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Weltweit Das Publikum muss selber aktiv werden
Nachrichten Kultur Weltweit Das Publikum muss selber aktiv werden
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00:15 13.11.2015
Von Stefan Arndt
Bei ihrer Reise durch den Ballhof entdecken die Zuschauer die unterschiedlichsten Facetten der Liebe.  Quelle: Thomas M. Jauk
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Hannover

Was ist wahre Liebe? Gemeinsam kochen, gemeinsam „Tatort“ schauen und gemeinsam Zähne putzen? Oder steckt vielleicht doch ein Drama darin? Schließlich können Gewohnheiten schnell zu schlechten Angewohnheiten werden. Ein Leben in der Wiederholungsschleife muss nicht unbedingt Ruhe und Sicherheit vermitteln. Es kann auch furchtbar nerven. Genau wie das Theater.

Im hannoverschen Ballhof Eins, wo jugendliche Darsteller der Jungen Oper diese einfache Antwort auf eine große Frage gegeben haben, wird sie den Besuchern gleich um die Ohren gehauen. Kochen! „Tatort“ schauen! Zähne putzen! Immer wieder blaffen die Befehle aus dem Megafon, und das Publikum muss imaginäre Kochlöffel, Fernbedienungen und Zahnbürsten in Bewegung setzen. Je dringlicher die Aufforderungen klingen, desto sinnloser sind sie. Die Liebe, die sie doch herbeirufen sollen, ist längst über alle Berge. Was bleibt, ist quälende Routine und Zeit, die nicht vergehen will: Wann bloß ist das hier zu Ende?

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Regisseur mutet dem Publikum einiges zu

Regisseur Martin G. Berger, der die Jugendproduktion „Orlando“ mit Musik von Händel (nach der Vorlage von Ludovico Ariostos mittelalterlichem Epos vom „Rasenden Roland“) in Szene gesetzt hat, mutet seinem Publikum einiges zu. Der 28-Jährige bringt das Theater ganz nah ran an die Zuschauer. Einmal trennt einen Besucher nur noch ein einziger Zentimeter vom Gesicht einer Darstellerin. Unbeteiligt kann hier keiner bleiben.

Nach einem kurzen, vergleichsweise konventionellen Vorspiel im Theatersaal wird das Publikum kreuz und quer durch den Ballhof geschickt. In verschiedene Gruppen aufgeteilt erlebt es unterschiedliche kleine Liebesszenen. Neben den Profis vom Ensemble der Jungen Oper bewähren sich dabei auch rund 30 Jugendliche als teilweise beeindruckend intensive Darsteller. In einer engen Garderobe wird einem der Kummer einer frisch Verlassenen (sehr) nahe gebracht, man wird Zeuge einer Eifersuchtsszene unter Flüchtlingen und darf hinter dem Pult des Inspizienten Käsebrote schmieren. Im Foyer muss man eine Zeitlang den scheinbar ewigen Kreislauf aus Kochen, „Tatort“, Zähneputzen aushalten.

Eine verkehrte Opernwelt: Zuschauer hocken auf der Bühne

Trotz der furiosen Choreografie, mit dem der Regisseur die einzelnen Gruppen in hohem Tempo durch das Gebäude schleust, vergisst er nie, dass er vor allem ein Stück Musiktheater inszeniert. Ob man Armida begegnet, die in ihrem Zaubergarten einem selbstbestimmten Sexleben nachgeht (die Produktion ist für Jugendliche ab 14 Jahren geeignet), oder am Ende auf den Mann im Mond trifft: Immer wird auf erstaunlich selbstverständliche Weise gesungen.

Berger hat sich geschickt bei ganz unterschiedlichen Händel-Werken bedient, die er mit neuen Texten versehen hat. Kaum eine Musik passt besser zu Angelica, der Figur, auf die hier alle Liebe projiziert wird und nach der alle Figuren und mit ihnen das Publikum das ganze Stück über suchen, als Kleopatras Verführungsarie aus „Julius Cäsar“. Die Mitglieder des Staatsorchesters unter Leitung von Siegmund Weinmeister begleiten dabei so souverän und gelassen, wie sie sich auch von Zeit zu Zeit in die Szene einbinden lassen.

Zum Finale sitzt das Orchester in den letzten Reihen des Zuschauerraums, die Zuschauer hocken auf dem Bühnenboden: Eine verkehrte Opernwelt, die sich hier genau richtig anfühlt. Regisseur Berger, der das Ende seiner Regieassistenz an der Staatsoper Hannover in der vergangenen Saison mit einer eigenen „Fledermaus“-Inszenierung krönte und nun frei arbeitet, gehört zu den wenigen Regisseuren, die die Lust, den Mut und die Fantasie haben, Musiktheater neu zu denken. Gern würde man ihm künftig öfter dabei zuschauen.

"Orlando" ist am 12., 18., 21., 26. und 28. November wieder im Ballhof zu sehen. Karten gibt es unter Telefon: (05 11) 99 99 11 11.

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