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Weltweit Pink zeigt in Hannover die hohe Schule des Pop
Nachrichten Kultur Weltweit Pink zeigt in Hannover die hohe Schule des Pop
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21:16 05.05.2013
Pink sprengt die Dimensionen herkömmlicher Popkonzerte. Quelle: Hagemann
Hannover

 Selten waren die Plätze im Block O10 der TUI Arena so wertvoll wie an diesem Sonnabend. Wer sich von dort aus ein Konzert ansieht, spart in der Regel ein paar Euro, sollte aber mindestens ein Opernglas im Gepäck haben, um die Entfernung zur Bühne visuell überbrücken zu können. Doch wenn US-Superstar Pink zu Gast ist, gibt es selbst dort oben unter dem Dach der Arena etwas zu erleben. Es dauert zwar bis zur Zugabe „So What“, doch plötzlich sitzen die Zuschauer in Block O10 in der ersten Reihe: Pink kommt leibhaftig angeflogen, schwebt an vier Seilen unter dem Hallendach und grüßt ihre Fans in den letzten Ecken der Arena aus ummittelbarer Nähe.

Dieser Hochseilakt etwa 20 Meter über dem Boden ist Höhepunkt und Abschluss einer spektakulären Show, die weit über das hinausgeht, was man sonst so Popkonzert nennt. Pinks Auftritt in Hannover war knallbuntes Varieté, perfekt einstudiertes Musical und atemberaubende Akrobatik irgendwo zwischen Cirque du Soleil und Moulin Rouge. Die 33-jährige Sängerin sprengt die Dimensionen, in ihrer Show gibt es kein Oben und kein Unten mehr – nur noch ein Mittendrin.

Dort, mitten im Publikum, scheint das Spektakel auch zu beginnen. Die zwei Leinwände links und rechts der Bühne zeigen Pink unter ihren Fans auf der Tribüne. Das ist – na klar – ein Ablenkungsmanöver, denn wenig später hebt sich der schwarze Vorhang vor der Bühne, und die US-Sängerin schießt leibhaftig aus dem Boden. Zwei Gummiseile zerren sie nach oben, wo sie von drei halbnackten Muskelprotzen empfangen wird. 11 000 Fans stehen mit 11 000 offenen Mündern da, während ihr Star fünf Meter über der Bühne fröhlich Salti schlägt und den Eröffnungssong „Raise Your Glass“ schmettert.

In den nächsten beiden Stunden ihrer „The Truth about Love“-Tour wechselt Pink ständig zwischen Abgehobenheit und Bodennähe. Die kleine, drahtige Frau mit der knallblonden Punkfrisur denkt eben nicht nur an die Fans ganz hinten, sondern kniet auch immer wieder ganz vorne am Bühnenrand, schüttelt Hände, gibt Autogramme, nimmt Teddys, T-Shirts, Briefe und sogar eine gehäkelte Mütze und Käsekuchen aus den Händen ihrer Fans entgegen. „Ich bin eine von euch“ soll das wohl heißen – und es ist glaubwürdig.

Auch wenn sie bei der nächsten Nummer zurück in die Höhe strebt, gezogen von Seilen oder ihren Tänzern, sie landet immer wieder sicher auf zwei Beinen und ganz nah bei ihren Fans. Die Wahrheit über die Liebe will sie erzählen, wie der Titel von Album und Tour suggerieren, und dazu gehört offensichtlich eine recht tiefe Zuneigung zu ihren Anhängern, die sie fast nach jedem Song auskostet.

Die Show ist lange geprobt und einstudiert, doch Pink nimmt sich immer wieder die Zeit, die Inszenierung zu unterbrechen. „Hannover – so much fun“ twittert sie später, und irgendwie glaubt man, dass das mehr als eine Phrase ist. Mit ihrem aktuellen Album liegt die Amerikanerin in den Charts ganz vorne.

Mancher hält sie für die legitime Nachfolgerin von Madonna. Tatsächlich lieben beide den Stilwechsel, auch Pink spielt mit Erwartungen, gibt die bunte Pop-Prinzessin genauso wie den abgründigen Vamp. Während sie den alten Chris Isaak-Song „Wicked Game“ ins Mikro haucht, darf ruhig etwas gefummelt werden. Ihre drei Tänzer graben sie an und tragen sie auf Händen. Von der Unnahbarkeit Madonnas will Pink jedoch bisher nichts wissen. Ein Mensch aus Fleisch und Blut steht da – und Pink hat keine Scheu, das zu zeigen. Nach der Geburt ihrer Tochter muss sie viel trainiert haben. Außer Puste ist sie dennoch gelegentlich. Sie fliegt schließlich nicht nur, sie rennt, hüpft, tanzt und springt durch Hits wie „Just Like a Pill“, „Trouble“ und „Blow Me (One last Kiss)“.

Im Gefolge hat sie immer eine Gang aus drei bis sieben sportlichen Tänzern, mal in Strapsen, mal in kurzen Röcken. Und viel Haut zeigen nicht nur die durchtrainierten Jungs. Liebe soll schließlich nicht nur Spaß machen, sondern darf auch verrucht sein. Bei der ganzen Action ist es gut, zwei kräftige Background-Sängerinnen zu haben, die den Gesangsteppich bereiten, auf dem Pink sich austoben kann. Auch Schlagzeuger und Gitarrist bekommen ausreichend Gelegenheit, sich zu präsentieren.

Zum Durchschnaufen ist auch der Mittelteil des Konzerts. Pinks aktueller Nummer-eins-Hit „Just Give Me a Reason“ sorgt für einen ruhigen Moment. Beim Auftritt in Hamburg hatte sie noch ihren Duettpartner Nate Ruess dabei, in Hannover ist er nur auf der Leinwand zu sehen. Für „The Great Escape“ setzt sie sich an den Flügel, hadert zwischendurch etwas mit dem Song, bringt ihn aber dennoch ordentlich und berührend zu Ende. „Fuckin’ Perfect“ – wie sie kurz danach singt – ist das nicht, dafür aber echt und hautnah. 

Von Ralf Heußinger

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