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Weltweit Nackte Schönheiten und Stadtansichten
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20:51 23.11.2011
Der 84-jährige New Yorker Künstler Alex Katz in der Kestnergesellschaft vor seinem Bild „Red Nude“ aus dem Jahr 1988. Quelle: dpa
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Hannover

Sie frühstücken im Astoria Hotel, suchen sich einen Diamantring bei Tiffany aus, lauschen einem Cool-Jazz-Konzert und besuchen abends in Uptown eine Galerieausstellung von Jackson Pollock: mondäne New Yorkerinnen. Kaum ein Maler hat ihnen stärker gehuldigt als Alex Katz. Seit den fünfziger Jahren umkreist der Künstler diese faszinierenden Wesen im Medium der Malerei, bannt sie auf Groß- und Breitwandformate, schafft Hommagen auf die selbstzufrieden wirkenden Frauen, die von großen Werbewänden, den Billboards, oder von Kinoleinwänden herunterlächeln: ewig jung, ewig schön – und vollkommen unnahbar.

Mit seinen Porträts, darunter von seiner Ehefrau und Lebensmuse Ada, und seinen Impressionen vom Freizeitleben der Reichen und Schönen gelangte der Künstler zu Weltruhm. Seine Gemälde erzielen sechs- bis siebenstellige Dollarsummen. Alex Katz gilt als einer der wichtigsten Künstler der Welt.

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Die extremen Close-ups und radikalen Schnitte borgte er sich vom Fernsehen. Umgekehrt strahlte seine Kunst auf die Populärkultur zurück: Zahlreiche Werbeclips folgen dem coolen Katz-Stil. Selbst Andy Warhol hat sich formale Kniffe bei Katz abgeschaut.

Nun weilt die US-Malerlegende in Hannover. Heute Abend ist in der Kestnergesellschaft Eröffnung der Schau „Naked Beauty“. Es ist Katz’ zweiter Besuch in der Stadt. In den sechziger Jahren war er schon einmal da, stellte in der Galerie Brusberg aus. Er erinnert sich gern daran. Für seine aktuelle Schau hat der Maler – bei einem 84-Jährigen kann das überraschen – Neues im Gepäck: die selten gezeigten „Nudes“. Sie waren noch nie zuvor in dieser Dichte zu sehen.
„Naked Beauty“ – nackte Schönheit – hält durchaus, was der Titel verspricht. Für Katz streiften die New Yorkerinnen gern die Designerkleider ab. 21 Akte von 1960 bis 2011 sind in Hannover zu sehen, darunter eine nackte Muse, die Kaffee trinkt („Morning Nude“).

Erstaunlich ungenau nimmt es der Künstler mit der Anatomie. Realismus interessiere ihn nicht, sagt er. Ihm gehe es um die „Energie“ von Bildern. Diese übermittle sich Betrachtern unbewusst, noch bevor Denken und Erkennen einsetzten.
Seine Akte zeigen wie die berühmten Porträts durchwegs starke Persönlichkeiten: selbstbewusste Frauen in ungezwungenen Posen, Menschen ohne Müdigkeit. Die weiblichen Wesen schweben wie heliumgefüllte Luftballons vor nachtblauen, weißen oder sonnengelben Hintergründen: tänzelnd, schlank und zugleich sehnig. Sie scheinen sich in ihrer Haut rundum wohlzufühlen. Das Wohlgefühl überträgt sich fast körperlich auf den Betrachter.

Wie gestaltet sich das Verhältnis zwischen Maler und Modell? In dem Moment, in dem die Frauen im Studio die Hüllen fallen lassen, sei Sexualität für ihn ausgeblendet, sagt der Künstler gestern bei der Vorbesichtigung. Statt knisternder Erotik herrsche „Angst“ vor, die Angst des Malers, die künstlerische Aufgabe nicht zu bewältigen.

Vielleicht schwingt angesichts derart geballter cooler Weiblichkeit noch etwas anderes mit, eine kastrierende Dimension, die er sich malend vom Leib hält? Doch mit psychologischer Tiefgründelei braucht man Katz nicht zu kommen. „Psychoanalyse, Kommunismus und Primitivismus waren in meiner Jugend modern, und ich mochte nichts davon“, sagt er und legt die Stirn in Falten.

Neben den Aktbildern sind in der Kestnergesellschaft auch Stadtansichten des Altmeisters der Coolness ausgestellt. Man könnte auf die Idee kommen, dass die hell erleuchteten Fenster in nächtlichen Hochhäusern Bühnen für die nackten Schönheiten wären. Doch Katz winkt ab. Schwüle Phantasien, wie etwa die eines Edward Hopper, der davon träumte, bei nächtlichen Metro-Fahrten für Sekunden eine entkleidete Frau in einem hellen Fenster zu erblicken, sind seine Sache nicht. Er möchte die „moderne Frau“ zeigen, nicht passive Objekte. Künstlern, die weibliche Körper wie „Obst“ malen, gilt seine Verachtung.

Auch als über 80-Jähriger ist Alex Katz ein schöner Mann. Wenn er still dasitzt, könnte man ihn für einen buddhistischen Mönch halten. Er selbst aber sieht sich als „aggressiven Stilisten“. Seine Prägung erfuhr er ganz klar in der Cool-Jazz-Ära. Seine Fragestellungen kreisen um Gegenständlichkeit und Abstraktion. Oberstes Gebot ist die Flächigkeit, wobei Katz das Kunststück gelingt, atmosphärisches Licht in Bilder zu schleusen, ohne Motive plastisch erscheinen zu lassen.
Da die Kestnergesellschaft gern doppelgleisig fährt, gibt es daneben noch eine Fotoausstellung mit Bildern der Mode- und Werbefotografin Alice Springs, der Witwe von Helmut Newton. Darunter ist ihr erstes kommerzielles Bild: ein betörendes Werbefoto für die Zigarettenmarke Gitanes. Auch bei Springs regiert die Schönheit. Auch sie zeigt Akte, allerdings männliche.

Kestnergesellschaft Hannover, Goseriede 11, 25. November bis 5. Februar 2012, Kataloge 38 und 29,99 Euro.

Johanna di Blasi