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Weltweit Navid Kermani schreibt autobiograifsch inspirierten Roman
Nachrichten Kultur Weltweit Navid Kermani schreibt autobiograifsch inspirierten Roman
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09:24 01.09.2011
Von Karl-Ludwig Baader
Navid Kermani ist ein renommierter Autor religions- und kulturwissenschaftlicher Sachbücher. Sein neues Buch ähnelt einem Roman. Quelle: dpa
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An Selbstbewusstsein – allen in diesem Textkonvolut platzierten Selbstzweifeln zum Trotz – kann es dem Autor also nicht gänzlich mangeln. Navid Kermani, als Sohn iranischer Eltern 1967 in Siegen geboren, ist ein renommierter Autor religions- und kulturwissenschaftlicher Sachbücher, aber auch einiger Romane, er ist begehrt als Gast auf Podien und in Radiosendungen. Der habilitierte Orientalist und Journalist ist gewissermaßen aus der Art geschlagen, als Sohn eines Arztes und Bruder dreier Ärzte. Kermani, der schon bedeutende Kulturpreise bekommen hat, ist deutscher Schriftsteller, der auch das Persische perfekt beherrscht, er ist zugleich ein politisch wacher Intellektueller und gläubiger Muslim, ein großer Kenner der deutschen Literatur und ein aufmerksamer Reporter, der sich in krisenhaften Weltgegenden wie Afghanistan und dem Kaschmir sehr genau umsieht.

Von all diesen Talenten und Kenntnissen macht Kermani in diesem Buch Gebrauch. Lesen kann und soll es, wer sich für den Autor als Privatperson und Familienmenschen, für ein Leben in und zwischen deutscher und iranischer Kultur, für die Werkstattprobleme und Geldsorgen eines Schriftstellers, für Hintergründe ferner kriegerischer Kulturkonflikte, für interessante Sichtweisen auf Jean Paul, Kafka und Hölderlin interessiert.

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Dabei muss sich der Leser durch die Textmenge keineswegs „durchbeißen“. Seine Prosa liest sich flüssig, wenn man sich willig dem Sound des Autors überlässt. Kermani versteht sich auch auf Sarkasmus, wenn er etwa seine Rolle im deutschen Debattenwesen charakterisiert und als aufgeklärter Muslim und Gegner des iranischen Regimes immer wieder um seine professionelle Meinung gefragt wird, was nicht wenig zum Lebensunterhalt der vierköpfigen Familie beiträgt. Seine Ironie ist so beiläufig platziert, dass ihr alles Selbstverliebte und Eitle abgeht. Sie ist eingebettet in einen nie stockenden Erzähl- und Reflexionsstrom. Manchmal laufen die Themenkomplexe parallel, manchmal kreuzen sie sich, wenn sich seine Lektüre von Hölderlins Briefen und seine persönlichen Erlebnisse spiegeln. Bei Kafkas Verhältnis zur deutschen Literatur und zum Judentum findet er genauso Ansatzpunkte für die eigene Standortbestimmung wie bei Jean Pauls Überlegungen zum Roman.

Er setzt immer mal wieder auf überraschende Übergänge. Gerade berichtet er noch von einem Trauerritual bei der Beerdigung einer aus dem Islam stammenden Freundin, da setzt ein anderer (der nicht gerade zahlreichen) Absätze ein: „Die Fruchtblase ist geplatzt.“ So führt er direkt von einem Begräbnis zum Bericht über die schwierige Geburt seiner zweiten Tochter. Allerdings wird dieses Zusammenkommen von Tod und Geburt eher reflektiert als mystifiziert. Der Autor neigt in seiner das Tempo forcierenden und nüchtern daherkommenden Prosa ohnehin nicht zum Pathos. Distanzierend wirken auch seine Anmerkungen, mit denen er diese Mixtur von Roman und Tagebuch, das sein Leben zwischen 2007 und 2011 begleitet, kommentiert. Zunächst ist es verwirrend, wie Kermani sich selbst in unterschiedlichen Rollen und Situationen beobachtet und über sich in der dritten Person schreibt, als Kermani, als Vater, Sohn, Bruder, Ehemann oder Freund. „Ich“ steht dabei für den, der schreibt – oder für das, was in ihm schreibt.

Kermani zeigt wenig Rücksicht mit sich, spart Intimes und Peinliches nicht aus. Er berichtet von Ehekrisen, von körperlichen Schmerzen und Krankheiten, klagt über die Erfolglosigkeit seiner Romane und legt sein Ringen mit „dem Verleger“ um Form und Länge seines Romans offen. Immer wieder bedenkt er das Spannungsverhältnis von Kunst und Leben. Darf der „Freund“ das schreiben, was der „Autor“ gerne schreiben würde? Die noch lebenden Figuren werden nicht mit ihrem Namen vorgestellt, sondern etwa als „der Bildhauer“ bezeichnet. Benamt werden Menschen erst, wenn sie gestorben sind. Dann wird ihnen auch – in anderer Schrift gesetzt – ein Nachruf gewidmet. Sein Werk ist, vor allem im ersten Drittel, auch ein „Totenbuch“, das seinen Freunden oder auch Opfern des iranischen Terrors gedenkt. Dabei wird der Prozess des qualvollen Sterbens unsentimental, dabei durchaus gefühlvoll, aber eben nicht gefühlig beschrieben.

Einfühlend, aber durchaus kritische Distanz wahrend beschreibt er seine Familiengeschichte, die er eng mit der Geschichte des Irans verknüpft. Als Anker dient ihm die „Lebensbeschreibung“ seines 1985 verstorbenen Großvaters, die er zitiert, ausschmückt, nachrecherchiert. Er präsentiert dabei ein Land, in dem im 20. Jahrhundert immer um eine moderne Verfassung und die Republik gekämpft wurde, in dessen Geschichte der Westen nicht immer zugunsten dieser Werte eingegriffen hat.

Mit seinem Großvater, der gläubiger Muslim und Republikaner war, stellt er einen toleranten Menschen vor, der die islamische Revolution des Ayatollah ablehnte und ganz selbstverständlich mit Andersgläubigen verkehrte. Und einen, der auch in den dreißiger Jahren seine Kinder nicht schlug – das passt nicht in das hierzulande herrschende Bild vom „typischen muslimischen“ Familienleben. Diese Passagen, die Familien- und Landesgeschichte geschickt und spannend verbinden, hätten auch als eigene Publikation erscheinen können.

Aber Kermani wollte ja einen Roman schreiben, in dem es zugeht wie im richtigen Leben. Die Hierarchie von Haupt- und Nebensachen ist eingeebnet, Alltag, Religion oder literarischer Produktion bilden ein stressiges Nebeneinander. Aber auch dieses Buch kann die Kluft von Leben und Lebensbeschreibung nicht überwinden, kann nicht verdecken, dass das sogenannte Authentische immer nur eine literarische Behauptung sein kann. Auch Kermani betreibt letztlich ein Versteckspiel, lässt offen, was an der Lebensbeschreibung autobiografisch, was fiktiv ist. Er hat das Unmöglichen versucht.