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09:38 06.05.2014
Von Rainer Wagner
Probe auf der Bühne: Rudolf Buchbinder im Großen Sendesaal des NDR. von Ditfurth Quelle: Philipp von Ditfurth
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Hannover

Zum Abschluss fegte ein „Sturm“ durch den NDR-Sendesaal: Rudolf Buchbinder ließ seiner fulminanten Wiedergabe von Beethovens „Appassionata“ als hitzig erbetene Zugabe noch das Finale der „Sturm“-Sonate op. 31 Nr. 2 folgen (die kein Wetterbericht ist, sondern Shakespeares letztes Drama „The Tempest“ widerspiegeln soll) - und entsprechend bewegt waren die Besucher dieses Pro-Musica-Konzerts.

Es gibt Musiker, die bei ihrem Tun den Eindruck erwecken, dies alles müsse so und könne gar nicht anders sein. Unter den Dirigenten waren das beispielsweise Günter Wand, Carlo Maria Giulini oder Carlos Kleiber (und dass die drei höchst gegensätzliche Künstlerpersönlichkeiten waren, belegt eindringlich, dass dieser Gültigkeitsstempel immer an den jeweiligen Augenblick gebunden ist). Der Pianist Rudolf Buchbinder gehört zu dieser seltenen Spezies, die den Moment der Wahrheit beschwören kann. Nicht nur, aber vor allem, wenn er Beethoven spielt, klingt das über weite Strecken entwaffnend selbstverständlich und stimmig. Und dann setzt Buchbinder selbst immer wieder Widerhaken. Da ist die eine oder andere Betonung unerhört.

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Im Zweifelsfall lässt man sich mit ihm auf Diskussionen über Details gar nicht erst ein: Der Kenner und Sammler aller erdenklichen Beethoven-Editionen, der mit Wonne selbst der Urtext-Ausgabe Fehler nachweist, weiß schon, was er tut. Und die Zuhörer verbuchen die Widerborstigkeiten als Anregung. Das Andante aus der „Pastorale“ etwa klingt bei vielen Interpreten, als schlendere da jemand fröhlich vom Heurigen nach Hause, Buchbinder selbst hat das in seiner Gesamteinspielung aus den frühen achtziger Jahren reichlich aufgekratzt intoniert. Jetzt tönt es, als marschiere ein einsamer Wanderer geradewegs am Wiener Zentralfriedhof vorbei, wo es unerwartete Schatten gibt und wo auf dem Weg auch Stolpersteine liegen können. Zu dieser Sicht passt, dass das Anfangs-Allegro dieses Opus 28 eher verhangen als selbstbewusst auftritt. Da ahnt man, was später Schubert inspirierte.

Begonnen hatte Buchbinder, der seine Zyklen vernünftigerweise nicht chronologisch gliedert, sondern klug auf den Spannungsaufbau achtet, mit Beethovens früher A-Dur-Sonate op. 2/2. Er präsentierte sie als das Showpiece, das Beethoven wohl im Sinne hatte: als Demonstration seiner pianistischen Möglichkeiten. Das ist geistreich, hochvirtuos, verleugnet im Scherzo-Allegretto nicht den Nachhall der Empfindsamkeit und bietet im Finale genügend Freiraum für Abschweifungen.

So sehr ihm das Motorische liegt, das Pulsierende, auch Pochende, die Lieder ohne Worte finden in Buchbinder einen Interpreten, der auch Flügel zum Singen bringt. So gibt er dem kontrast- und rätselreichen Allegretto der E-Dur-Sonate op. 14/1 jenes Gewicht, das diesem Werk zusteht - nicht zufällig hat sich Beethoven zwei, drei Jahre nach der Komposition die Mühe gemacht, diese Klaviersonate für Streichquartett zu bearbeiten. Buchbinder sucht, findet und beschwört die Sehnsuchtsmomente der Melodie, die hier gleichermaßen selbstvergessen wie selbstverständlich ausschwingt. Dieser wahrhaftige Ton gelingt ihm auch im zweiten Satz der Sonate op. 90, der „sehr singbar vorgetragen“ werden soll: Sentiment pur ohne jede Sentimentalität.

Für die stärkeren Emotionen ist danach die f-moll-Sonate op. 57 zuständig, auch wenn deren Beiname „Appassionata“ nicht etwa dem Einfallsreichtum Beethovens entsprang, sondern eine Idee seines Verlegers war. Buchbinder ist hier auf der Suche nach den Widersprüchen, nach den Abgründen, nach dem Disparaten - und gibt dem Des-Dur-Andante jene Versponnenheit, die als Insel der Seligen gesehen werden kann, ehe dann der Schlusssatz geradewegs in einen Taumel der Gefühle führt.

Das reißt dann auch das Publikum von den Stühlen. Hatte es zuvor selbst in den Satzpausen höchste (und stille) Konzentration gezeigt, so gab es jetzt Ovationen im Stehen.

Im nächsten Frühjahr geht Rudolf Buchbinder mit seinem Beethoven-Zyklus im Großen NDR-Sendesaal in die Zielgerade (wenn auch noch nicht ins Ziel). Den 3. März 2015 sollte man sich unbedingt vormerken. Und nicht vergessen, dass in der kommenden Saison die Pro-Musica-Konzerte eine halbe Stunde früher beginnen! Von Buchbinders Beethoven wollen seine Bewunderer keinen Ton verpassen.

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