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Weltweit Primaballerina tanzt letzte Premiere
Nachrichten Kultur Weltweit Primaballerina tanzt letzte Premiere
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06:16 15.04.2012
Ende eines Traumes: Karine Seneca in ihrer letzten Rolle als Madame Bovary. Quelle: Weigelt
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Hannover

Die Augen sind geschlossen, der Kopf ist leicht zur Seite geneigt. Hände berühren ihren grazilen Körper, den langen Hals. Ihr Gesichtsausdruck, ihre Haltung haben etwas Hingebungsvolles. Dabei wirkt sie gleichzeitig traumverloren und entrückt. Dass ihr Bild derzeit sämtliche Litfaßsäulen der Stadt ziert, mutet fast wie eine Verletzung der Intimsphäre an. Karine Seneca ist „Madame Bovary“, die Titelfigur in dem gleichnamigen Ballett von Jörg Mannes, das am 28. April Premiere in der Staatsoper Hannover feiert. Sie wird diese tragische Rolle um die geplatzten Träume einer reifen Frau, die sie als besondere Ehre empfindet, mit Leib und Seele verkörpern. Es ist ihre letzte als Tänzerin. Zur Sommerpause beendet die 40-jährige Französin, die dann vier Jahre beim Niedersächsischen Staatsballett engagiert war, ihre Karriere. Und was dann? Sie zuckt mit den schmalen Schultern: „Ich weiß es nicht.“

Während viele ihrer Altersgenossen gerade die entscheidenden Sprossen der Karriereleiter erklimmen, um sich in einer Führungsposition endgültig zu etablieren, ist Karine Senecas bisheriges Berufsleben demnächst zu Ende. Noch jung und doch auf absehbare Zeit nicht mehr in der Lage, volle Leistung im Job zu erbringen, tritt sie ab. Sie teilt damit das Los vieler Kollegen, nicht mehr bis ins Rentenalter hinein ihren Traumberuf ausüben zu können. „Es ist hart“, sagt Seneca. Aber sie kennt es nicht anders. Berufstänzer leben eben nicht im Wolkenkuckucksheim, sondern sind knallharte Arbeiter. Und so sitzt Karine Seneca auch alles andere als entrückt in der Cafeteria der Staatsoper und stellt sich ganz offen den Fragen nach ihrer Zukunft. Ihr schmaler Körper ist eingehüllt in eine übergroße graue Fließjacke. Ihre Füße stecken in pinkfarbenen Puschen aus Polyesterwatte. Nur auf der Bühne ist Glamour erlaubt.

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„Transition“, „Übergang“, lautet die Bezeichnung für das Stadium, in dem Tänzer nicht länger Tänzer sind. Es ist ein Tabuthema in der immer auf Spitzenleistung und Perfektion ausgerichteten Ballettwelt. Umso wichtiger war es, dass ausgerechnet John Neumeier, Deutschlands renommiertester Choreograf, sich für ein Transitionszentrum starkmachte, das vor zwei Jahren in Berlin ins Leben gerufen wurde. Hier können sich Tänzer auf dem Weg in ein neues Berufsleben kostenlos beraten lassen und in Workshops an ihrer zweiten Zukunft arbeiten. Denn bis der Vorhang endgültig fällt, bleibt kaum Zeit, sich mit der Frage zu beschäftigen, wie es weitergehen soll.

Viel Ruhe zum Nachdenken habe auch sie bisher nicht gehabt, sagt Karine Seneca. Training, Proben, Auftritte - der Tagesablauf von Tänzern ist streng geregelt. Freizeit ist rar. Früher, sagt Seneca, habe ihr das nichts ausgemacht. Heute bedauert sie, dass sie kaum Zeit für die Familie hat, geschweige denn jemanden kennenzulernen. Sie sehne sich nach einem Partner, einer eigenen Familie - und einem neuen Beruf. „Am liebsten einen, der nichts mit Tanz zu tun hat“, sagt sie und muss lachen, „weil das alles zum jetzigen Zeitpunkt selbst für mich so unwirklich klingt.“ „Aber nein“, fährt sie ernst fort, es müsse sein: „Ich will mich aus diesem System lösen.“

