Menü
Göttinger Tageblatt / Eichsfelder Tageblatt | Ihre Zeitung aus Göttingen
Anmelden
Weltweit Endstation Sehnsucht
Nachrichten Kultur Weltweit Endstation Sehnsucht
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
15:34 17.04.2019
Gestorben: Cranberries-Sängerin Dolores O‘Riordan. Quelle: Andy Earl
Anzeige
Hannover

„Hätte es sich nach ein, zwei Wochen falsch angefühlt“, sagt Noel Hogan, „dann hätten wir das Studio wieder verlassen und das Ganze vergessen.“ Der irische Songwriter und Gitarrist wirbt am Telefon für „In the End“, das achte Studioalbum seiner Band The Cranberries, das am Freitag (26. April) erscheint.

Nichts ist diesmal wie bei den sieben Alben davor, denn „In the End“ wird das letzte Werk der 1989 in Limerick gegründeten Cranberries („Zombie“) sein. Sängerin Dolores O’Riordan ertrank am 15. Januar 2018 während der Zeit der Aufnahmesessions in einer Badewanne in London. „In the End“, das elf melodieschöne Indiepop-Songs auflistet, ist vor allem ein Denkmal für Dolores. Cranberries-Fans freuen sich über ein Fest der Melancholie, über „All Over Now“ mit seinen klingelnden Cure-Gitarren, über das rockige, zugleich kinderliedhafte „Got It“, den folkigen „Summer Song“ und „Illusion“, das so sanft ins Ohr fließt wie ihr früher Hit „Linger“.

„Am meisten vermisse ich meine Freundin“

„Es ist immer noch schwer“, bekennt Hogan am Telefon mit trauriger Stimme. Über all die Jahre hatte vor allem er als Komponist eng mit O’Riordan, die für die Texte verantwortlich war, zusammengearbeitet. Sie fehle ihm in all den Routinen, die vor der Veröffentlichung einer Platte so anstehen, sagt er, aber „am meisten vermisse ich meine Freundin“.

Eine Band aus Freunden, das seien die Cranberries immer gewesen. „Wir hatten unsere Hochs und Tiefs wie jede Band, das läuft ab wie in einer Familie“, sagt Hogan. „Aber die meiste Zeit über waren wir zusammen in dieser wunderbaren Sphäre, gemeinsam Musik zu erschaffen, dieses Ding namens Cranberries zu leben.“

Unfall unter Alkoholeinfluss

Sofort gab es Selbstmordspekulationen, die auch nicht abrissen, als der Polizeibericht O‘Riordans Tod als Unfall unter Alkoholeinfluss auswies. In einem Interview mit der britischen Tageszeitung „The Independent“ hatte sie 2014 nach dem „Flugzwischenfall“, bei dem sie eine Stewardess verletzt und einen Polizisten angespuckt hatte, über ihre „Dämonen“ gesprochen – über sexuellen Missbrauch in ihrer Kindheit, über ihre bipolare Störung, die Ups und Downs, den Alkohol, ihre Scheidung von Ehemann Don Burton, die Trennung von ihren Kindern Taylor, Molly und Dakota, die zum Vater nach Kanada zogen und einen Suizidversuch.

„Jeder war jetzt plötzlich ihr bester Freund gewesen, ihr größter Unterstützer. Leute, die sie nie getroffen hatten, wussten angeblich alles über Dolores, und natürlich auch, dass sie sich umgebracht hatte.“ Hogan muss sich sammeln, das Weitersprechen fällt ihm schwer. „Alles Menschliche fehlte diesen Kommentaren. Dass sie jemandes Tochter war, jemandes Mutter, dass man diejenigen verletzen würde, die sie wirklich kannten – all das schien diesen Leuten egal. Das hat mich schon sehr wütend gemacht.“

Mögliche Zukunft mit ihren Kindern

In ihren letzten Songs schrieb sich O’Riordan ihre Dämonen von der Seele. „Sie war über den Berg, es ging ihr besser, sie war voller Optimismus“, berichtet Hogan, „Sie wollte unbedingt dieses Album machen, sie sagte mir immer: ,Ich habe so viel zu erzählen‘. Ich konnte gar nicht Schritt mit ihr halten. Es sprudelte nur so aus ihr heraus und sie rief mich ständig an, um neue Musik von mir einzufordern. Das Album war eine Therapie, ein Abschluss, um neu beginnen zu können“

O’Riordan erzählt von Verzweiflung („Catch Me if You Can“), Einsamkeit („The Pressure“), Desillusioniertheit („In the End“), was neues Wasser auf den Mühlen der Suizidauguren sein könnte. In der Akustikballade „A Place I Know“ allerdings singt sie von einer möglichen Zukunft mit ihren Kindern: „Es tut mir leid, dass ich euch verlassen habe.“ Sie lebte zuletzt in New York, um näher bei ihrer Familie sein zu können. „Es ist nicht fair, was passiert ist“, sagt Hogan, „dass jemand, der sich durch all das gekämpft hat, gehen muss, als alles gut zu werden scheint.“

Als Geist zurückgekehrt

Viel Schönes habe man weglassen müssen, Songs, die nur Stückwerk waren, aber auch Songs, bei denen nur noch winzige Teile fehlten. „Klar hätten wir das zurechtmixen können“, sagt Hogan, „aber wenn wir das gemacht hätten, wäre Dolores gewiss als Geist zurückgekehrt, um uns heimzusuchen.“

„Was uns wirklich fehlen wird, ist die aufregende Verwandlung von Studiosongs in Liveversionen zu erleben.“ Sehnsucht ist in Hogans Worten zu hören. „Ich würde lügen, würde ich sagen, ich hätte nie daran gedacht, dieses Album live zu spielen auf irgendeine Weise und sei es nur in einem einzigen Konzert.“ Ein Seufzer an der Endstation. „Es ist sehr hart, der Musik den Rücken zuzukehren. Es macht mir Angst, fühlt sich fremd an. Es ist das, was wir getan haben, seit wir die Schule verließen. Ich weiß nicht was passieren wird. Was zumindest nie und nimmer passieren wird, sind Auftritte mit einem Dolores-Hologramm. Das hat uns tatsächlich jemand ernsthaft vorgeschlagen.“

Spätestens dann wäre Dolores O’Riordans Geist wohl tatsächlich zur Stelle.

The Cranberries: „In The End“ (BMG Rights/Warner), erscheint am 26. April

Von Matthias Halbig

In ihrem neuen Buch „Adieu Liberté – Wie mein Frankreich verschwand“ beschreibt die in Paris lebende Deutsche Romy Straßenburg eine Generation ohne Gewissheiten und die Veränderungen der Stadt nach den Terroranschlägen.

17.04.2019

Historische Aufklärung mit den Mitteln des Mainstreams: Im Drama „Der Fall Collini“ (Kinostart am 18. Mai) streift ein Kinoliebling die Anwaltsrobe über, mit dem man in dieser Rolle nicht unbedingt gerechnet hätte: Elyas M’Barek.

17.04.2019

Eine elegisch gefilmte Liebe zwischen den Systemen im Kalten Krieg, eine amüsante Nick-Hornby-Komödie über das Missverhältnis zwischen Fan-Verehrung und Wirklichkeit, und ein wahres Märchen aus einem in eitler Selbstbespiegelung versunkenen Land: die DVD-Tipps von Stefan Stosch.

16.04.2019