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Weltweit Movimentos: Clowns und Helden
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21:26 23.04.2013
Von Uwe Janssen
Völlig losgelöst: Szene aus „Don Quichotte du Trocadéro“. Movimentos
Völlig losgelöst: Szene aus „Don Quichotte du Trocadéro“. Quelle: Movimentos
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Denn Montalvo hat in „Don Quichotte du Trocadéro“ ein paar Parameter der alten Geschichte verändert. Statt des großen Dürren und des kleinen Dicken sind da ein großer Dicker und ein kleiner Dürrer unterwegs. Der Ritter ist nicht von trauriger, sondern eher von wuchtiger Gestalt. Sancho trägt keinen Pansa, keinen gemütlichen Bauch also, vor sich her, sondern turnt wie ein wildgewordener Handfeger auf der Bühne herum, als ob er keine Knochen im Leib hätte. Die Windmühlen sind nicht echt, sondern nur auf der Leinwand, können dafür aber ziemlich sexy tanzen.

Schnell wird klar: Dieser 80-minütige Abend spielt mit allem, er will mischen und aufmischen, er verknüpft Genres und Geschichten, modernisiert, reißt ein - und soll vor allem Spaß machen. Nach der Hälfte der Premiere im Kraftwerk zieht das anfangs im eigenen Anstand verunsicherte Publikum mit, lacht laut und spendet eifrig Szenenapplaus.

Die Lacher gehen vor allem auf das Konto von Patrice Thibaud, einem in Frankreich recht populären Komiker und Schauspieler, der sich José Montalvo im Pariser Théâtre National de Chaillot angeschlossen hat und nicht von ungefähr an den großen Louis de Funès erinnert. Dass er zwischen den 14 drahtigen Tänzern der Compagnie wie ein Elefant wirkt, versucht er nicht etwa zu verbergen. Er entblößt sogar noch seinen üppigen Oberkörper - zündet dann aber ein Mimik- und Gestenfeuerwerk und parodiert zehn Tanzstile in einer Minute. Nein, dieser Nichttänzer ist kein Fremdkörper, er ist so etwas wie der Papa der Compagnie.

Er führt durch eine flotte Bilderrevue auf einer leeren Bühne, hinter der auf einer riesigen Leinwand aber fantasievoll mit Videos des Künstlers Michel Coste gearbeitet wird. Immer wieder geben die Filmsequenzen Szenen vor (oft in der Kulisse der Pariser Metrostation Trocadéro), die dann in echt fortgeführt, nachgespielt oder vervollständigt werden. Es tauchen Motive aus Don Quijote oder seiner Adaptionen auf, klassischer, moderner Tanz bis hin zu Steppeinlagen, Montalvo spielt mit Burleske und Commedia dell’Arte. Oder er lässt furios-feurigen spanischen Tanz bruchlos mit Streetdanceelementen einhergehen. Auch akustisch changiert er zwischen Orchesterwucht und einem pantomimisch unterstützten Tierstimmenrap. Die Liebe zum Detail macht dieses kleine verrückte Stück so sympathisch.

Am Ende dieses kurzweiligen Abends ist der Jubel im Kraftwerk groß. Man könnte Windmühlen damit antreiben.

Martina Sulner 22.04.2013
Rainer Wagner 24.04.2013