Manifesta eingeladen wurde, interessiert sich für die Verbindungen von urbaner Architektur und sozialem Leben, für die Schnittstelle zwischen privat und öffentlich. In Mülheim hat sie eine Metal-Band auf einem Ausflugsboot rocken und dazu an Land Bagger tanzen lassen. Originell.

In Hannover hatte sie die Auswahl: eine künstlerische Intervention zum Betonkoloss des Ihme-Zentrums oder zum Turm auf dem Expo-Gelände. Sie hat sich schnell entschieden: Der holländische Pavillon sollte es sein. Obgleich ein Theaterprojekt an diesem Ort mit erheblichen Schwierigkeiten verbunden ist: Das Gelände muss so gesichert werden, dass sich etwa 60 Zuschauer jeden Abend gefahrlos durch den Pavillon bewegen können. Die Statiker waren gerade da und haben grünes Licht gegeben. Auch nach mehr als zehn Jahren Leerstand, nach Regen und Schnee in allen Geschossen und vielen Besuchen von Altmetallsammlern und Randalierern, die alles rausgerissen haben, was irgendwie von Wert schien, ist die Statik noch in Ordnung.

Wenn Anne Rispoli ihre Arbeit erklärt, bemüht sie gern das Bild vom Trampolin: Der Zuschauer lässt sich fallen und wird dann zu höherer Erkenntnis emporgeschleudert. Im Falle des niederländischen Pavillons geht das mit dem Fallenlassen besonders gut, denn hier, so sagt sie, haben wir es mit einer besonderes städtischen Leerstelle zu tun: Er steht da ohne Funktion, ohne Gebrauch, ohne Schicksal. Meistens, sagt sie, hätten wir Angst vor solchen Leerstellen. Aber wer sich auf ihre Arbeit einlasse, der werde vielleicht auch Zauberhaftes erleben können. „Vielleicht“, sagt sie, „wird man Tulpen sehen, obgleich gar keine Tulpen da sind.“ Synästhesie interessiert sie, das Hören von Farben und das Sehen von Tönen. Sie spricht von „Hyperrealismus“, wenn sie ihre Arbeit zu erklären versucht, und oft fällt auch das Wort „Kollektiv“. Anna Rispoli ist keine künstlerische Einzelkämpferin. Meist arbeitet sie mit ihrer Gruppe zusammen, die den schönen Namen „ZimmerFrei“ trägt; für das Pavillonprojekt aber hat sie sich mit zwei Künstlern aus Hannover zusammengetan: Lotte Lindner und Till Steinbrenner. In New York hat sie das Künstlerpaar kennengelernt, Lindner und Steinbrenner waren mit dem Künstler­stipendium des Landes Niedersachsen dort, Anna Rispoli mit einem italienischen Stipendium.

Die beiden Mitkünstler haben schon angefangen, Informationen rund um den Pavillon zu sammeln. Sie haben mit Nachbarn gesprochen und mit Leuten, die sich verbotenerweise im Pavillon aufhalten. Die meisten Einzelteile der Performance im Pavillon sind bereits fertig, jetzt kommt es darauf an, sie in die richtige Form und Reihenfolge zu bringen – und sich auch von einigen Ideen zu trennen. Denn länger als eine knappe Stunde soll das Theater im Turm nicht dauern.

Ein Theaterstück, bei dem es eine Handlung gibt, und Schauspieler, die eine Geschichte erzählen, wird Rispoli mit ihren Kollegen nicht präsentieren. Sie hat anderes im Sinn: Eine „Meditation über unsere Zivilisation“ schwebt ihr vor, ein Miteinander von Bildern, Klängen, Texten und kleinen magischen Momenten. Das Turmtheater soll von unseren Werten und Utopien handeln, davon, wie wir uns die Zukunft ausgemalt haben und wie die Zukunft von damals sich jetzt materialisiert – in einer Ruine.

In den Diskussionen über die Zukunft des niederländischen Pavillons, sagt Lotte Lindner, habe es nur zwei Haltungen gegeben: Entweder suchte man nach einer Nutzung, oder man versuchte, ihn irgendwie loszuwerden. Dazwischen habe es nichts gegeben. Das wiederum zeige auch unsere Angst vor der Formlosigkeit, der Leere und Sinnlosigkeit. Dabei, sagt ihr Kollege Till Steinbrenner, habe der Pavillon auch als Ruine seinen Sinn: „Es wäre doch schrecklich, wenn es in einer Stadt nur funktionale Orte geben würde.“

Premiere von „Die Erfindung des Fahrstuhls“ ist am 23. Juni um 21 Uhr. Karten: (0511) 99 99 11 11.

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