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Weltweit Passion des Sammelns
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20:30 11.09.2013
Für Durchblicker: Bibliothek von Friedrich Culemann, dessen Sammlung mit der August Kestners den Grundstock des Museums bildete. Quelle: Rainer Dröse
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Hannover

Wie fein ziseliert sich der Reichtum ziert - das ist über Jahrhunderte hinweg an der Vielfalt von Goldmünzen in den hohen Glasvitrinen zu erkennen. Welch kühner Schwung einst die Air France beflügelte - das war vor 40 Jahren schon dem Design ihres Bordbestecks anzusehen. Wie weit die Katzenverehrung im alten Ägypten ging - das lässt eine sorgsam vernähte und verzierte Tiermumie aus dem siebten vorchristlichen Jahrhundert ahnen.

All diese und noch viel mehr Exponate sind jetzt in den neuen Schaumagazinen des Museums August Kestner zu bestaunen. Und das dichte Nebeneinander von Sammlerstücken aus drei Jahrtausenden, aus sakralen und profanen Lebenswelten, aus Orient und Okzident, zeugt ebenso von der großen Vielfalt dieses Museums wie von den großen Problemen, die damit einhergehen.

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„Bürgerschätze“ heißt die gestern eröffnete Schau. Eine Sonderausstellung über das „Sammeln für Hannover“ ist das gleich in mehrerem Sinne. Denn das älteste hannoversche Museum bietet damit nicht nur eine Bestandsaufnahme, es bezieht - mit seinen ureigenen Mitteln - auch aktuell Stellung. „Das ist ein guter Zeitpunkt für diese Ausstellung“, sagt Pia Drake, Stellvertreterin des erkrankten Direktors Wolfgang Schepers, unter Hinweis auf den im kommenden Jahr bevorstehenden 125. Geburtstag dieses Hauses - aber auch in Anspielung auf die fortdauernde Debatte um die Zukunft des Kestner-Museums.

Dessen Fusion mit dem Historischen Museum auf Verwaltungsebene ist im Rahmen eines Sparkonzepts bekanntlich bereits beschlossen. Und die Stadt strebt überdies eine Umwandlung in ein „Museum für antike Kulturen“ an. Viele befürchten, dass dies zulasten von angewandter Kunst und Design gehen könnte, die gleichfalls zu den Beständen des Hauses gehören. „Wir repräsentieren hier alle Sammlungsbereiche des Museums“, setzt Pia Drake dagegen. „Ägyptologie und Antike, angewandte Kunst und Design sowie Münzen und Medaillen.“

Fast von selbst versteht es sich, dass die Sonderausstellung von alldem nur einen Ausschnitt bieten kann. Doch wie groß die Qual der (Aus-)Wahl für die Kuratoren gewesen sein muss, lässt der Umstand ahnen, dass man sich auf 16 Sammler beschränken musste. Die Summe der Sammlungen, die dem Kestner-Museum im Laufe der 124 Jahre seiner Existenz übereignet worden sind, vermag keiner genau zu beziffern, sie soll sich im mittleren dreistelligen Bereich bewegen. Und auch die rund 800 im Rahmen von „Bürgerschätze“ gezeigten Exponate sind nur winzige Auszüge aus den jeweiligen Sammlungen. Von dem Ägyptologen Friedrich Wilhelm von Bissing (1873-1956) stammen allein 2000 Stücke im Bestand des Hauses. Der Rechtsanwalt Horst Egon Berkowitz (1898-1983) hat dem Museum mehr als 32 000 Münzen überantwortet. Sammelleidenschaft kann auch in dem Sinne zur Passion geraten, dass jene darunter leiden, die die Sammlungen bewahren müssen.

Die Kuratoren des Museums haben die Materialflut aber durchaus gebändigt - und den ältesten und wichtigsten Sammlungen besonderen Raum gewidmet: An der Westecke der Sonderausstellungsfläche wurde nach einem Aquarell Wilhelm Kretzschmers der Sammlungsraum von Friedrich Georg Hermann Culemann aus der Mitte des 19. Jahrhunderts meterhoch nachgemalt - und einige Ausschnitte in den Stellwänden bieten Durchblicke auf Originalexponate. An der Ostseite ist in gleicher Weise nach dem Aquarell von Georg Laves aus dem Jahr 1853 das Wohnzimmer August Kestners in der Via Gregoriana in Rom wiedererstanden. Culemann und Kestner markieren in mehrerem Sinne das Fundament dieses Museums: Culemanns Sammlung hatte die Stadt gekauft, Kestners Sammlung wurde Hannover geschenkt - mit dem Ziel, dafür ein Museum zu schaffen. „Die zwei Sammlungen stehen für privaten und öffentlichen Einsatz, die beiden Säulen des für dieses Museum konstitutiven bürgerschaftlichen Engagements“, sagt Pia Drake.

Angesichts öffentlicher Sparvorgaben wird privater Einsatz dabei umso wichtiger. Zu den Sammlungen, die „Bürgerschätze“ in den hohen Vitrinen zwischen den beiden Räumen präsentiert, zählt daher auch die der Stiftung Niedersachsen, die das Kestner-Museum durch Dauerleihgaben altägyptischer und byzantinischer Kunst unterstützt.

„Bürgerschätze“ wirft damit nicht nur Schlaglichter auf historisch weit ausgreifende Sammelleidenschaften. Die Ausstellung läuft auch auf die Warnung davor hinaus, die Sammlungen dieses Hauses gegeneinander auszuspielen - worin ein Appell an private Geldgeber ebenso wie an die Stadt liegt. Ob die Botschaft wohl ankommt?

„Bürgerschätze. Sammeln für Hannover“ bis 2. März 2014 im Museum August Kestner, Trammplatz 3.

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