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Weltweit Party für eine allzu brave Popikone: Micky Maus feiert 90. Geburtstag – eine Gratulation
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07:30 17.11.2018
Micky wird 90: Partys in 13 Themenparks weltweit. Quelle: imago stock&people
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Hannover

Schlimm, diese Lehrerlieblinge, die immer alles wissen. Diese klugscheißenden, humorlosen Musterknaben. Nehmen wir zum Beispiel Micky Maus. Wenn Micky wieder auf irgendeiner Südseeinsel vor irritierten Kannibalen im Bananenröckchen die Vorzüge der Westkultur preist oder in Entenhausen Detektiv spielt, dampfend vor Ehrgeiz wie eine Ballerina, dann möchte man ihm am liebsten eine Stinkbombe in die Aktentasche stecken. Mach dich mal locker! Kreuzbrav, bieder, funktionell – das ist Micky. Der Coole dagegen, der mit der schrundigen, menschlichen, herzenswarmen Seele im Disney-Kosmos – das ist natürlich Donald Duck. Micky wird respektiert. Er trägt immerhin eine Hose. Dem alleinerziehenden, hosenlosen Erpel ohne Genitalien dagegen fliegen die Herzen zu.

Und dennoch: Irgendwas muss dran sein an dieser seltsamen Maus. Die Silhouette ihres Kopfes ist eine der bekanntesten Ikonen der Welt. Ein großer Kreis, zwei kleine – die berühmtesten Ohren des Planeten, noch vor Prinz Charles und Mr. Spock. Die Maus ist Symbolfigur eines Weltkonzerns, der aus den blütenweißen Sentimentalitäten eines rechtskonservativen Antiintellektuellen aus dem Mittleren Westen namens Walter Elias Disney ein Milliardengeschäft machte. Am Sonntag feiert Micky Maus den 90. Geburtstag. Der Konzern begeht das Wiegenfest bereits mit einem Pop-Up-Museum in New York (Eintritt: 38 Dollar), mit globalen Sonderausgaben, mit mehr als 30 Büchern, Kooperationen mit Designerstars wie Marc Jacobs sowie Partys in allen 13 Themenparks von Orlando bis Schanghai.

Micky Maus: Vom Anarcho zum Biedermann

Die Legende will, dass Walt Disney die Idee seines Lebens auf einer langen Zugfahrt hatte. Plötzlich habe er sie vor sich gesehen, sagte er später, „diese neckische, fröhliche Gestalt mit Samthose und Perlaugen“. „Mortimer“ sollte sie zunächst heißen – nach einer Maus, die sich Disney in Kansas gehalten hatte. Doch seiner Frau Lillian erschien der Name „zu prätentiös“. „Call him Mickey“, soll sie gesagt haben.

Noch fast rattenhaft und anarchisch kurbelte dieser „Mickey“ dann am 18. November 1928 bei der Weltpremiere des achtminütigen Cartoonfilms „Steamboat Willie“ im New Yorker Colony Theatre am Steuerrad herum. Es war der erste Zeichentrick-Tonfilm der Filmhistorie, mit einem brauseköpfigen Soundtrack aus Kuhglocken, Bratpfannen, Kastagnetten und Pauken. Erst später schliff Disney – getrieben von tugendsamen Elternverbänden – die Figur zum artigen Biedermann.

So sah der erste Micky in „Steamboat Willie“ aus. Quelle: Disney/dpa

Und um Mickey herum wuchs Walts Wunderwelt. Bei Disney waren die Zaunpfähle stets knubbelig, die Mexikanerhüte riesig, die Gags simpel, die Tiere großäugig und die unschuldigen Geschichten frei von jeder Selbstironie – eine ganz und gar unzweideutige Zuckerwelt, geschaffen von einem Mann, der von der Verlängerung der Kindheit bis zum Tod träumte. Der im eigenen Garten gern auf einer mannsgroßen Eisenbahn mit Ölkännchen und Lokführermütze im Kreis fuhr und in Tränen ausbrach, wann immer das Lied der Vogelfrau aus „Mary Poppins“ erklang. Das Konservative, also wörtlich „das Bewahrende“ war sein Lebensthema. „Ich bin Folklore“, sagte er einmal. „Ich bin Apfelkuchen, Vanilleeis, Popcorn und ein Lied, das jeder summt. Und Mickey Mouse ist mein Prophet.“

Wunderwelt-Prophet mit Millionen Facebook-Followern

Dieser „Prophet“ wurde ein Weltstar mit heute 14,2 Millionen Facebook-Followern. Königin Mary verpasste einst den Fünfuhrtee, weil sie das Ende eines Micky-Films abwarten wollte. Benito Mussolini, Joseph Goebbels und Adolf Hitler liebten Mickey gleichermaßen. Archaische Völker benutzten Micky-Maus-Amulette zur Abwehr böser Mächte. Nur in Russland fand Micky im Kalten Krieg keine Gnade. Dort erfand man als Gegenheld ein Stachelschwein namens Yozh mit deutlich marxistisch-leninistischer Grundhaltung.

Micky Maus wurde zum Sinnbild des Disney-Konzerns – in Tokio feiert Disney die Comicmaus mit einer Installation in 90 Farben. Quelle: action press

Doch der Konzern hat ein Problem. Nicht nur, dass seine Maus sich schwer tut in der Flut aktueller Cartoonhelden, die in die Kinderköpfe drängen – von den „Paw Patrol“-Hündchen bis zu Peppa Wutz und Feuerwehrmann Sam. Viel schlimmer: In fünf Jahren läuft das Copyright aus. Mehr als drei Milliarden Dollar pro Jahr setzt Disney allein mit Merchandising um. Die Maus macht mobil. Wenn die Armee der Disney-Anwälte keine Lösung findet, dürfte jede Firma der Welt dann ein Micky-Bild auf Limonadenflaschen, Bettwäsche und – Gott bewahre – auch Zigaretten und Wodkaflaschen pappen. Es wäre das Gegenteil von Disneys altem Traum vom Imperium des Glücks. Zur Aufrechterhaltung der moralischen Balance könnte Mickey dann ja wenigstens endlich seine Minnie heiraten (trotz der schlimmen Pumps). Es wäre wirklich mal Zeit, nach 90 Jahren wilder Ehe.

Von Imre Grimm / RND

Aus Gründen, die sich mir als Körpermodifizierungsskeptiker nicht erschließen, verwenden Menschen allerhand Zeit, Geld und Schmerz darauf, sich dauerhaft beschriften zu lassen.

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