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Weltweit Neue Musik: Neue Alben von Andreas Dorau und Mine
Nachrichten Kultur Weltweit Neue Musik: Neue Alben von Andreas Dorau und Mine
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10:00 29.06.2019
Passen nicht ins Format: Mine und Andreas Dorau machen Pop jenseits des Radio-Einerleis. Quelle: Montage: RND, Fotos: Simon Hegenberg, Soenke Held, RND
Hannover

Jasmin „Mine“ Stocker staunt. Über ihren eigenen Erfolg. „Total krass, was da passiert“, sagt sie ein paar Tage nach ihrem Konzert in Hannover am Telefon. So krass, dass inzwischen sogar Crowdsurfing möglich ist. Sie wollte das schon immer mal ausprobieren.

Jetzt kann sie das, weil mehr als genug Fans da sind, um sie aufzufangen, wenn sie in die Menge taucht. Mine genießt die zwei, drei Minuten auf dem Ozean aus Händen. Sie singt dabei weiter. Ihre Stimme schwappt leicht über. Durch das Anfassen, durch die vielen Menschen, die sie auf dieser Tour halten, spürt sie die neue Dimension ihrer Popularität am ganzen Körper.

Die 33-Jährige, die in der Nähe von Stuttgart aufwuchs und heute in Berlin lebt, macht von Synthesizern geprägten, wundersamen Pop. Leuten, die in den Achtzigerjahren groß geworden sind, klingt solche Musik vertraut. Hin und wieder muss man an die späten Queen denken. Gern benutzt sie ausgefallene Instrumente wie Philicorda, eine der ersten elektrischen Heimorgeln, oder Omnichord, eine Mischung aus Keyboard und Zither. Mine gelingt dabei etwas ganz Besonderes: ein zuversichtlicher Mix aus Melancholie und Tanzen.

„Ich hab mit Verstehen angefangen“

Mine ist Absolventin der Popakademie Baden-Württemberg. Ihren eigenen Sound, ihre eigene Stimme hätte sie aber auch so gefunden, sagt sie. Dafür lernte sie in Mannheim, wo zum Beispiel auch Konstantin Gropper von Get Well Soon studierte, das Arrangieren und Produzieren, und sie traf dort ihren heutigen Manager.

„Ich hab mit Verstehen angefangen. Wie die Sicht auf Dinge wirklich Dinge ändern kann“, singt sie auf ihrem aktuellen, dritten Studioalbum „Klebstoff“. Viele ihrer autobiografischen Songs wirken wie das stolze Ergebnis einer Therapie, als würde sie Heilungserfolge verkünden.

„Ich habe das Gefühl, dass ich mich ein bisschen verstanden habe“, sagt sie. „Denn ich bin das Puzzle, du nur ein mieses Stück“, beschreibt sie sich und ihre Ängste in „Guter Gegner“. Das Bild, dass ein Mensch aus vielen verschiedenen Teilchen besteht, passt gut zu ihrer komplexen Musik.

„Total krass, was da passiert“: Mine ist überrascht – und begeistert – vom Erfolg ihrer wundersamen Musik. Quelle: Mine

Die Möglichkeit, eigene Verhaltensmuster oder Denkweisen zu korrigieren und dadurch glücklicher zu werden, sieht sie als Privileg ihrer Generation. Sie kenne viele Selbstjustierer, erzählt sie. In der Generation ihrer Eltern hätten viele diese Chance nie bekommen.

Für Kinder von Kriegskindern waren andere Dinge wichtiger, als psychische Probleme zu behandeln: Arbeit, Essen, Wohnung. „Du kaust noch immer auf deinen Steinen, ich habe meine ausgekotzt“, singt sie. Das Lied heißt „Vater“.

Für ihre Mutter, die vor anderthalb Jahren starb, singt sie den Titelsong „Klebstoff“.„Ich war die ganze Zeit bei ihr, ich habe sie auf ihrem Weg begleitet“, erzählt sie, und doch quälten sie Schuldgefühle. Die Endgültigkeit ließ sie verzweifeln. Sie glaubt, dass es den meisten Menschen, die zurückbleiben, so geht wie ihr, dass sich viele fragen: Habe ich genug getan? Habe ich genug geliebt? Das Lied ist herzergreifend. Mit ihrem Synthesizer malt die Musikerin Wolken, Wind und Himmel. Es ist ein Mutmachen auf die subtile Art.

Protokoll einer Selbstbefreiung

Mine liebt Kooperationen. Bei „Schwer bekömmlich“ lässt sie gleich drei ihrer Hip-Hop-Helden die Strophen rappen: Haller, Bartek und Dissy. „Alles wird gut, sagt Mark Forster, doch das wird übertönt von meinem Subwoofer. Ich bin nicht glücklich, doch es fehlt mir an nichts. Ich bin ein Mittelwegextremist“, rappt Dissy.

