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Weltweit „Menschen sind nur Spielkarten“
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18:13 21.10.2013
Von Martina Sulner
Der aus dem Irak stammende Schriftsteller Abbas Khider spricht im HAZ-Interview über Diktaturen, Frauen als Blumenvasen und Flüchtlingspolitik. Quelle: dpa (Archiv)
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Hannover

Herr Khider, mögen Sie eigentlich Auberginen?
Jetzt wieder. Im Irak, wo ich sie in den neunziger Jahren ständig gegessen habe, mochte ich sie nicht mehr. Mittlerweile, nach zehnjähriger Pause, esse ich sie wieder gern.

In Ihrem neuen Roman wird der Irak „Auberginenrepublik“ genannt ...
Und das ist mehr als ein Witz. Ende der neunziger Jahre, als die Iraker wegen des Handelsembargos wenig andere Lebensmittel kaufen konnten, gab es überall und ständig Auberginen. Wir nannten die Pflanzen „Herren der Küche“ und „Herren der Bratpfanne“ und das Land „Königreich der Auberginen“.

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Ihr Debüt „Der falsche Inder“ erzählt von der Flucht eines Irakers nach Deutschland. Jetzt geht es um einen Liebesbrief, der aus dem Exil in den Irak transportiert wird. Warum bewegen Sie sich erzählerisch in das Land zurück, in dem Sie inhaftiert waren?
Das habe ich nicht geplant. Es gibt einfach bestimmte Themen, die mich anmachen, die mir wichtig sind. Mit dem aktuellen Roman wollte ich ein Bild der arabischen Länder am Ende des 20. Jahrhunderts darstellen und die Lebensbedingungen der Menschen vor der Arabischen Revolution beschreiben. Deshalb erzählen in dem Roman auch sieben Figuren aus unterschiedlichen Ländern.

Diese Figuren leben in Libyen, Ägypten, Jordanien und dem Irak. Wie stark ähneln sich die Gesellschaften?
Einerseits nur wenig. Die Diktatur im Irak war Ende der neunziger Jahr viel härter als in Ägypten, ebenso die Kultur der alltäglichen Gewalt, was auch an den Kriegen in den achtziger und neunziger Jahren lag. Andererseits gleicht sich das Leben der Bevölkerung durchaus: Immer geht es um den Wunsch nach Frieden und Ruhe, um die Suche nach Identität. In diktatorischen Systemen denkt man die ganze Zeit daran, wie man irgendwie überleben kann. Manchmal macht man sogar unbewusst beim Machtspiel der Regierung mit. Manchmal bist du Täter, dann wieder Opfer.

Auffällig ist, dass die Gesellschaften gleichermaßen korrupt, bigott, verlogen sind.
Es gibt allgemeine Merkmale für diktatorische Staaten. Zum Beispiel sind alle Menschen - egal, ob Muslime oder Christen, Gläubige oder Nichtgläubige - nur Spielkarten in der Hand der Diktatur. Traurig dabei ist, dass viele Leute aus der Oberschicht oder Angehörige des Militärs oder des Geheimdienstes gar nicht wissen, wie der Großteil der Bevölkerung eigentlich lebt. In meinem Buch gehören mehrere Figuren der Oberschicht an, weil ich mal aus deren Perspektive erzählen wollte. Und im letzten Kapitel des Romans erzählt eine Frau. Frauen werden in Diktaturen besonders ausgenutzt, menschlich und sexuell. Oder sie sind wie Blumenvasen, die dekorativ das Haus schmücken und sich ansonsten für nichts interessieren, geschweige denn nachdenken sollen.

„Brief in die Auberginenrepublik“ spielt im Jahr 1999, also weit vor der Arabischen Revolution. Ist Ihr Roman nicht veraltet?
Man muss das Buch im historischen Kontext lesen. Heute wirkt vieles überholt; ein Leben ohne Internet ist kaum mehr vorstellbar. Klar, allein die Ausgangssituation des Buches - ein junger Mann schickt einen handgeschriebenen Brief an seine Geliebte - wirkt altertümlich.

Was hat sich im neuen Jahrtausend und seit der Arabischen Revolution für die Menschen geändert?
Geblieben sind zum Teil Diktatur und Chaos. Geändert hat sich jedoch - gerade durch das Internet - die Kommunikation: Die junge Generation ist international vernetzt, hat die Möglichkeit, den Alltag in anderen Ländern zu verfolgen. Auch dadurch hat sich der Wunsch entwickelt, ein gutes, freies Leben zu führen. Doch der gesellschaftliche Veränderungsprozess läuft langsam. Die Gesellschaften sind noch immer gewalttätig und feindlich gegenüber Ausländern, Homosexuellen und Frauen. Auch wenn eine Diktatur vorbei ist: Die diktatorische Struktur und Denkweise bleibt noch lange verankert. In Bagdad sind erst vor Kurzem fast 40 junge Leute auf der Straße ermordet worden, nur weil sie unangepasst waren - sie hatten lange Haare, trugen schwarze Klamotten, hörten schräge Musik. Man weiß nicht, wer die Täter sind, munkelt aber, dass Angehörige einer islamischen Gruppen verantwortlich waren.

Sie schreiben Ihre Romane auf Deutsch. Brauchen Sie die sprachliche Distanz zu Ihrer Heimat, um von ihr erzählen zu können?
In meinem zweiten Buch, „Die Orangen des Präsidenten“, in dem ich auch über Haft und Folter im Irak schreibe, war mir diese Distanz sehr wichtig. Mittlerweile ist sie nicht mehr so nötig. Das Schreiben bereitet mir jetzt viel mehr Genuss als früher.

Sie leben seit dem Jahr 2000 in Deutschland, sind deutscher Staatsbürger. Sollte Deutschland mehr Flüchtlinge aufnehmen?
Das sollten alle europäischen Staaten machen. Wir sprechen manchmal über Flüchtlinge, als seien sie nur Zahlen, dabei sind es Individuen mit Träumen und Hoffnungen. Manchmal befürchte ich, dass die wohlhabenden Europäer die Fähigkeit verloren haben, mitzufühlen. Flüchtlinge verdienen es, als Menschen behandelt zu werden.

Interview: Martina Sulner

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