Menü
Göttinger Tageblatt / Eichsfelder Tageblatt | Ihre Zeitung aus Göttingen
Anmelden
Weltweit Museum August Kestner zeigt römische Terrakotten
Nachrichten Kultur Weltweit Museum August Kestner zeigt römische Terrakotten
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
15:44 17.02.2014
Museum August Kestner zeigt römische Terrakotten. Quelle: Handout
Anzeige
Hannover

Diese originelle Art der Präsentation ist nur konsequent, denn in der Ausstellung „Geschichte(n) in Ton“ geht es gewissermaßen um Kunst am Bau. Zu sehen sind 124 Reliefs, die Museumspatron August Kestner zwischen 1818 und 1853 in Rom zusammentrug – und sie alle waren einst Teil von Architektur.

Ihren Namen verdanken diese Campana-Reliefs dem Sammler Giampietro Campana, der 1842 eine umfassende Publikation zu diesem Typus aus Ton vorgelegt hatte, ehe er wegen Veruntreuung zu 20 Jahren Galeere verurteilt und seine Sammlung in alle Winde verstreut wurde. Ihren Platz hatten solche Reliefs etwa zwischen 50 v. Chr. und 100 n. Chr. über den Dächern von Rom: Dort dienten sie ursprünglich ganz praktisch zur Verkleidung des Dachgebälks. Später wurden sie immer aufwendiger verziert und auch als Friese in Wohnräumen angebracht.

Anzeige

Ein Rundgang entlang den Bauzäunen gerät schnell zur Mythenstunde, zum Streifzug durch die Ikonografie. Auf den Fragmenten begegnet man Theseus oder Penelope, die auf ihren Odysseus wartet. Man schaut Herakles zu, der sich mit dem Nemeischen Löwen, dem kretischen Stier oder der Hydra von Lerna herumschlägt, oder man sieht Satyrn bei der Weinernte zu. Ein besonders prächtiges Stück zeigt Mars und Venus. Der „Freundeskreis Antike und Gegenwart“ hat das Relief im vergangenen Jahr erworben – zum Preis von 25 000 Euro. Teils sind sogar noch Reste jener knalligen Farben zu erkennen, die einst die Reliefs schmückten.

Kestners Campana-Terrakotten sind jetzt erstmals seit der Museumsgründung vor 122 Jahren zu sehen. Wissenschaftlich wurden sie in Ansätzen schon 1911 erforscht, doch erst jetzt hat Kuratorin Anne Viola Siebert die Forschungen abgeschlossen: Ihr umfassender Katalog, gesponsert von der Ernst-von-Siemens-Kulturstiftung, erscheint im Dezember. Museumsarbeit braucht manchmal einen langen Atem. So führt die Ausstellung nolens volens mitten in der Diskussion um die Kostendeckung des Kestner-Museums vor, wie sehr das geräuschlose Sammeln, Erforschen und Bewahren von Schätzen zum Kerngeschäft von Museen gehört – auch, wenn sich daraus nicht immer „Blockbuster“-Ausstellungen ergeben.

Interessante Ergebnisse lieferte die Vorbereitung der Schau, die Teil der Kooperation „3 Museen, 1 Mythos“ mit Sprengel Museum und Landesmuseum ist, allemal: So untersuchte Christian E. Loeben, Ägyptologe am Museum August Kestner, ein Relief mit ägyptischen Hieroglyphen. Da die Römer Campana-Terrakotten in Serie herstellten, ließen sich sogar Vergleichsstücke in London und Paris auftreiben – und am Ende konnte Loeben dann Textbrocken wie „König von Ober- und Unterägypten“ oder „Gesundheit“ entziffern. Allerdings waren diese seitenverkehrt geschrieben: Offenbar hatten Roms Kunsthandwerker die Zeichen einfach von importierten Obelisken abgepinnt. Ohne sie zu verstehen.

Bis zum 19. Februar. Informationen, auch zu Führungen und Vorträgen, unter (05 11) 16 84 21 20.