Mine weiß aus eigener Erfahrung, dass nicht immer alles gut wird, und schon gar nicht von allein – auch wenn manche Schlagerschwindler das Gegenteil suggerieren. „Klebstoff“ ist das Protokoll einer Selbstbefreiung. „Man sollte versuchen“, sagt die Musikerin, „der bestmögliche Mensch zu sein.“

Mine: Klebstoff Quelle: Label

Lieder wie Mountainbiken ohne Berghochfahren

„Wozu braucht man Strophen?“, hat sich Andreas Dorau gefragt und ein Album ganz ohne aufgenommen. „Das Wesentliche“ nannte er sein Re­frainprojekt. „Schwierigkeiten, Schwierigkeiten, von hier, von dort, von allen Seiten. Schwierigkeiten, Schwierigkeiten, mich heute durch den Tag begleiten“, singt die Popalternative aus Hamburg beispielsweise in dem Lied „Schwierigkeiten“.

Um welche Schwierigkeiten es sich handelt, bleibt offen. Denn „Deutungsmöglichkeiten“, wie der 55-Jährige Strophen nennt, gibt es nicht. Die Lieder sind entsprechend kurz. Sie wirken wie Mountainbiken ohne Berghochfahren. Muss man sich Refrains nicht erarbeiten, damit man sie genießen kann?

„Nö“, antwortet er beim Telefoninterview, „Musik ist doch keine Strafe, auch keine Religion, wo man erst essen darf, wenn man fünfmal um die Kirche gelaufen ist.“ Laut Presseinfo soll er schon als Kind die Nadel seines Dual-1224-Schallplattenspielers immer zu den Refrains geschoben haben. Zum Ärger seiner Schwester, der die Sparks-, T-Rex- und Beatles-Singles gehörten.

Subversiver Humor und Musik voller Ironie

Ein Sinn für Doraus bisweilen subversiven Humor ist hilfreich, um seine minimalistische, lakonische Musik voller Ironie und Bontempi-Plastikbeats gut zu finden. Das Konzept erinnert an Trio. „Da-da-da, ich lieb dich nicht, du liebst mich nicht, aha“, hat die Band aus Großenkneten bekanntlich gesungen.

Bei Dorau heißt es: „Gebrauchtes Herz, günstig zu verkaufen, etwas lädiert vom öfter mal Saufen.“ Solche Zeilen haben echte Relativierungskraft. Sie relativieren Sorgen und Schmerz, nehmen beidem das Ultimative, diese schreckliche Bedeutsamkeit. Humor schafft Distanz.

Doch wer ist eigentlich dieser Dorau? Für die, die den Namen noch nie gehört oder vergessen haben, ein kurzer Rückblick: Als 17-Jähriger landete er 1981 mit „Fred vom Jupiter“ einen Hit der zunächst rebellischen, schnell aber ziemlich kommerziellen Neuen Deutschen Welle.

„Musik ist doch keine Strafe“: Andreas Doraus Alben sind subversiv, ironisch-kitschig und voller Hits. Quelle: Dorau

Sehr bald schon, erzählt Andreas Dorau, habe er „ein gespaltenes Verhältnis“ zu seinem Lied entwickelt, das er mit vier jüngeren Mitschülerinnen, allesamt „Star Wars“-Fans, während einer Projektwoche an seiner Schule geschrieben hatte. Denn mit dem „NDW-Idioten-Kram“ wollte er nichts zu tun haben.

Zu seinem Leidwesen haftet das NDW-Etikett bis heute an ihm, obwohl er die Indie-Idee nie verraten hat und anders als Hubert Kah, Markus oder Frl. Menke in regelmäßigen Abständen künstlerisch hochwertige Musik herausbringt. In Frankreich landete er 1996 mit dem smoothiegen „Girls in Love“ sogar einen Top-Ten-Hit. Mit seiner vorletzten Platte „Die Liebe und der Ärger der anderen“ stieg er vor zwei Jahren erstmals in die Albumcharts ein.

Auflehnung gegen Radio-Schlagerpop

„Das Wesentliche“ ist voller Hits, voller Süße, voller Lust auf Tanzen. Der Song, um den ihn alle Songwriter beneiden werden, heißt „Was immer du auch vorhast“. „Was immer du auch vorhast, lass es bitte sein, die Welt ist meistens ungerecht, brutal und gemein.“ Das Lied ist ein Löwe im Antilopenfell, der opulente Schwarzwälderkirschsound nur eine Finte.

Dorau lehnt sich auf gegen den das Radio dominierenden harmlosen Schlagerpop. „Es wimmelt nur so von Mutmachstücken. Ich finde das teilweise verantwortungslos“, sagt er. „Diese Lieder sind textlich schlimmer als jeder Fünfzigerjahreschlager“, schimpft er. „Phrasendrescherei“, „flacher geht’s nicht“, „dumpfeste Emotionskacke“. Er hält mit einem Entmutigungsstück dagegen.

Doch Doraus Protestballade hat eine wunderbare Doppelwirkung: Für Freds vom Jupiter, für Menschen, die sich außerirdisch fühlen in einer Welt voller Schwierigkeiten, für Eckensteher im Chaos kann sie total tröstlich sein. Genial.

Andreas Dorau: Das Wesentliche Quelle: Label

Von Mathias Begalke

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