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Weltweit Mit Kafka durch die Wüste
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09:12 16.11.2011
Der Autor Wolfgang Herrndorf hat einen neuen Roman geschrieben. Quelle: Privat
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Hannover

„Kann man vergessen“, schreibt Wolfgang Herrndorf in seinem Blog „Arbeit und Struktur“, nachdem er die Spekulation seines Verlages erwähnt hat, vielleicht einen Teil der Leser, die den Roman „Tschick“ mochten, zu „Sand“, Herrndorfs neuem Roman, „mitnehmen zu können“.

Tja, das kann man in der Tat vergessen. Denn „Sand“ ist ganz anders als „Tschick“. In „Tschick“ – das Buch war sehr erfolgreich und auch als Fortsetzungsroman in dieser Zeitung abgedruckt – erzählt Herrndorf von einer Jungenfreundschaft und einer Reise mit einem geklauten Lada durch Ostdeutschland. Es ist eine Jugendgeschichte, ein Roadmovie, traurig, komisch, unterhaltsam und sehr von dieser Welt.

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„Sand“, der neue Roman, der seit Mittwoch in den Buchhandlungen steht, ist anders. Ganz anders. Unterhaltsam ist hier zwar noch vieles, aber eine Jugendgeschichte ist das nicht. Es ist ein merkwürdiges Buch – und irgendwie nicht von dieser Welt. Zuerst wirkt der neue Roman wie ein Thriller: Afrika, Agenten, 1972, ein Mordanschlag auf eine Aussteigerkomune irgendwo in Wüstennähe, korrupte Polizeibeamte, irgendein wichtiges Geheimnis.

Dann spürt man, wie grotesk die Sache langsam wird: Die Verfolgungsjagden erscheinen merkwürdig gedehnt, die Handlung ist verwirrend, und der Held wirkt nicht nur auf die anderen Figuren des Buches unglaubwürdig, sondern auch auf den Leser. Und dann die Orte: die Wüste, eine schmuddelige Stadt an deren Rand, ein Bergwerk und mittendrin in der Einöde eine alte Schnapsbrennerei mit einem Dachboden, auf dem ein Mann erwacht, der nicht mehr weiß, wer er ist und wie er hier herkommt. Die Geschichte fließt wie Sand, der einem aus der Hand rinnt.

Dem Mann ohne Erinnerung widerfährt Schreckliches, er wird verprügelt, gefoltert, gedemütigt, verschleppt und wieder verprügelt und erpresst und bedroht – und kann sich die ganze Zeit einfach an nichts erinnern. Getreu befolgt der Autor die erste Schreibschulregel im Hauptfach „Thriller“. Sie lautet: „Quäle deinen Helden!“ Herrndorf macht das mit erstaunlicher Konsequenz. So einem geprügelten Hund wie seinem Helden ist man in der Literatur lange nicht begegnet.
Die verworrene Spionagegeschichte, der Held in immer neuen Nöten, die merkwürdigen Orte – das alles ist kunstvoll überdrehte Groschenheftigkeit – Pulp Fiction. Zwischendrin aber gibt es wunderbar ausgearbeitete Beschreibungen, kunstvolle Porträts und bedrückende Reflexionen.

Es gehört Mut dazu, so einen verrückten Roman zu schreiben. Und vielleicht helfen besondere Lebensumstände, diesen Mut zu entwickeln. Wolfgang Herrndorf ist schwer krank. Er leidet an einem Gehirntumor. Lange war nicht klar, ob er „Sand“ beenden können wird.

In seinem Blog „Arbeit und Struktur“ schreibt er über die Operationen, die Medikamente, die ratlosen Ärzte, das Aufwachen nach Operationen, die Sehstörungen. In einem seiner jüngsten Einträge erwähnt er auch die Schriftstellerkollegin Kathrin Passig, die stellvertretend für ihn einen Preis für „Tschick“ entgegengenommen hat.

Ein Journalist, schreibt Herrndorf, habe sie gefragt, ob es der richtige Moment für die Auszeichnung sei. Die Antwort sei ihr nur verspätet eingefallen: „Letztes Jahr, als der Preis verliehen wurde, gab es ,Tschick’ noch nicht. Nächstes Jahr, wenn der Preis verliehen wird, wird es den Autor wahrscheinlich nicht mehr geben … insofern, ja, geradezu der ideale Moment.“

Wolfgang Herrndorf: „Sand“. Rowohlt Verlag. 480 Seiten, 19,95 Euro.

Ronald Meyer-Arlt