Das „System“ ist eine für Außenstehende häufig antiquiert wirkende Parallelwelt, in der sich klassische Tänzer bewegen. Die „Exercises“, die Übungen im Training, haben sich seit mehr als 150 Jahren kaum verändert. Der Arbeitsalltag folgt ganz eigenen Regeln und erfordert in höchstem Maße Aufmerksamkeit und Disziplin. Das alles hat Karine Seneca nie geschreckt. Sie wollte von klein auf Tänzerin werden und hat von ihrer Heimatstadt Cannes aus einen beachtlichen Werdegang hingelegt: Sie tanzte unter Heinz Spoerli am Baseler Ballett und später an der Deutschen Oper am Rhein. Sie wurde Erste Solistin beim Züricher Ballett und tanzte schließlich die großen klassischen Rollen beim Boston Ballet, bevor sie nach Hannover kam. „Ich habe viel erreicht und bin glücklich darüber“, sagt sie rückblickend. „Aber ich habe 23 Jahre lang nicht zu Hause gewohnt, war immer unterwegs. Ich möchte nicht mehr ständig Abschied nehmen müssen, sondern endlich ein festes Heim haben.“ In Cannes besitzt sie ein kleines Apartment. Das ist ihr Trost, wenn sie an den Abschied aus Hannover denkt, an die Kollegen, die zurückbleiben.

Es ist ihre eigene Entscheidung aufzuhören. Vor zwei Jahren starb ihr Vater unerwartet. „Das hat für mich die Prioritäten verschoben. Tanz steht nicht mehr an erster Stelle.“ Doch auch der Körper, das Kapital eines Tänzers, streikt immer öfter. „Ich bin nicht mehr so produktiv wie früher“, sagt sie. Viele Verletzungen habe sie gehabt, doch auch das Alter mache sich bemerkbar. „Der Job kostet mich immer mehr Energie. In den Ferien kann ich es mir längst nicht mehr leisten, einfach das Training zu unterbrechen. Es ist Zeit für mich, der Bühne den Rücken zu kehren“, sagt sie. Es klingt entschlossen, ohne eine Spur von Wehmut oder Bitterkeit. „Ich bin schließlich nicht die Erste, die damit fertig werden muss“, fügt sie hinzu.

Der große Bruch bleibt in der Tat nur wenigen erspart. Und zumeist sind es die Superstars, die sich bis ins hohe Alter erfolgreich im Rampenlicht bewegen. Margot Fonteyn etwa, stilprägende Primaballerina des Royal Ballet, hatte Glück, dass der junge Rudolf Nurejew in London ihr Partner wurde, als sie bereits 42 Jahre alt war. Ihre Karriere kam noch einmal richtig in Schwung und währte noch mehr als zehn Jahre. Nurejew selbst tanzte, bis er 54-jährig seiner Aidserkrankung erlag. Die heute 74-jährige Marcia Haydée, die ebenfalls seine Tanzpartnerin war, stand jüngst wieder in einer Titelrolle auf der Bühne des Stuttgarter Balletts, wo sie einst als Primaballerina und Ballettdirektorin Zeichen setzte. Sie tanzte zwar nicht, war aber der Star des Abends. Frenetisch gefeiert wird auch immer noch Sylvie Guillem, Jahrgang 1965. Auch sie gilt als eine der größten Tänzerinnen unserer Zeit und tourt gerade in einem Benefizstück für Japans Erdbebenopfer um die Welt, das sie sich von Mats Ek und William Forsythe auf den Leib choreografieren ließ.

Für eine andere Weltklassetänzerin war dagegen im vergangenen Jahr endgültig Schluss: Hamburgs Primaballerina Joëlle Boulogne gab mit 43 Jahren ihre Abschiedsvorstellung. Sie habe ihren eigenen Ansprüchen nicht mehr genügt, begründete sie ihren Schritt in einem Interview mit der Wochenzeitung „Die Zeit“. Nun habe sie Angst vor der Leere. Boulogne stammt ebenfalls aus Cannes. Vielleicht trifft sie dort auf die hannoversche Primaballerina. „Ich werde ein bisschen bei der Touristeninformation arbeiten und bei den Filmfestspielen. Da sehe ich viele Leute“, sagt Karine Seneca.

Premiere von „Madame Bovary“ ist am Sonnabend, 28. April, 19.30 Uhr, in der Staatsoper Hannover. Die nächsten Vorstellungen: 3., 25. Mai. Karten gibt es unter (0511) 518-1833.

11.04.2012
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