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Weltweit Die Vertreibung aus dem Paradies
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08:29 28.05.2015
Allein mit der Natur: Das Leben ist ein stiller, ruhiger Fluss für den Bauern Abga (İlyas Salman) – doch Gefahr droht. Quelle: Neue Visionen
Hannover

Ein Fluss zwischen zwei Ländern. Eine Schwemmlandinsel zwischen den Zeiten. Sonne liegt über dem Wasser, ruhig zieht ein Boot seine Bahn. Ein alter Bauer und seine 13-jährige Enkelin landen auf der Insel. Sie bauen eine schlichte Holzhütte. Sie säen Mais. Sie warten, dass die Saat aufgeht. Geredet wird kaum. Der Alte und die Junge verständigen sich mit Blicken.

So sieht der archaische Alltag in einer paradiesischen Idylle aus. Die Tage fließen so gleichmäßig dahin wie der breite Fluss zwischen Georgien und Abchasien. Ab und zu fahren Grenzpatrouillen vorbei, die Soldaten mustern das Mädchen, manche verstohlen, manche auch herausfordernd. Schüsse sind immer wieder zu hören, mal näher, mal ferner, irgendwo in den Wäldern an den Ufern.

Eines Nachts badet das Mädchen – und findet im Maisfeld einen erschöpften, verwundeten Soldaten. Sie nimmt ihn mit und pflegt ihn. Als er wieder zu Kräften gekommen ist, wirbeln sie ausgelassen über die Insel – in diesen Momenten ist „Die Maisinsel“ auch eine Geschichte vom Erwachsenwerden.

So idyllisch bleibt es aber nicht: Regisseur George Ovashvili hat eine biblische Meditation über die Vertreibung aus dem Paradies inszeniert – ein Gleichnis auf die menschliche Natur und ein Plädoyer für das friedliche, ethnische Zusammenleben. Er braucht dafür in seinem Film, der jüngst erst für den Oscar nominiert war, nur ganz wenige Sätze. Wichtig sind Blicke, Gesten – das Bestellen des Landes, der Einklang mit der Welt ringsum.

Bedrohung schleicht heran

So erzählt Ovashvili sein Drama vor allem visuell in einem Strom ruhiger Bilder. Die ständige Bedrohung wird trotzdem spürbar. Ganz allmählich, ganz langsam schleicht sie sich in die Schönheit dieses trügerischen Garten Eden ein. Nicht nur von den Soldaten, die eines Tages auf der abgelegenen Insel landen, droht Gefahr, sondern auch von einem Himmel, der sich eines Tages drohend und dunkel über dem satten Grün der Bäume und dem Graublau der Fluten zuzieht. Schließlich öffnen die Wolken ihre Schleusen. Der große Regen beginnt.

Der Georgier George Ovashvili taucht nach seinem Film „Das andere Ufer“ (2009) erneut in die georgisch-abchasischen Spannungen ein, verlässt diesmal jedoch die Beschreibung einer bedrückenden Kriegswirklichkeit, die Familien zerreißt und Seelen zerstört. Er erzählt eine Parabel vom ewigen Kreislauf des Lebens in unruhigen Zeiten und vom ewigen Ringen des Menschen mit den unberechenbaren Elementen. Eine ebenso betörende wie verstörende Ballade ist dies.
Der Regisseur malt mit der Kamera und schaut dabei auch sehr genau hin. Diese  Kunst gehört schon lange zur georgischen Kinematografie, nicht erst seit den barocken Bilderwelten eines Sergej Paradschanow. Der 52-jährige George Ovashvili steht zweifellos in dieser Tradition.

So ist das stille Kinodrama „Die Maisinsel“ eine Bestätigung der poetischen Kraft eines lyrischen Erzählkinos, das es auf den hiesigen Leinwänden nur noch selten gibt.

Die Maisinsel, Regie: George, Ovashvili, 100 Minuten, FSK 0 - Künstlerhaus

Von Norbert Wehrstedt

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