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Weltweit Mutter-Monster in der Unterwelt
Nachrichten Kultur Weltweit Mutter-Monster in der Unterwelt
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22:40 17.07.2013
Von Stefan Stosch
Was für ein Auftritt: Kristin Scott Thomas als furchterregende Mama, die ihren ermordeten Sohn rächen will – koste es, was es wolle. Quelle: Tiberius
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Hannover

Gott hat ein Samuraischwert, mit dem er furchtbar präzise zuhaut. Mit wuchtigen Streichen trennt Gott Köpfe und Arme von Rümpfen. Gott foltert auch ganz gern mit Eisenstäbchen vom Obstbüffett. Gott lebt im feuchtschwülen Bangkok und bewegt sich in Zeitlupe und schweigend durchs Rotlichtviertel – wenn er nicht gerade romantische Karaokelieder singt.

Ach ja, hauptberuflich ist Gott Polizeichef (Vithaya Pansringarm) und eine Figur, wie Regisseur Nicolas Winding Refn sie liebt: Dieser Gott ist jederzeit für eine  Gewalteruption gut. Vergebung ist nicht die Stärke des (All-)Mächtigen in diesem Sündenbabel, auch wenn das neue Werk des als Wunderkind gehandelten Dänen „Only God Forgives“ heißt.

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Mit „Drive“ verhalf der Filmemacher dem überstilisierten Thriller zu neuem Ruhm und Ryan Gosling zu einer Weltkarriere. Nun hat der Filmemacher ein Werk abgeliefert, das bei der Premiere in Cannes heftige Buh- und auch ein paar Bravorufe erntete. Gosling ist auch wieder dabei – als müder Gegenspieler des Polizeichefs und Sohn eines unerbittlichen Mutter-Monsters, gespielt von Kristin Scott Thomas. Die Britin, sonst gerne als Sanftmütige in wohltemperierten Filmen besetzt („Der englische Patient“), ist das eigentliche Ereignis in diesem Film – und das vor allem deshalb, weil man sie so nicht kennt.

Mit platinblonder Perücke und im schwarz-weiß gestreiften Minirock fliegt diese Mutter-Bestie nach Bangkok ein. Sie will nur eines: Rache für ihren zweiten Sohn. Der hatte eine Minderjährige ermordet und war dafür vom Polizeichef zur Strecke gebracht worden. Und wie lautet Mamas Kommentar? „Mein Sohn wird wohl seine Gründe gehabt haben.“ Nun soll ihr zweiter, der ungeliebte Sohn, Drogendealer und Thaiboxer, eben Gosling, den Mörder des Bruders zur Rechenschaft ziehen.

Damit ist der zynische Ton vorgegeben in diesem in rötlich-bläulichen Farben getauchten Thriller, der zwischen archaischer Rachefantasie und ödipal aufgeheiztem Gleichnis dahinschlingert. Hinter dem heiligen Ernst, mit dem hier alle zugange sind, wird eine große Leere spürbar. Manche Kritiker haben dem Werk bei der Premiere in Cannes höhere Weihen zu verleihen versucht, indem sie es zur Abrechnung mit Männlichkeitsritualen stilisierten. Aber das ist ein bisschen zu viel der Ehre. Der Regisseur ist viel zu fasziniert von seinem Rachezug – von Distanzierung keine Spur.

Bestenfalls ließe sich Winding Refn Konsequenz zuerkennen: Er geht den schon mit „Drive“ eingeschlagenen Weg zu Ende – und zwar bis zum Overkill und so weit wie möglich weg vom Mainstream. Seine Geschichte erstickt in artifiziellen Bildern und exzessiven Blutorgien. Er kreiert seine eigene, surreal anmutende Hölle. Daraus gibt es kein Entkommen. Frauen sind verdammt dazu, sich halb nackt in Glaskästen darzubieten, und Männer sind somnambule Gestalten mit leerem Blick. Sie irren durch die Nacht und massakrieren andere, bis es sie selbst erwischt.
Das Problem: Die Figuren sind einem herzlich egal, auch Goslings Bruder – obwohl der die Gewaltspirale irgendwann zu brechen versucht und Schuld auf sich nimmt. Dem Stilwillen des Regisseurs entkommt aber auch er nicht. Nicolas Winding Refn ist in seiner Unerbittlichkeit beinahe noch schwerer zu ertragen als die Mutter-Furie im Zebralook. Und das will schon etwas heißen.

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