Menü
Göttinger Tageblatt / Eichsfelder Tageblatt | Ihre Zeitung aus Göttingen
Anmelden
Weltweit Auch der Darm hat jetzt Charme
Nachrichten Kultur Weltweit Auch der Darm hat jetzt Charme
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
08:06 08.05.2014
Von Ronald Meyer-Arlt
Die 24-jährige Studentin der Medizin Giulia Enders schreibt über den Verdauungstrakt. Quelle: Foris
Anzeige
Hannover

Im Sommer 1977 ist in Frankreich ein Patient explodiert. Der 69-jährige Mann wurde in die gastroenterologische Abteilung des Universitätskrankenhauses von Nancy eingeliefert. Bei ihm sollte eine Polypektomie durchgeführt werden, eine Entfernung von gutartigen Wucherungen an der Darmschleimhaut. Dabei wird eine Schlinge um die Wucherung im Darm gelegt, durch die später Strom fließen wird. Als im Operationssaal von Nancy der Strom durch die Schlinge floss, kam es zu einer Verpuffung, denn im Darm des Patienten hatte sich Wasserstoff gebildet. Schuld waren Darmbakterien und ein Abführmittel – das heute glücklicherweise nicht mehr verwendet wird.

Die Geschichte, die tragisch endete, ist nur eine von vielen spannenden Begebenheiten der Medizingeschichte, die die amerikanische Wissenschaftsjournalistin Mary Roach zusammengetragen hat. In ihrem neuen Buch „Schluck“ begibt sie sich auf „Entdeckungsreise durch unseren Verdauungstrakt“. Sie beginnt beim Mund, beim Schmecken und Riechen, und endet kurz hinter der Explosion im Operationssaal von Nancy. Roach recherchiert tief, sie steigt in Archive, um aus Akten zu zitieren – etwa aus dem Fallbericht zur fehlgeschlagenen Polypektomie: „Der Patient schnellte nach oben und fiel vom Endoskopietisch hinunter.“

Anzeige

Erstaunliches aus der Medizingeschichte hat sie zusammengetragen: Etwa die Geschichte des Arztes William Beaumont und des Trappers Alexis St. Martin, die 1822 auf der Mackinac-Insel im Huronsee begann. Hier traf der Arzt zum ersten Mal auf den schwer verwundeten Trapper. Eine Ladung Schrot aus einem Gewehr hatte ihn getroffen. Durch die Verletzung hatte sich eine Art Tunnel zwischen dem Magen und der Haut des armen Trappers gebildet. Der Vorteil: Durch dieses Fenster konnte der Arzt dem Magen bei der Verdauung gewissermaßen zusehen. Der Nachteil: Von nun an wurde aus dem Trapper ein Versuchsobjekt. Beaumont schob diverse, an Fäden befestige Lebensmittel in die seitliche Magenöffnung und dokumentierte, was mit ihnen geschah.

Sehr anschaulich und von großem Mitgefühl für den Trapper getragen, erzählt Mary Roach hier ein spannendes Kapitel aus der Medizingeschichte. Das locker geschriebene Buch vermittelt allerlei Wissenswertes: Katzen können (anders als Hunde) nichts Süßes schmecken, viele Schlaganfälle ereignen sich auf der Toilette, die Transplantation von Darmbakterien (mithilfe von Spenderkot) scheint ein vielversprechender Therapieansatz zu sein. Mary Roach geht erstaunlich weit in der Recherche. Sie begnügt sich nicht mit der bloßen Information, dass Strafgefangene Handys gelegentlich in ihrem Enddarm an den Wachleuten vorbeischmuggeln – sie interviewt auch einen dieser Handyschmuggler in einem Gefängnis und lässt sich genau erklären, wie er es gemacht hat. Das ist sicher nicht jedermanns Sache, aber Roach hat das klug und witzig aufgeschrieben.

Neuigkeiten aus dem Verdauungstrakt scheinen zurzeit ziemlich in Mode zu sein. Auch die 24-jährige Studentin der Medizin Giulia Enders schreibt über den Verdauungstrakt. Sie würdigt den Toilettengang als „Meisterleistung“ des Körpers, rät zum Verzehr von Ballaststoffen (aber nur, wenn man dazu auch reichlich trinkt) und taucht tief in das Gebiet der Darmflora ein.

Die Begrifflichkeit, derer sie sich bedient, wäre früher sicher nicht für den öffentlichen Diskurs geeignet gewesen. Heute aber geht das. Kurioses aus der Wissenschaftsgeschichte interessiert Enders nicht so sehr, sie setzt eher auf Erklärungen für Patienten – oder für interessierte Laien, die Krankheiten vorbeugen wollen.

Mary Roach und Giulia Enders

Mary Roach: „Schluck. Auf Entdeckungsreise durch unseren Verdauungstrakt“. DVA. 378 Seiten, 14,99 Euro.

Giulia Enders: „Darm mit Charme. Alles über ein unterschätztes Organ“. Ullstein. 285 Seiten, 16,99 Euro.

07.05.2014
07.05.2014
Weltweit Helmut Dietl bekommt Ehrenpreis - Zeit des Abschieds
Stefan Stosch 07.05.2014