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Weltweit Neuer Film mit Harry Potter feiert Weltpremiere
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20:14 12.11.2010
Von Stefan Stosch
Daniel Radcliffe, Emma Watson und Rupert Grint (v.l.) bei der Weltpremiere von „Harry Potter und die Heiligtümer des Todes“.
Daniel Radcliffe, Emma Watson und Rupert Grint (v.l.) bei der Weltpremiere von „Harry Potter und die Heiligtümer des Todes“. Quelle: dpa
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Der Auserwählte ist wieder im Kino, zum siebten Mal nun schon. Noch immer hadert er mit seinem Schicksal. Ein kleines bisschen jedenfalls: Denn wer sich auch nur in seine Nähe begibt, der muss sich womöglich opfern, damit Harry Potter weiterleben kann. Das geschieht mehrmals im neuen, düsteren Potter-Film, der mit der Fress­attacke einer Riesenschlange beginnt und mit einen triumphalen Zauberblitz im Nachthimmel endet und der vor allem von der erstarkten Macht des Bösen kündet.

Eigentlich müssten Harry Potter (Daniel Radcliffe) und seine Freunde Hermine Granger (Emma Watson) und Ron ­Weasley (Rupert Grint) im siebten Film die Entscheidung im Kampf gegen den bösen Lord Voldemort suchen – so wie es auch im siebten und letzten Band „Harry Potter und die Heiligtümer des Todes“ von Joanne K. Rowling der Fall ist. Für die Schauspieler ist das Duell gegen Voldemort tatsächlich schon gelaufen. Die Dreharbeiten des gesamten „Potter“-Finales sind beendet, die Abschiedstränen der Darsteller nach zehnjähriger gemeinsamer Arbeit wieder getrocknet und die Souvenirs bereits verteilt: Daniel Radcliffe hat seine berühmte Brille mit nach Hause genommen, Emma Watson ihren Zauberstab. Das war’s mit „Potter“.

Dem Publikum wird der Showdown jedoch noch bis zum Juli 2011 vorenthalten. Die Kinoproduzenten haben „Harry Potter und die Heiligtümer des Todes“ in zwei Teile aufgesplittet, so ähnlich wie Lord Voldemort seine Seele zerstückelt und versteckt hat, um Unsterblichkeit zu erlangen. Beinahe zweieinhalb Stunden lang jagen Harry und Co. nun den sogenannten Horkruxen hinterher, ohne ihrem Ziel entscheidend näher zu kommen. Angeblich war die Teilung des Films nötig, weil sich die überbordende Handlung nicht auf einen Kinoabend verdichten ließ. Weniger Wohlmeinende sprechen von dem dreisten Versuch, kurz vor Schluss noch einmal doppelt abzukassieren.

Regisseur David Yates – erprobt schon durch zwei frühere „Potter“-Filme – hat immerhin einen Vorteil bei seiner notgedrungenen Hängepartie mit Harry: Er kann sich Zeit lassen – zumal es auch mit dem Internatsleben in Hogwarts vorbei ist. An Unterricht ist überhaupt nicht mehr zu denken.

Das Böse hat nach dem Tod von Rektor Albus Dumbledore begonnen, die Herrschaft im Land an sich zu reißen. Unsere drei Freunde sind mehr noch auf der Flucht vor Voldemort als auf der Jagd nach ihm. Und sie sind bald schon ganz auf sich allein gestellt, egal ob sie sich in der Welt der Zauberer oder in jener der Muggel, also der Menschen, bewegen – die Grenze dazwischen spielt keine Rolle mehr.

Yates macht das Beste aus seiner Freiheit. Waren die Regisseure sonst zumeist Getriebene, die dem Geschehen hinterherhetzten, kann er sich nun ausgiebig in Details vertiefen. Die Lagebesprechung der Bösen zu Beginn beispielsweise ist ein Genuss: So gefährlich war Voldemort (Ralph Fiennes), der Mann mit der ­Nasenschlitz-Visage, noch nie. Sogar seine eigenen Anhänger zittern vor ihm – und so eiskalt hat Voldemort auch noch nie gemordet.

Sehr hübsch: In einer Art Scherenschnittmärchen wird erzählt, was es mit den titelgebenden Geheimnissen des Todes tatsächlich auf sich hat. Und trotzdem bleibt noch Gelegenheit für humoristische Einsprengsel, sogar für Beziehungsplänkeleien zwischen Hermine und Ron. Letzterer darf von Lichtkugeln schwadronieren, die sein Herz berührt hätten. Potter sitzt grinsend dabei.

Allerdings scheint der Regisseur auch sehr genau auf die Konkurrenz geachtet zu haben. Der eine oder andere blasse Fiesling sieht so aus, als hätte er noch eine Nebenbeschäftigung als „Twilight“-Vampir. Manche der im Kino momentan so beliebten Zombies sind hier womöglich recycelt worden.

Was an eindeutiger künstlerischer Handschrift fehlt, wird aufgewogen durch eindeutige historische Bezüge: Man fühlt sich durchaus an Nazi-Propaganda erinnert, wenn hier „Zauberer mit reinem Blut“ die anderen ausgrenzen. Diskriminierung, Terror, Folter: Alles gehört zum Programm. Es werden sogar Totenlisten im Radio verlesen wie in einem richtigen Krieg. Und Hermine bekommt das Wort „Mudblood“ – Schlammblut – in den Arm geritzt.

Hermine ist überhaupt die entscheidende Figur innerhalb des Heldentrios – und eindeutig die Kluge zwischen zwei (gelegentlich) rechten Stoffeln. Aber so ist ihre Figur ja auch schon im Roman angelegt. Neu im Film ist allerdings, dass die anrührendste Szene der Tod des Elfen Dobby ist. So kann’s kommen, wenn sich ein Regisseur die Höhepunkte fürs nächste Mal aufsparen muss.

Vielleicht aber sind die „Potter“-Fans sogar froh über die Streckung des Stoffs. Nun können sie noch ein gutes halbes Jahr länger mit Harry Potter leben – und damit an einem der liebsten Begleiter ihrer Kindheit festhalten. Der Generationenbegriff, der heute ja ziemlich inflationär verwendet wird, hat in diesem Fall seine Berechtigung: Es gibt tatsächlich die Generation Harry Potter. Die heute 20-Jährigen haben mehr als die Hälfte ihres Lebens mit dem Zauberschüler verbracht – so wie auch die Schauspieler selbst: Hauptdarsteller Daniel Radcliffe ist heute 21. Als er zwölf war, kam der erste Band „Harry Potter und der Stein der Weisen“ ins Kino. Das Buch erschien bereits 1998 in Deutschland.

Im nächsten Sommer ist mit dem achten Film definitiv Schluss – sofern sich Autorin Rowling nicht doch noch zu einer Zugabe hinreißen lässt. Andeutungen hat sie ja zwischendurch gemacht. Regisseur Yates verspricht, dass das Ende des „Potter“-Abenteuers „weniger ruhig und viel spektakulärer“ ausfallen werde. Hoffentlich ist das nicht als Drohung zu verstehen: Gerade der gelassene Erzählton ist das Besondere an seinem Film.

„Harry Potter und die Heiligtümer des Todes, Teil 1“ ist ab kommenden Mittwoch als Preview und ab Donnerstag regulär im Cinemaxx Nikolaistraße und Cinemaxx Raschplatz, im CineStar Garbsen und im Utopia zu sehen.